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Tag der Muttersprache - "Esperanto hat mir nur Vorteile gebracht"

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Kann eine Kunstsprache Muttersprache sein? Sie kann. Der Ex-Diplomat Ulrich Brandenburg über seine Erfahrungen mit Esperanto.

Wörterbuch Deutsch-Esperanto
Wörterbuch Deutsch-Esperanto
Quelle: dpa

heute.de: Sie sind einer der wenigen Esperanto-Muttersprachler. Wie ist es dazu gekommen?

Ulrich Brandenburg: Das stimmt, von uns gibt es nicht so viele - vielleicht bislang 1.000 insgesamt. Dass ich neben Deutsch mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen bin, hat einen einfachen Grund: Mein Vater hat mit uns drei Kindern ausschließlich Esperanto gesprochen. Man könnte Esperanto also auch als meine Vatersprache bezeichnen.

heute.de: Was war der Grund für diese ungewöhnliche Entscheidung?

Brandenburg: Nach vier Jahren und mehreren Verwundungen im Krieg war mein Vater nach der Heimkehr entschlossen, sich für mehr Völkerverständigung einzusetzen. Wenig später hat er von Esperanto erfahren, es dann gelernt und später auch unterrichtet. In einem solchen Kurs haben sich auch übrigens meine Eltern zum ersten Mal getroffen.

heute.de: Wird man da als Kind auch schnell zum Außenseiter, weil die anderen einen argwöhnisch betrachten?

Brandenburg: In der Schule hat das doch kaum jemand mitbekommen - außer vielleicht, dass es mir wegen meiner zweisprachigen Erziehung recht leicht gefallen ist, andere Sprachen zu lernen. Außerdem sind Esperantisten weltoffen und reiselustig. Meine Geschwister und ich haben schon früh eine Menge von der Welt gesehen. Unterm Strich hat es mir also nur Vorteile gebracht. Deshalb haben meine Frau und ich uns später auch entschieden, es genauso auch mit unseren Kindern zu machen.

heute.de: Ist Ihnen während Ihrer Zeit als Botschafter Esperanto in Verhandlungen dann auch nützlich gewesen?

Brandenburg: Bei offiziellen Treffen nicht, aber es gibt tatsächlich eine Anzahl von Diplomaten, die fließend Esperanto sprechen. Über Esperanto gewinnt man im Ausland außerdem viele private Kontakte - über diplomatische Kreise hinaus. Die Sprache hat mir Türen und Möglichkeiten eröffnet, Menschen kennenzulernen.

heute.de: So richtig durchsetzen konnte sich Esperanto ja nicht als universelle Sprache. Ist das nun mehr als nur eine Randerscheinung?

Brandenburg: Es kommt darauf an, was man unter durchsetzen versteht. Es ist nach heutigem Stand bisher nicht die Weltsprache geworden, die sich der Erfinder vor 131 Jahren vorgestellt hat. Aber es gibt heute dennoch eine sehr lebendige Sprechergemeinschaft. Hundertprozentig belastbare Zahlen gibt es zwar nicht, aber wir gehen davon aus, dass weltweit um die 100.000 Menschen aktiv Esperanto sprechen - in Deutschland einige Tausend.

heute.de: Und da tauscht man sich auch untereinander aus?

Brandenburg: Ja, und zwar sehr rege! In den letzten Monaten war ich auf drei Esperanto-Treffen - zwei mit mehr als 200 Teilnehmern, eines mit 65. Darunter sind Veranstaltungen, zu denen ganze Familien kommen. Und es ist beeindruckend zu sehen, wie sich auch Kinder aus vielen Ländern untereinander ausschließlich in dieser Sprache unterhalten.

heute.de: Ist für Nachwuchs also gesorgt - oder ist die Zahl der Sprecher rückläufig?

Brandenburg: Ich habe den Eindruck, dass sich unter den Jüngeren mehr Menschen für Esperanto interessieren. Viele lernen die Sprache in Online-Kursen. Und inzwischen gibt es auch eine App, mit der sich Esperantisten schnell finden können. Früher war das oft sehr mühsam und mit langem Austausch per Brief verbunden. Es ist viel einfacher geworden Esperanto zu lernen und auch zu leben.

heute.de: Gibt es DEN typischen Esperantisten?

Brandenburg: Ich kenne keine soziologische Untersuchung, die das näher erforscht hat. Nach meiner Einschätzung sind es vor allem Menschen mit Freude an Sprachen, die Esperanto lernen und sprechen, Menschen mit Interesse an internationalen Kontakten. Und es gibt heute mehr Kinder, die mit Esperanto aufwachsen. Was meine Familie betrifft: Mit meinem zweijährigen Enkel spreche ich Esperanto.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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