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Tag der Nachbarschaft - Von der App zum Gartenzaun: Mit Nachbarn quatschen

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Um seine Nachbarn kennenzulernen, kann man klingeln oder klopfen. Man kann aber auch ins Netz gehen. Seit einigen Jahren gibt es Online-Portale, die Menschen zusammenbringen.

Anwohner lernen sich kennen
Tag der Nachbarn - an diesem Freitag sollen sich möglichst viele Nachbarn persönlich treffen.
Quelle: obs / nebenan.de Stiftung GmbH

Der Kumpel des Nachbarn hat sich mit der Freundin verkracht und sitzt jetzt auf der Straße. Ein Zimmer muss her, schnell. Eine andere Nachbarin hat den Code für ihr Fahrradschloss vergessen, sie sucht einen Bolzenschneider. Und eine Familie aus der Nachbarstraße braucht einen Babysitter. Ganz normale Probleme, die sich oft mit Hilfe der Nachbarn lösen lassen. Doch klingeln, klopfen, lange suchen? Dafür hat kaum noch jemand Zeit und Muße. Apps wie "nebenan.de" setzen genau hier an und wollen Abhilfe schaffen.

Auf der 2015 gegründeten Plattform können sich Nachbarn nicht nur zu Aktivitäten verabreden, sondern auch Dinge tauschen, verkaufen und verschenken. "Das Portal ist für praktisch-pragmatische Nachbarschaftshilfe da, aber auch zur Förderung der Gemeinschaft und ein Mittel gegen die Einsamkeit", sagt Mitgründerin Ina Remmers vom Berliner Sozialunternehmen Good Hood GmbH.

"Portal hat das Wir-Gefühl deutlich verstärkt"

Deutschlandweit gibt es demnach rund 1,2 Millionen aktive Nutzer in rund 7.000 Nachbarschaften. Monatlich kämen bis zu 50.000 neue Nutzer hinzu. Vor allem in Großstädten und mittelgroßen Städten sei das größte soziale Netzwerk für Nachbarn Deutschlands flächendeckend vertreten.

Viviane Czernietzki
Viviane Czernietzki.
Quelle: dpa

Eine solche Nachbarschaft ist die Hufeisensiedlung im Berliner Ortsteil Britz. Mehr als 460 Bewohner sind dort registriert und täglich gibt es Angebote und Anfragen - von Rasentrimmern, Kosmetika bis hin zu Büchern und Spielen. Man trifft sich, schenkt, kauft, kommt ins Gespräch.

"Ich habe einen Couchtisch von einer Nachbarin bekommen", erzählt Bewohnerin Viviane Czernietzki, der auch der ökologische Gedanke dabei gefällt. "Man muss ja nicht immer alles neu kaufen." Sie wiederum habe bereits Bücher verschenkt, eine Bierzeltgarnitur verliehen und Kontakte zu ihrem Mann - einem Handwerker - vermittelt. "Das Portal hat die Nachbarschaft deutlich belebt und das Wir-Gefühl deutlich verstärkt", sagt die 44-Jährige und dreifache Mutter.

Tag der Nachbarn

An diesem Freitag sollen sich möglichst viele Nachbarn persönlich treffen. Die nebenan.de-Stiftung - eine Tochter der Good Hood GmbH - ruft Privatleute, soziale Institutionen, Vereine, Kitas und Schulen deutschlandweit auf, sich mit Festen und Veranstaltungen am zweiten "Tag der Nachbarn" zu beteiligen. "Wir haben bundesweit bereits rund 3.000 Anmeldungen", so Remmers. Bei der Premiere 2018 seien es rund 1.000 Nachbarschaftsfeste gewesen.

Das Bundesministerium für Familie und Senioren unterstützt die Aktion laut einem Sprecher mit fast 300.000 Euro, "weil hier Menschen aus allen Lebensbereichen zusammenkommen und ein Zeichen für ein nachbarschaftliches, solidarisches Miteinander im ganzen Land setzen". Der Tag der Nachbarn ist angelehnt an den "Europäischen Tag der Nachbarschaft", der seit dem Jahr 2000 stattfindet.

Konkurrenz durch Facebook-Gruppen

Seit wenigen Jahren muss sich nebenan.de gegen Konkurrenz aus den USA behaupten. Der dortige Marktführer Nextdoor drängt seit 2017 auf den Markt. Auch andere Plattformen sorgen für Austausch. Lokale Gruppen finden sich etwa auch bei Facebook. Und verschenken und verkaufen kann man unkompliziert auch bei ebay-Kleinanzeigen. "Bei nebenan.de muss man sich aber mit seinem echten Namen anmelden und dort geht es nicht so anonym zu", sagt Nutzerin Beate Robie, ebenfalls aus der Hufeisensiedlung, die einem Nachbarn bereits mit einem Arbeitsplatz in ihrem Haus ausgeholfen hat und anderen Teppichen schenkte. 

Nicht überall sind aber nur positive Stimmen zu hören. Nutzer aus anderen Regionen berichten etwa von Nachbarn, die das Forum als Partnerschaftsbörse nutzen oder zum Verbreiten ihrer politischen Ansichten.

Aus Sicht des Stressforschers Mazda Adli kann ein gut funktionierendes Online-Netzwerk aber ein gutes Mittel sein, das Unterstützungsnetzwerk in der Nachbarschaft auszubauen. "Das beugt sozialer Isolation vor, dem wichtigsten Stressfaktor in der Stadt, der nachweislich die Psyche beeinflusst", so der Psychiater. Allerdings beschränke sich die Nutzergruppe nur auf Menschen, die digital-affin seien, betont Adli.

In Dörfern gibt's kaum Mitglieder

In Dörfern ist nebenan.de bislang kaum zu finden. "Es gibt noch Luft nach oben", so Remmers. Dort mangele es einfach auch an technischer Infrastruktur, sagt die Expertin für ländliche Regionalentwicklung, Andrea Soboth.

"Außerdem tun sich ältere Menschen schwerer mit der Technik", so die Mitinhaberin des Instituts für Regionalmanagement in Gießen. Weil Vernetzung aber auch auf dem Lande wichtig sei, gebe es in einigen Bundesländern die Initiative "Digitale Dörfer". "Allein von der Technik wird die Welt aber auch nicht besser, es braucht auch Menschen, die damit etwas machen wollen", betont die Expertin.

Wahl-Berlinerin klingelt an 200 fremden Türen

Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sieht in Nachbarschafts-Apps wie nebenan.de die Zukunft. "Sie helfen, das Leben in der realen Welt besser und intelligenter zu organisieren", so Janszky. Aus seiner Sicht werden sie die Mensch-zu-Mensch-Kontakte nicht ablösen. Im Gegenteil. "Sie sind die Betriebssysteme dahinter". Allerdings glaubt Jánszky, dass die Finanzierung schwierig werden könnte. "Ich bin da nicht ganz so optimistisch wie die Gründer", so der Trendforscher. Langfristig soll sich die noch von Investoren unterstützte Plattform nebenan.de über Beiträge von lokalen Gewerbetreibenden und Förderern finanzieren.

Dass man seine Nachbarschaft auch ganz ohne App erobern kann, hat Stephanie Quitterer gezeigt. Die Wahl-Berlinerin nutzte ihre Elternzeit, um 200 Nachbarn in ihrer Straße im Prenzlauer Berg zu besuchen. Ganz spontan, ohne Ankündigung und immer mit einem Kuchen.

"Es war eine Extremflucht nach vorn", sagt die gebürtige Bayerin, die sich als sehr schüchtern beschreibt. Sie habe viel Mut gebraucht, an fremden Türen zu klingeln und auch einige Abfuhren eingesteckt, sagt die Autorin, die über ihr Experiment das Buch "Hausbesuche" geschrieben hat. Doch es habe sich gelohnt. "Ich fühle mich jetzt deutlich wohler in meiner Nachbarschaft und es gibt nichts Schöneres, als Freunde direkt nebenan zu haben", so Quitterer.

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