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Tag der Umwelt - Die Chemie der Zukunft: Eine Welt ohne Abfall

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Ressourcen schützen - so lautet das Motto am Tag der Umwelt. Doch eigentlich brauchen wir die pure Verschwendung, sagt Chemiker Braungart. Seine Vision: Eine Welt ohne Abfall.

Plastikflaschen liegen zusammen mit anderem Treibgut am Strand.
Plastikflaschen am Strand: 2050 soll es mehr Plastikteile im Meer geben als Fische.
Quelle: imago

Es sind wahre Horrorzahlen: Bis zu zehn Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr in den Ozeanen, 2050 soll es mehr Plastikteile im Meer geben als Fische. Die Menschheit muss außerordentlich reich sein. Wie sonst ist es erklärbar, dass der Rohstoff Öl in Form von Plastik einfach so weggeworfen wird?

Professor Michael Braungart ist Chemiker und Verfahrenstechniker. Seit vielen Jahren ärgert er sich über die Verschwendung von Ressourcen. Sein Vorbild ist die Natur. Da gibt es keinen Müll, alles verbleibt im natürlichen Kreislauf und wird ständig verwertet. "Mit unserer Art zu wirtschaften, subventionieren wir einzig und allein die Müllverbrennungsanlagen", sagt Braungart. Und er hat nachgerechnet: Gäbe es in Europa eine perfekte Kreislaufwirtschaft, würde das eine Ersparnis von 600 Milliarden Euro im Jahr bringen.

Von der Wiege bis zu Wiege

Michael Braungart ist nicht nur Kritiker, er ist auch Macher. Mit seinem Team der von ihm 1987 gegründeten EPEA Internationale Umweltforschung GmbH (EPEA: Environmental Protection Encouragement Agency) hat er mittlerweile eine ganze Reihe von Modellprojekten konzipiert und umgesetzt, alle nach dem "Cradle-to-cradle"-Motto, von der "Wiege bis zur Wiege".

Die Grundidee ist einfach: Produkte von Anfang an so intelligent konstruieren, dass alle Materialien wieder verwendet werden können. "Jedes Pigment, jeder Farbstoff, jeder Hilfsstoff wird genauso gestaltet, dass man nachher die Stoffe wieder zurück in Kreisläufe bekommt. Es gibt also keinen Abfall mehr. Alles ist Nährstoff für die Technosphäre" - so sieht Braungart sein Konzept, das er zusammen mit dem US-Architekt William McDonough entwickelt hat.

"Heute ein Schreibtischstuhl, morgen ein Autoteil"

Prinzipiell lässt sich diese neue Art des wirtschaftlichen Denkens in allen Sektoren anwenden: Verbrauchsgüter und Kosmetik, Gebäude, Verpackungen, Druck und Papier oder Textilien. Beispiele für erfolgreiche Pilotprodukte liefert Braungart auch: Textilien, die kompostiert werden können, Teppichböden, die sich an ihrem technischen Lebensende wieder in die Grundsubstanzen zerlegen lassen, und - eines seiner Lieblingsprojekte - der recycelbare Bürostuhl.

Alle Einzelteile sind aus demselben Material und können für neue Produkte bereitgestellt werden. "Die Kunststoffe lassen sich 300 Mal einschmelzen und wieder einsetzen" erklärt Braungart. "Das würde aber heißen, dass wir die nächsten 3.000 Jahre praktisch denselben Schreibtischstuhl im Design haben. Das will ich aber gar nicht. Heute ist das ein Schreibtischstuhl, morgen ein Autoteil, übermorgen kommt es in einen Fernseher."

Und dann kommt die Revolution im Braungartschen Denken: "Man verkauft nur noch die definierte Dienstleistung 'gesundes Sitzen' für, sagen wir mal, zehn Jahre und dann geht das Material zurück und die Komponenten können wieder eingesetzt werden." Der Vorteil: "Die Hersteller würden sogleich ihre Produkte solider und haltbarer machen, weil sie sie ja eines Tages sozusagen als Rohstofflager zurücknehmen müssen. Wozu braucht jeder eine eigene Waschmaschine?“ fragt Michael Braungart. "Der Kauf der Dienstleistung '5.000 Wäschen' deckt doch Kundenwünsche komplett ab." Danach geht die Maschine zurück ins Werk, wird entweder aufgearbeitet oder auseinandergebaut, um die Materialien ganz anders zu verwenden. 

Verschwenden erlaubt - Paradigmenwechsel notwendig

Damit das Konzept im großen Stil funktionieren kann, sind sehr detaillierten Angaben über alle möglichen Materialieneigenschaften notwendig. Dazu müssen Datenbanken aufgebaut werden, auf die alle Unternehmen Zugriff haben, die ein "Cradle-to-cradle"-Projekt starten wollen. Was im Zuge der Digitalisierung kein ernsthaftes Problem sein sollte.

Während am internationalen Tag der Umwelt Politiker und Umweltverbände eigentlich wie immer zu mehr Ressourceneffizienz auffordern, propagiert Braungart die pure Verschwendung. Denn bei einem geschlossenen Stoffkreislauf ist es egal, wieviel Material eingesetzt wird. Es geht ja nichts verloren. Deswegen geht es darum, den besten öko-effektiven Weg zu finden, sozusagen die Schaffung von Nährstoffzyklen für die technisch-industrialisierte Welt.

Das ist ein tiefgreifender Paradigmenwechsel, der komplett neue Geschäftsmodelle erforderlich macht. Das gelernte kleine Einmaleins des Geldverdienens unserer klassischen Wirtschaft würde über den Haufen geworfen werden. Womit die Frage beantwortet ist, warum bisher kein Land der Welt eine "Cradle-to-cradle"-Wirtschaft kompromisslos aufbaut. Der Leidensdruck ist offenbar noch nicht groß genug.

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