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Urteil gegen Ratko Mladic - Aug in Aug mit dem "Schlächter"

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Lebenslänglich für den ehemaligen serbischen General Ratko Mladic - so lautet das Urteil des Haager Kriegsverbrechertribunals. Nicht alle Angehörigen seiner Opfer sind zufrieden.

Radko Mladic - Der "Schlächter von Srebrenica"

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Etwas verloren steht Fikret Alic im Vorraum des Gerichtsgebäudes und hält schüchtern Ausschau nach Leuten, die sich für seine Geschichte interessieren könnten. In Händen, an seinen Bauch gelehnt, hält Alic das Foto, das als Titelbild des TIME-Magazins um die Welt ging und zur Ikone für die Leiden der Bosniaken wurde. Es zeigt ihn. Er war 22, als er im Sommer 1992 - wie Tausende bosnische Muslime - ins Internierungslager von Trnopolje kam und eine Tortur begann, die ihn bis heute traumatisiert.

Fikret Alic spricht am 22. November 2017 mit Reportern
Fikret Alic mit dem Cover des TIME-Magazins, auf dem er selbst abgebildet ist. Quelle: ap

Vor allem sind es Mütter, die zum Internationalen Strafgerichtshof nach Den Haag gekommen sind, um das Urteil gegen Ratko Mladic, den "Schlächter von Srebrenica" genannten einstigen bosnisch-serbischen Armeechef, aus nächster Nähe zu verfolgen. Noch einmal wollen sie dem Mörder ihrer Söhne ins Auge blicken. Die Erleichterung ist zum Greifen, als um kurz nach 12 der Richter das Strafmaß verliest: Lebenslang. "Damit bin ich zufrieden, mehr geht ja nicht", sagt Alic. Und auch die vielen Mütter verspüren ein bisschen Genugtuung. "Aber unsere Söhne gibt uns das nicht zurück", sagte eine. Manche der Frauen haben ihre ganzen Familien verloren. "Mit dieser lebenslangen Strafe leben wir schon seit Jahren." Die tiefen Furchen in ihren Gesichtern lassen auch 25 Jahre später in Den Haag noch erahnen, welche Schicksale der Bosnien-Krieg hinterließ.   

Mladic hielt den Prozess für Makulatur

Doch in die Erleichterung mischt sich auch Unmut. Viele der Opfer und Opfer-Vertreter, die nach Den Haag zum letzten großen Urteil im Jugoslawien-Tribunal gekommen sind, hätten sich eine noch stärkere Urteilsbegründung gewünscht. Ausdrücklich erkennt der Strafgerichtshof nur die Gräueltaten in der von der serbischen Armee überrannten UN-Enklave Srebrenica an, die Massaker an vielen anderen Orten hingegen nicht in der gleichen Ausdrücklichkeit. Am Strafmaß für Mladic, den militärischen Architekten des Völkermords, ändert das zwar nichts, aber die Symbolik des Urteils werde dadurch abgeschwächt, meinen viele der Opfer.

General Ratko Mladic (Archivbild von 1993)
General Ratko Mladic (Archivbild von 1993) Quelle: reuters

Über zwei Stunden dauert die Verlesung und Begründung des Urteils. Mal regungslos, mal spöttisch grinsend, mal zu seinem im Publikum sitzenden Sohn winkend, verfolgt der inzwischen 75-jährige Ex-General Mladic die Ausführungen des Richters. Mladic ist noch heute der wuchtige, großgewachsene Mann, als er im Bosnien-Krieg auftrat. Doch die Schlaganfälle und Herzprobleme lassen ihn ein wenig hinfällig erscheinen. "Lüge! Lüge!" ruft er zwischen durch in den Saal. Er und seine Anwälte halten den ganzen Prozess für Makulatur. Kurz vor Ende provozieren sie den Eklat: Den Antrag der Verteidigung auf Verschiebung oder Beschleunigung der Urteilsverkündung aufgrund zu hohen Blutdrucks des Angeklagten lehnt das Gericht ab. Unter wütenden Schreien wird Mladic aus dem Saal geführt. Die eigentliche Urteilsverkündung muss er dann im Hinterzimmer über den Monitor verfolgen.

Ein Anfang für die Aussöhnung?

Chefankläger Serge Brammertz sieht im Richterspruch einen "wichtigen Schritt für die internationale Justiz". Über 600 Zeugen wurden an 523 Prozesstagen gehört, auch Brammertz geht mit dem Mladic-Urteil nun eine kleine Epoche zu Ende. So sehr ihn das Urteil erleichtert, so sehr beunruhigt ihn, wie wenig die Den Haager Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zur Versöhnung auf dem Balkan beigetragen hat. "Noch immer gehört die Heroisierung von Kriegsverbrechern bei vielen zum guten Ton", sagt er im ZDF-Interview. Das Gericht habe nun seinen Teil geleistet, die Verurteilung von Verantwortlichen der Verbrechen könne nun einen Anfang für die Aussöhnung der einstigen Kriegsgegner sein, so die Hoffnung.

Ficret Alic und die Mütter von Srebrenica haben mit ihrem "Kampf für die Wahrheit", wie sie es nennen, ihren Beitrag geleistet. Aber die Traumata und Wunden werden bleiben. Lebenslang ist auch ihr Schicksal.

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