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Vor 30 Jahren - Herborn: Als die Katastrophe in den Ort raste

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Genau 30 Jahre ist her: Am Abend des 7. Juli 1987 ereignet sich in der hessischen Kleinstadt Herborn eine der größten Gefahrgut-Katastrophen, die Deutschland je erlebt hat. Sechs Menschen kommen ums Leben, 38 werden verletzt, zwölf Häuser brennen ab. Was damals geschah.

Vor 30 Jahren verwandelt ein Tanklastzug das Städtchen Herborn in ein flammendes Inferno. Auf einer Gefällstrecke rast der mit 34.000 Litern Treibstoff beladene Laster in eine Eisdiele und explodiert.

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3 min
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Am Abend des 7. Juli 1987 fährt ein fünfachsiger Sattelzug auf der Bundesstraße 255 Richtung Herborn. Beladen ist das Gefährt mit 28.000 Litern Benzin und 6.000 Litern Diesel. Etwa zehn Kilometer vor Herborn fällt die Bundestraße steil ab, acht Prozent Gefälle. Der Fahrer des Sattelzuges versucht, die Geschwindigkeit zu verringern, aber sein Gefährt reagiert nicht. Die Bremsen sind defekt.

Die Zugmaschine des Mercedes 1635 S ist mit dem damals noch neuen EPS-System ausgestattet - eine elektropneumatische Schaltung. Das heißt, die Getriebesteuerung ist so programmiert, dass ein Gang, der eine zu hohe Drehzahl des Motors zur Folge hätte, von der Elektronik verhindert wird. Das Getriebe des Unglückslasters aber befindet sich im Leerlauf - und somit entfällt auch die Bremswirkung des Motors. Das wird dem Fahrer und Herborn zum Verhängnis. Mit gut 100 Kilometern pro Stunde rast der Lkw bergab - direkt in die Stadt hinein.

Entscheidende Momente

An der Kreuzung Westerwaldstraße/Hauptstraße versucht der Fahrer noch, den Sattelzug um die Kurve zu manövrieren. Das Gefährt aber ist schon viel zu schnell, das Manöver misslingt, der Lkw streift die Ecke eines Hauses und kippt um.

Aus dem umgestürzten Lkw laufen mehrere Tausend Liter Benzin aus. Der Fahrer wird von Passanten aus dem Führerhaus befreit, schwerverletzt warnt er die Umstehenden noch vor der Möglichkeit einer Explosion, schreiend und mit letzter Kraft fordert er die Menschen auf, den Unglücksort zu verlassen. Sekunden später explodiert das Gefährt. Die Explosion erschüttert die gesamte Altstadt.

Noch weiß kaum einer, was geschehen ist. Wie viele andere Herborner hört auch Joachim Wienecke die riesige Explosion. Von der Terrasse seines höhergelegenen Hauses beobachtet er eine riesige Rauchwolke, die über die Stadt zieht. Holger Lehr dagegen hält es nicht in seinem Haus. Er rennt zur Unglückstelle und erlebt, wie überall die Kanaldeckel mit ungeheurer Wucht in die Luft geschleudert werden. Nach Sekunden erst schlagen sie berstend wieder auf der Erde auf. Später wird man wissen: Das Öl-Benzin-Gemisch war in die Kanalisation geflossen und hatte sich dort entzündet.

Der Fluss brennt

Feuer und Rauch ziehen durch die ganze Stadt. Und auch die nahe Dill entzündet sich durch Öl und Benzin, das in den Fluss floss. Hundert Meter hoch und tiefschwarz stehen die Rauchsäulen über der Stadt. Karl-Heinz Walther, damals stellvertretender Wehrführer der Kernstadtwehr, sagt, es sei ein Glück, dass der Treibstoff auf der Dill verbrannt sei und nicht in den engen Straßen der Altstadt. Denn dann hätte die Katastrophe noch ganz andere Ausmaße angenommen.

Zwei glückliche Umstände kommen der Stadt an diesem Abend zugute. Zum einen hat die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Herborn an jenem Dienstag ihren Übungs- und Kameradschaftsabend. Die Feuerwehrmänner sind daher schon etwa drei Minuten nach dem Unglück an der Einsatzstelle. Zum anderen ist Ernst Achilles, Direktor der Branddirektion Frankfurt und weltweit einer der führenden Brandschutzexperten dieser Zeit, zum Unglückszeitpunkt zufällig in der Nähe. Als er im Auto die Radiomeldung hört, fährt er sofort zum Unglücksort. Um 20:59 Uhr wird Katastrophenalarm ausgelöst.

Sechs Tote, viele Verletzte

Mehr als 500 Männer sind in der Folge zur Bekämpfung der Brände und zur Rettung der Menschen eingesetzt. Gegen Mitternacht, so erinnert sich Walter Lehr, sind die Brände unter Kontrolle. Dennoch dauert der Einsatz der Rettungskräfte noch fast vierzig Stunden an, bis zum Morgen des 9. Juli. Erst dann ist man sich sicher, alle Glutnester erstickt, alle Opfer geborgen zu haben.

Am schlimmsten trifft es eine Eisdiele: Dort wo am Abend noch ein Haus steht, sind in der Unglücksnacht nur noch Schutt und Trümmer zu erkennen. Fünf Menschen sterben in den Flammen oder unter den Trümmern. Eine Frau erliegt einem Herzinfarkt. Sieben Brandopfer werden gerettet und in Kliniken gebracht. Insgesamt gibt es 38 Verletzte. Zwölf Häuser werden durch Feuer und Explosion völlig zerstört.

Die Konsequenzen

Zweieinhalb Jahre nach dem Unfall verurteilt das Landgericht Limburg den Fahrer des Lastwagens zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe. Nach Überzeugung des Gerichts wusste er von den defekten Bremsen. Der Inhaber der Spedition muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Auch er kannte die Probleme und hatte dennoch die Nutzung des defekten Lkws angeordnet.

Kurze Zeit nach dem Unglück wird auf der Unglücksstrecke, etwas außerhalb von Herborn eine Notfallspur eingerichtet und ein Verbot für Lkw über 7,5 Tonnen verhängt. Viele Fahrer aber missachten das Verbot, und als sich 1993 erneut ein Lastwagenunglück ereignet, wird der Notfallspur eine enge Linkskurve vorangesetzt, die nur mit geringer Geschwindigkeit - es gilt ein Tempolimit von 30 - durchfahren werden kann. Schnellere Fahrzeuge gelangen jetzt zwangsweise in ein Kiesbett.

Die Stadt ist heute sicherer - die Erinnerung an das Unglück aber ist noch immer lebendig.
Wenn Holger Lehr und Karl-Heinz Walther von jener Katastrophennacht sprechen, erzählen sie aber auch immer wieder von der unglaublichen Hilfsbereitschaft, die die Herborner in jenen Tagen gezeigt hatten. Dankbarkeit und Schrecken - sie prägen die Erinnerung. Auch noch nach 30 Jahren.

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