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16 Millionen auf der Flucht - Tausende Flüchtlinge in Afrika verschollen

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Neben Mittelmeerflüchtlingen sind Millionen Menschen in Afrika auf der Flucht. Tausende ertrinken, sterben in der Wüste oder verschwinden. Letzte Ruhe bieten oft anonyme Gräber.

Flüchtlinge aus dem Südsudan in Kuluba, Uganda
Auf der Flucht - wie hier vom Südsudan nach Uganda.
Quelle: ap

Einer nach dem anderen werden die fünf Särge in einem Grab in der roten Erde bestattet. Die kritzelige Aufschrift auf dem billigen Holz zeugt von der Anonymität der Toten: "Unbekannt B/männlich", ist dort zu lesen. Die Migranten, die auf dem ärmlichen Teil eines südafrikanischen Friedhofs begraben werden, stammten aus anderen Teilen Afrikas.

Wie Tausende andere hatte es sie auf der Suche nach einem besseren Leben in die südafrikanische Provinz Gauteng mit ihrer blühenden Schattenwirtschaft gezogen. Übersetzt bedeutet der Name der Provinz etwa "Land des Goldes". Doch statt Wohlstand fanden viele Migranten hier den Tod und wurden anonym bestattet. Zwischen 2014 und 2017 waren das mehr als 4.300 Menschen allein in Gauteng. Einige der Särge auf dem Olifantsvlei-Friedhof sind so klein, dass sie nur Kindern gehören können.

Fast 20.000 Flüchtlinge tot oder verschwunden

Flüchtlingscamp im Tschad (Archivbild vom 11.03.2015)
Viele Kinder überleben die Flucht nicht.
Quelle: ap

Angesichts der weltweiten Flucht vor Krieg, Hunger und Arbeitslosigkeit ist die globale Migration auf ein Rekordhoch gestiegen. Im vergangenen Jahr flohen mehr als 258 Millionen Menschen aus ihren Heimatländern. Der Tribut der Massenbewegung aber ist weniger offensichtlich: Zehntausende Menschen kommen auf der Flucht ums Leben oder verschwinden und werden nie wieder gesehen. Immer mehr Migranten ertrinken, sterben in der Wüste oder fallen Schleppern zum Opfer. Ihre Angehörigen wissen nichts über das Schicksal der Verschwundenen. Zugleich füllen unbekannte Leichname Friedhöfe auf der ganzen Welt, so wie den in Gauteng.

Viel ist die Rede von den zahlreichen afrikanischen Flüchtlingen, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Doch viele Migranten - 16 Millionen - sind innerhalb von Afrika auf der Flucht. Seit 2014 kamen laut einer Aufstellung der Nachrichtenagentur AP mindestens 18.400 von ihnen ums Leben oder verschwanden. Die Zahl basiert auf Daten der Internationalen Organisation für Migration, der Vermisstenstatistik und Informationen aus Tausenden Interviews mit Migranten, die das Mixed Migration Centre in Genf führte.

Mehr Tote in Sahara als im Mittelmeer

Flüchtlinge in der Wüste
Die Flucht in der Wüste ist gefährlich.
Quelle: ap

Unter den Opfern sind mehr als 8.700 Menschen, deren Reisegefährten über das Verschwinden auf dem Weg weg vom Horn von Afrika berichteten. Wenn Menschen auf der Flucht durch Afrika verloren gehen, bleibt von ihnen häufig keine Spur. Einige verschwinden im riesigen Netz offizieller und inoffizieller Gefängnisse in Libyen. Und in der Sahara könnten nach Einschätzung der IOM mehr Flüchtlinge ums Leben gekommen sein als im Mittelmeer.
Doch in einer Region, in der Grenzen nicht viel mehr sind als auf Landkarten eingezeichnete Linien, wird es nie Gewissheit geben. Und keine Regierung ist bereit, eine Fläche von dieser Größe abzusuchen. In glühender Hitze verwesen Leichname schnell und werden unter dem herumwirbelnden Wüstensand begraben. Selbst wenn die Toten gefunden werden, sind sie normalerweise nicht mehr zu identifizieren.

Meiste Migranten in Südafrika

Die meisten Migranten in Afrika zieht Südafrika mit seiner florierenden Wirtschaft und stabilen Regierung an. Die Behörden sammeln akribisch Fingerabdrücke - fast jeder Staatsbürger und Bewohner mit legalem Aufenthaltsstatus ist erfasst. Bei Toten ohne Eintrag wird daher davon ausgegangen, dass sie illegal im Land waren. Von den Leichnamen werden oft Fingerabdrücke genommen, manchmal DNA-Proben.

Township Alexandra in Johannesburg
Tausende suchen ihr Glück in Südafrika.
Quelle: dpa

Südafrika hat eine der weltweit höchsten Rate an Gewaltverbrechen. Die Polizei konzentriert sich stärker auf die Lösung inländischer Fälle als auf die Identifikation von Migranten. "Das hat eine gewisse Logik, so traurig es ist", sagt die Leiterin der acht Leichenschauhäuser in Gauteng, Jeanine Vellema. "Als Polizei will man einen Mörder finden, weil der Mörder weitere Menschen töten könnte." Die Identifikation von Flüchtlingen dagegen ist vor allem ein Thema für die Familien im Ausland, die obendrein arm sind.

Neue Technik soll bei Identifikation helfen

Jeder Mensch hat ein Recht auf seine Würde
Stephen Fonseca

Vellema hat sich um Zugriff auf die Vermissten-Datenbank der Polizei bemüht, um ein System elektronischer Totenscheine aufbauen zu können. Ihr Ziel ist außerdem, von allen menschlichen Überresten eine DNA-Probe zu nehmen. Sie seufzt: "Ressourcen". Und so landen die Leichen erstmal weiter in namenlosen Gräbern in Olifantsvlei oder auf einem ähnlichen Friedhof. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und eines der Leichenschauhäuser in Gauteng haben nun ein Pilotprojekt gestartet, um unbekannte Leichnahme zu identifizieren. "Jeder Mensch hat ein Recht auf seine Würde", sagt der regionale Forensik-Experte des IKRK, Stephen Fonseca. "Und auf seine Identität."

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