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Tech-Experten schlagen Alarm - Die Geister, die sie riefen

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Facebook, Twitter & Co. können süchtig machen und die Demokratie gefährden - davor warnen mehrere IT-Entwickler. Sie zweifeln an ihren eigenen Produkten und wollen dagegen steuern.

Justin Rosenstein, Miterfinder des Like-Buttons, fordert mehr Verantwortungsbewusstsein in der Tech-Branche. Die Likes würden User gezielt am Handy halten.

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Justin Rosenstein hat eine Kindersicherung auf seinem Smartphone installiert. Der 34-Jährige will sich sozialen Netzwerken so weit wie möglich entziehen. Den Großteil seiner Apps hat er bereits von dem Handy verbannt, auf Facebook bewegt er sich nur noch vom Computer aus.

"Ich habe sozialen Medien irgendwann mehr Aufmerksamkeit gewidmet als ich eigentlich wollte", erzählt Rosenstein im ZDF-Interview. "Jedes Mal, wenn einer deiner Beiträge geliked wird, brummt das Telefon. Du bekommst ständig Feedback und irgendwann lässt dich das Smartphone einfach nicht mehr los."

Tech-Größen warnen vor eigenen Entwicklungen

Rosenstein gilt als einer der Vordenker der Tech-Industrie im Silicon Valley. Er war an der Entwicklung des Google Messenger-Dienstes Gchat beteiligt, hat später den Like-Button auf Facebook mit erfunden. Mit seiner Arbeit habe er eigentlich nur eines erreichen wollen, sagt Rosenstein: Menschen miteinander zu verbinden. Doch nun schlägt er Alarm, warnt vor der Suchtgefahr sozialer Medien und deren negative Auswirkungen auf gesellschaftliches Denken und Handeln.

Rosenstein ist nicht allein. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Mitarbeitern der Tech-Industrie, darunter der ehemalige Google-Manager Tristan Harris und der frühere Facebook-Investor Roger McNamee, hat er das "Zentrum für humanitäre Technologie" ins Leben gerufen. "Technologie nimmt unseren Verstand und die Gesellschaft in Geiselhaft", warnen die Gründer gemeinsam. Sie wollen eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Verantwortung ihrer Branche und die psychologischen Folgen der Smartphone-Nutzung für die Menschen anstoßen.

Sucht von der Industrie gewollt

Mit dem Like-Button können User auf Facebook und anderen Plattformen ihre Sympathie bekunden, mit der Pull-to-Refresh-Funktion lassen sie auf dem Bildschirm mit einem Wisch nach unten die neusten Inhalte anzeigen, der rote Benachrichtigungs-Icon meldet verpasste Nachrichten und Inhalte. Das sind nur einige der Features mit Suchtpotential: Sie fördern das Bedürfnis, ständig etwas Neues erfahren zu wollen und die Furcht, ein Ereignis zu verpassen. Die Tech-Unternehmen nutzen sie, um die User so lange wie möglich online zu halten. Damit sind sie empfänglicher für Werbung, mit der die meisten social-media-Plattformen ihr Geld verdienen.

"Das führt dazu, dass die Menschen verlernen, sich auf Dinge wirklich konzentrieren zu können", so Rosenstein im ZDF-Interview. "Sie springen mental von einer Sache zur nächsten, ohne in die Tiefe zu gehen. Eigentlich leiden alle, die ich kenne, unter dieser permanent geteilten Aufmerksamkeit. Wie soll man auch im Leben präsent sein, Momente wirklich erleben, wenn man sich ständig mit dem Smartphone beschäftigt?"

Der Reiz des Ungewissen

Das Bewusstsein dafür, dass Glücksspiel, Drogen- und Zigarettenkonsum abhängig machen können, hat sich in der Gesellschaft schon lange durchgesetzt. Die Risiken und Nebenwirkungen von sozialen Medien und Smartphones allerdings sind weniger offensichtlich, dabei spricht die Technologie dieselben neurologischen Pfade an.

"Online-Plattformen funktionieren nach dem Prinzip der zeitweisen Belohnung", erklärt Hilarie Cash. Die Psychologin leitet in der Nähe von Seattle ein Detox-Camp für Tech-abhängige Jugendliche. "Wie beim Glückspiel weiß man nicht, ob man auf den Plattformen eine Belohnung erfährt oder nicht." Der Like-Button sei da ein gutes Beispiel: "Ich freue mich, wenn vielen Menschen mein Kommentar oder mein Foto gefällt. Wenn ich keine Likes bekomme, bin ich enttäuscht. Es ist ungewiss, was passieren wird. Das macht den Reiz aus."

Mehr Ethik und weniger Profit?

Justin Rosenstein und die anderen Mitglieder des "Zentrums für humanitäre Technologie" halten staatliche Regulierungen bei einer sich ständig weiterentwickelnden Technologie für keine gute Lösung, um der Suchtgefahr entgegen zu wirken. Sie setzen auf neue Geschäftsmodelle und mehr Eigenverantwortung ihrer Branche. "Die Tech-Unternehmen müssen aufwachen und sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Die User für maximalen Gewinn so lange wie möglich online zu halten, darf nicht das Ziel sein", so Rosenstein. "Stattdessen sollten die Entwickler ihr Knowhow nutzen, um mit ihren Designs den Nutzen für die Gesellschaft zu erhöhen, etwa dafür sorgen, dass den Usern unterschiedliche Meinungen zu verschiedenen Themen präsentiert werden. Wir könnten die verständnisvollste und bestinformierte Gesellschaft aller Zeiten werden."

Mehr Ethik und möglicherweise weniger Profit? Rosenstein wird es schwer haben, seine Branche von einem Umdenken zu überzeugen. Vielleicht, so hofft er, werden aber die User durch seinen Weckruf ihr Nutzungsverhalten ändern. Rosenstein und einige andere Tech-Profis haben es ja schon getan - und die Geister, die sie selbst  riefen, aus ihrem eigenen Leben so gut es geht verbannt.

Drei Fragen an Justin Rosenstein

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