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Europa der Zukunft - Tallinn: Technologie-Stadt von übermorgen

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Estland macht vor, wie unser Leben in Zukunft aussehen könnte: Roboter, die Pakete liefern, das dichteste Netz an Ladesäulen für Elektroautos, Wahlen im Internet. Und jetzt erobern selbstfahrende Busse die estnische Hauptstadt Tallinn. Ein Blick in die Zukunft.


Eigentlich donnert eine Straßenbahn hier über die Gleise, doch die Tram ist vorerst einem geräuschlosen Verkehrsmittel gewichen: Den zentralen Viru-Platz der estnischen Hauptstadt Tallinn mit dem Kreativzentrum Telliskivi am Hafen verbindet seit zwei Wochen ein elektrisch betriebener Bus.

Fortschritt aus der Not heraus

Der Clou am E-Bus: Er kommt ganz ohne Fahrer aus. Es ist die erste selbstfahrend betriebene Buslinie, die am fließenden Verkehr teilnimmt. Der Bus bleibt an Ampeln stehen, erkennt Verkehrshindernisse und verzichtet schon einmal auf die eigene Vorfahrt, um unachtsame Autofahrer gewähren zu lassen.

Luukas Ilves ist für diese Idee des öffentlichen Personenverkehrs von übermorgen verantwortlich. Der selbstfahrende Bus ist aus der Not heraus geboren: Die Gleisanlage der zentrale Straßenbahnlinie Tallinns sollte bis zum Beginn der EU-Ratspräsidentschaft Estlands im Jahr 2018 modernisiert werden, doch dann kam der Brexit: Die EU-Ratspräsidentschaft Estlands wurde um ein halbes Jahr vorgezogen. Seit Juli hat Estland die Ratspräsidentschaft schon inne - die zentrale Straßenbahnlinie wurde nicht fertig - also musste ein anderes Transportmittel her.

Digitalisierung wird groß geschrieben

Die Digitalisierung ist ohnehin Estlands Steckenpferd. Das zeigt sich an einer fast endlosen Reihe von Maßnahmen: Die Regierung tagt papierlos, gewählt wird im Internet, es gibt Programmierkurse für Grundschüler und das dichteste Netz an Ladesäulen für Elektroautos in Europa. Roboter als Paketboten, ein Grundrecht auf den Internetzugang, eine Chipkarte für alle staatlichen Leistungen und kostenloser Personennahverkehr für die Bewohner der Hauptstadt. Im Gründungsland von Skype, Starship und Transferwise fühlt man sich wie im Europa der Zukunft. Die EU-Ratspräsidentschaft steht auch deswegen klar im Zeichen der Digitalisierung: Im September lädt Estland die Staats- und Regierungschefs der EU zum ersten Digitalgipfel Europas ein.

Der selbstfahrende Bus könnte eine Antwort auf Dieselgate, Fahrverbote und die Luftverschmutzung in den Innenstädten Europas sein. Noch sind die zwei Busse in Tallinn, die eine Gesamtstrecke von zwei Kilometern abfahren, im Pilotbetrieb unterwegs.  Ilves vergleicht den Einsatz der Busse mit der Smartphone-Revolution: Man befinde sich noch am Anfang dieser Technologie. Das erste Mobiltelefon hätte schließlich auch nichts mit den heutigen Smartphones zu tun gehabt. Es sind große und unhandliche Koffer mit einem Telefonhörer gewesen. Auf diesem Entwicklungsstand würde sich noch der selbstfahrende Bus befinden, so Ilves.

Noch im Schneckentempo

Noch unterscheidet der Bus zum Beispiel bewegliche Hindernisse nicht von statischen Hindernissen. So umfährt der Bus der Zukunft Laternenmasten am Straßenrand mit äußerster Vorsicht und im Schneckentempo, denn die zahlreichen Kameras und Sensoren des Busses unterscheiden nicht zwischen Laternenmast und Mensch am Wegesrand. Der Bus ist immer darauf vorbereitet, dass sich ein Hindernis auf die Fahrbahn bewegen könnte - im Falle des Laternenmastes wohl eher unwahrscheinlich. Die Vorsicht führt dazu, dass der Bus an manchen Stellen von Fahrradfahrern und manchmal auch Fußgängern überholt wird. Doch schneller als der Individualverkehr im Berufsverkehr der Tallinner Innenstadt ist er schon jetzt allemal.

Zwölf Personen passen in den Innenraum des kleinen Fahtzeuges, sechs davon dürfen sitzen, und alle Fahrgäste zeigen sich durchweg begeistert. Esten und Touristen mit Fotoapparaten und Smartphones bewaffnet scharren sich um den kleinen grün-weißen Bus. Jeder möchte mitfahren, jeder ein Foto machen und den öffentlichen Personennahverkehr der Zukunft nutzen.

Polizei nicht sonderlich begeistert

Die Polizei in Estland hingegen war bei Einführung des selbstfahrenden Schienenersatzverkehrs skeptisch. Unberechtigt wie sich jetzt zeigt: Bislang fährt der Bus völlig unfall- und schadenfrei durch Tallinn. Das Nadelöhr an der Abfahrt zum Fähranleger am Hafen, an dem von allen Seiten Autos kommen, meistert er fast schon bravurös und verzichtet auch auf die eigene Vorfahrt, wenn es Autofahrer mit den Verkehrsregeln nicht so eng sehen.
Sobald die Gleisbauarbeiten abgeschlossen sind, weicht der Zukunfts-Bus und macht erst einmal wieder Platz für die Straßenbahn. Die Daten und Messergebnisse, die er während seines Einsatzes gesammelt hat, sollen Kinderkrankheiten ausmerzen und das Gefährt fit für die Zukunft machen. Vor dem Einsatz im regulären Linienbetrieb müssen auch rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen und Haftungsfragen geklärt werden. Doch man kann sich jetzt schon fast sicher sein: Sobald der Bus richtig fit für die Großstadt ist, wird er seine Runden als erstes in Tallinn drehen können.

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