Sie sind hier:

"Teilhabeatlas" Deutschland - Gute Chancen im Süden, Osten hinkt hinterher

Datum:

Baden-Württemberg, Teile Bayerns und Südhessen - hier sind die Chancen für Menschen besonders gut, zeigt der "Teilhabeatlas". Wichtig dabei: jede Region hat andere Bedürfnisse.

Archiv: Eine Bushaltestelle am 23.07.2005 bei Hintersee (Mecklenburg-Vorpommern)
In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten müssen die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben.
Quelle: picture alliance / blickwinkel

Wie gut die Menschen in Deutschland am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, hängt zu einem guten Teil davon ab, wo sie wohnen. Das zeigt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot Stiftung. Demnach hängen die meisten ostdeutschen Regionen sowie fast alle ländlichen Kreise im Land zurück. Doch auch Bewohnern in einigen westdeutschen Städten geht es so, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Menschen, die dort leben, haben geringere Teilhabechancen. Gemessen wurde die Teilhabe anhand einer Reihe von Indikatoren wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Höhe der Einkommen, der Verfügbarkeit schneller Internetzugänge oder der Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen.

Deutschlandkarte unterteilt in jährlich verfügbares Haushaltseinkommen.
Im Westen des Landes haben die Menschen insgesamt mehr Einkommen zur Verfügung.

Realistische Einschätzung der eigenen Chancen

Neben diesen objektiven Bedingungen hat sich die Studie auch mit der subjektiven Wahrnehmung der Bürger beschäftigt. So wurde ihre Zufriedenheit und das persönliche Gefühl oft davon beeinflusst, wie die Entwicklung im unmittelbaren Umfeld wahrgenommen wurde, sagt der Soziologe und Autor der Studie, Frederick Sixtus. "Wenn zum Beispiel auf dem Land das örtliche Krankenhaus schließt, oder die Schule dicht macht, weil zu wenig Schüler übrig sind, dann trübt das die Empfindung der Bewohner."

Dabei seien die tatsächlichen Teilhabechancen relativ realistisch eingeschätzt worden. Zum Beispiel sei Menschen auf dem Land bewusst, dass sie beispielsweise für Besorgungen weitere Strecken in Kauf nehmen müssen oder für besondere Besorgungen auf die nächste größere Stadt angewiesen sind, so Sixtus.

Was die Wahrnehmung beeinflusst

Besonders optimistisch und zufrieden waren die, die das Gefühl hatten, dass sich ihre Region positiv entwickelt. "Das Gefühl der Selbstwirksamkeit, also ob die Menschen die Ärmel hochkrempeln und versuchen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und zu verbessern, war regional sehr unterschiedlich ausgeprägt", sagt Sixtus. In manchen Gegenden hätten die Menschen stärker das Gefühl, durch Engagement oder Beteiligung in der Kommunalpolitik die Situation zum Besseren beeinflussen zu können.

Wenn in Regionen, die eine lange Durststrecke durchgemacht hätten, die Menschen das Gefühl hatten, dass es wieder bergauf geht, beispielsweise weniger junge Menschen weggingen, oder ein neuer Laden öffnete, wurde die Situation deutlich besser eingeschätzt, berichtet Sixtus. "Dann äußerten sie sich mitunter ähnlich zufrieden oder sogar zufriedener als von Regionen, denen es objektiv gesehen besser geht“.

Unzufrieden waren jene, die sich abgehängt und abhängig gefühlt hätten. Jene, die das Gefühl hatten, dass es nur noch bergab geht und sie selbst dieser Entwicklung nichts mehr entgegen setzen können.

Deutschlandkarte unterteilt in Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss.
Je höher der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss, desto geringer die sozialen Teilhabechancen.

Unabhängig davon und den tatsächlichen Teilhabechancen sei man aber überall auf Menschen getroffen, die gerne in ihrer Region lebten und von einer besonderen Bindung zu ihrer (Wahl-)Heimat hätten, berichten die Autoren. Wer sich einem Ort verbunden fühle, sei eher bereit, sich zu engagieren und zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen.

Wie kann mehr Teilhabe entstehen?

Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, für "gleichwertige Lebensverhältnisse" in allen Teilen des Landes zu sorgen. Mit einem Zwölf-Punkte-Plan will sie schwache Gegenden in Deutschland stärken. Die Autoren des "Teilhabeatlas" sehen das ganz anders: Die Studie hätte vor allem gezeigt, dass die Regionen in Deutschland und die Lebensbedingungen vielfältig seien. Die Menschen stellten mitunter auch Ansprüche an ihren Wohnort. Diese Vielfalt sollte zur Grundlage der Politik gemacht werden. Um die Teilhabechancen für alle Deutschen zu erhöhen, "müsste die Politik das Versprechen der Gleichwertigkeit als Ziel hinterfragen", meint Sixtus.

"Es wurde immer vermieden zu definieren, was Gleichwertigkeit überhaupt bedeutet. Das führt schnell dazu, dass eine Rechnung aufgemacht wird, in der Dinge miteinander verrechnet werden, die eigentlich wenig miteinander zu tun haben." So würden Erwartungen geschaffen, die am Ende eigentlich nur enttäuscht werden könnten. Seine Forderung: Eine garantierte Grundversorgung, die heute auch so etwas wie einen schnellen Internetzugang beinhalte. Außerdem die Möglichkeit, für Kommunen lokale Konzepte zu entwickeln.

Demnach sollte beispielsweise eine Grundschule nicht geschlossen werden, wenn sie die Schülerzahl unterschreitet, sondern es müsste über ein alternatives Konzepte nachgedacht werden, um die Versorgung vor Ort zu erhalten. "Die Politik sollte für gleiche Bildungschancen überall sorgen, weil Bildung die wichtigste Voraussetzung für individuelle gesellschaftliche Teilhabe ist", appelliert Sixtus.

Die Frage sollte immer lauten: Wie kann die Leistung, die den Menschen zusteht, unter den Bedingungen vor Ort ermöglicht werden? "Dabei sollten Ideen von unten zugelassen und die kommunalen Handlungsspielräume erweitert werden. Man sollte akzeptieren, dass die Menschen vor Ort die Experten für ihre eigene Situation sind", sagt Sixtus.

Methodik der gefühlten Teilhabechancen

Der Autorin auf Twitter folgen: @Alica_Jung

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.