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Telefonseelsorge - Bei Anruf Trost

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Die Telefonseelsorge ist immer da, auch an Weihnachten. Meist geht es um Einsamkeit, Familienkrisen, Beziehungsprobleme. Pauschallösungen gibt es keine, aber immer ein offenes Ohr.

Frau am Telefon mit Hörer im Vordergrund
Quelle: ZDF

Anneliese ist nicht ihr richtiger Name. Doch für die Anrufer ist Anneliese ein Gegenüber: "Wer bei uns bei der Telefonseelsorge anruft, hat sonst niemanden zum Reden". Wenn sie spricht, kann man das Lächeln der 68-Jährigen geradezu hören. Sie trägt einen grünen Blazer über einem weißen Top, die Haare sind kurz und weiß. Sehen können ihre Anrufer das natürlich nicht. Gerade hat sie ein Gespräch beendet. Begonnen hatte es der Anrufer mit den Worten: "Die letzten Jahre waren sehr schwierig." Knapp eine Stunde lang hat er sich Anneliese anvertraut, sich von der Seele geredet, was sich über Monate in ihm angesammelt hat und was er mit niemandem sonst besprechen konnte.

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr

Nun hat sie sich gerade abgemeldet – die Leitung ist nicht besetzt, Anrufer werden an eine der anderen zwei Dienststellen weitergeleitet, die die Erzdiözese München und Freising betreibt. Insgesamt 105 regionale Stellen gibt es in ganz Deutschland. Rund 7.500 Ehrenamtliche engagieren sich unter der Trägerschaft der Katholischen und der Evangelischen Kirche bei der Telefonseelsorge. Etwa 90 sind es in München, dazu zehn Hauptamtliche – ein Luxus, betont Alexander Fischhold, der die Dienststelle in München leitet. In kaum einer anderen Region gäbe es so viele Hauptamtliche, die die Ehrenamtlichen unterstützten. Gemeinsam führen sie im Jahr über 20.000 Gespräche, jedes davon im Schnitt 20 Minuten lang. Wer anruft, bekommt Trost, wenn möglich Hilfe, in jedem Fall ein offenes Ohr – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Auch an Weihnachten.

Letztes Jahr an Weihnachten hat Anneliese auch gearbeitet. "Eine Dame hat angerufen", erinnert sie sich, "die hatte so darauf gehofft, dass ihre Tochter sie wenigstens an Weihnachten besuchen kommt, das hat sie aber nicht." Anneliese hat versucht, ihr in ihrer Einsamkeit Trost zu spenden. Gerade an den Feiertagen brauchen das viele. Die Zahl der Anrufe steigt zwar nicht, aber bestimmte Themen rücken besonders in den Vordergrund. Gerade in dieser Zeit werden sich viele ihrer eigenen Einsamkeit bewusst und suchen jemanden zum Reden. Auch für Familienkrisen und Beziehungsdramen liefert Weihnachten häufig den passenden Zündstoff. Pauschallösungen gibt es bei den Telefonseelsorgern nicht. "Das Wichtigste ist, erst einmal Ruhe da reinzubekommen", sagt Anneliese.

Verschnaufpausen sind kurz

Sie selbst findet diese Ruhe vor ihrer Schicht. In der St. Paulskirche an der Münchner Theresienwiese gönnt sich Anneliese ein paar Minuten, um Kraft zu sammeln, bevor sie wenige Meter weiter den unscheinbaren Nachkriegsbau betritt, in dem die Telefonseelsorge untergebracht ist. Im Dienst sind die Verschnaufpausen kurz: "Wäre ich jetzt nicht abgemeldet, hätte das Telefon sicher schon geklingelt", sagt sie. Mehr als zehn Minuten liegen fast nie zwischen den Gesprächen. Vier Stunden dauert eine Schicht, in der Nacht sind es acht – dann ist es ruhiger. In Annelieses Büro steht deshalb ein ausziehbarer Sessel, der in den Nachtschichten als provisorisches Bett dient. Ansonsten ist das Büro schlicht eingerichtet: Schreibtisch, eine kleine Kommode und ein paar zusätzliche Stühle.

Wenn sie das Büro verlässt, lässt sie auch die Anrufe hinter sich – so gut es geht. Manchmal aber auch nicht. Über das eine Mal möchte sie kaum reden. Die Anruferin erzählte ihr, Suizid begehen zu wollen und die Tabletten schon geschluckt zu haben. Die Telefonnummer können die Seelsorger nicht einsehen, auch keine Adresse ermitteln, nur das Gespräch bleibt. Eine Stunde sprach Anneliese mit der Frau, dann meldetet sich plötzlich ein Feuerwehrmann – man übernehme jetzt. "Das war meine Rettung", sagt Anneliese. Wer die Feuerwehr alarmiert hat und wie es weiter ging, weiß sie bis heute nicht.

Um mit diesen Herausforderungen umzugehen, durchlaufen die Telefonseelsorger eine einjährige Ausbildung. An zwölf Wochenenden lernen die Ehrenamtlichen Gesprächsführung, Beratungskonzepte und ausgewählte Themen der Psychologie kennen. Danach übernehmen sie noch mindestens 25 Hospitationen – Telefonschichten, die sie sich mit erfahrenen Seelsorgern teilen – erst dann übernehmen sie eigene Dienste. "Ich weiß trotzdem nie, was kommt", sagt Anneliese. Auch dieses Jahr wird sie an Weihnachten eine Schicht übernehmen und denen zuhören, die sonst niemanden finden. Am Anfang war sie noch aufgeregt, aber inzwischen hat sie eine gewisse Routine. Zwei-, dreimal lässt sie klingeln, sammelt sich – dann hebt sie ab.

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