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Wechsel von ISDN zu IP - Telekom-Kunden: Zurück in die 70er Jahre?

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Die Deutsche Telekom AG stellt ihr Netz auf das Internet-Protokoll (IP) um und schaltet ISDN ab. Für Kunden im ländlichen Raum kann das fatale Konsequenzen haben.

Ein Laptop steht auf einem Holzpfeiler im Grünen.
Telekom stellt ISDN ab - Müssen viele Kunden auf dem Land deswegen bald auf eine Internetverbindung verzichten?
Quelle: imago

Thomas Bauer aus Hundsbach im Schwarzwald überlegt sich gerade, ob er sich wieder ein Telefon mit Drehscheibe zulegen soll. "Ich fühle mich als Telekom-Kunde zurückversetzt in die 1960er oder 70er-Jahre", meint der im Schwarzwald lebende Förster. Derzeit flattern nämlich Telekom-Kunden wie ihm, also Kunden mit einem ISDN-Anschluss, deutschlandweit Kündigungen ins Haus. Gekündigt werden die alten Call&Surf-Comfort-Verträge, weil die Telekom ihr Netz auf IP-Vermittlung umstellen will.

Und das heißt für einige Kunden, dass sie nicht mehr ins Internet kommen; dass sie keine E-Mail mehr versenden oder empfangen und auch keine Suchmaschinen mehr benutzen können. Was den digitalen Alltag der Menschen in Deutschland heutzutage ausmacht, bleibt diesen Telekom-Kunden verwehrt. "Wenn ISDN abgeschaltet wird, bleibt uns nur noch ein analoger Anschluss", berichtet Thomas Bauer. Für den Förster wäre das verhängnisvoll. Denn mit einem reinen Telefonieanschluss könnte er weder Kartierungsdaten über den Borkenkäferbefall in seinem Revier noch andere Dienstdokumente an den Landkreis schicken.

Neuer Tarif funktioniert nicht

Die Abschaltung hätte aber noch weitere Konsequenzen, denn Thomas Bauer vermietet Ferienwohnungen in der Nähe - auch die sind von der ISDN-Abschaltung betroffen: "Unsere Gäste in den Ferienwohnungen hätten dann keinen eigenen Anschluss mehr", sagt Thomas Bauer.

Dabei hat die Deutsche Telekom AG in einigen Fällen im Kündigungsschreiben einen neuen Tarif angeboten, der bei den ISDN-Anschlussinhabern Hoffnung weckte. Ihnen wurde ein VDSL-Anschluss mit dem Tarif "Magenta Zuhause M" angeboten. "Genießen Sie dabei Highspeed-Internet mit bis zu 50 Mbit/s im Download und mit bis zu 10 Mbit/s im Upload", warb die Telekom für die Tarifumstellung.

Doch Langzeitmessungen an einem eigens geführten Referenzanschluss im ostfriesischen Landkreis Leer beispielsweise, der auch auf IP-Vermittlung umgestellt werden soll, ergaben, dass der angebotene Tarif aus technischen Gründen gar nicht realisiert werden kann. Die dort vorhandenen Kupferleitungen für den ISDN-Anschluss gaben nur Uploadgeschwindigkeiten von bis zu sechs Kilobit pro Sekunde und Downloadgeschwindigkeiten von bis zu 40 Kilobit pro Sekunde her.

Telekom räumt Fehler ein

Konfrontiert mit den Messprotokollen räumte die Deutsche Telekom nach eingehender Diskussion der technischen Messungen immerhin ein: "Wir bedauern, dass Ihnen in Ihrem Ankündigungsschreiben zur IP-Umstellung ein Tarif empfohlen wurde, der technisch nicht realisierbar ist." Danach hatte die Telekom drei alternative Lösungen parat. Der angebotene Tarif "Magenta Zuhause mit Funk" scheitert in Ostfriesland wie im Schwarzwald am fehlenden Funknetz. "Wir sind zu 90 Prozent auf der Hundsbacher Gemarkungsfläche nicht mit Mobilfunknetzen erreichbar", schildert zum Beispiel Thomas Bauer.

Auch der von der Telekom empfohlene Tarif "Magenta Zuhause S" lässt sich mit den nachgemessenen Datengeschwindigkeiten nicht realisieren. Bleibt also nur noch der "Call Standard über MSAN POTS" genannte Tarif. Und der bietet eben genau die Leitungsmerkmale, die wir vom rein analogen Telefonieanschluss her kennen.

"Meine Ansprüche sind eigentlich relativ bescheiden", meint Thomas Bauer. Er will zum einen telefonieren können und jede Ferienwohnung über eine eigene Telefonnummer erreichen können. "Zum anderen möchte ich einen stabilen Internetanschluss haben, der zeitgemäß ist." Genau diesen Wunsch kann oder will ihm aber die Deutsche Telekom AG nach der IP-Umstellung nicht mehr erfüllen. 

IP-Umstellung hängt offenbar ländlichen Raum ab

In Hundsbach im Schwarzwald wie im ostfriesischen Landkreis Leer trifft es also ISDN-Kunden im ländlichen Raum. Teilweise ist deren bisheriger ISDN-Anschluss mit mageren 384 Kilobit pro Sekunde Nominalgeschwindigkeit für diese Kunden aus beruflichen Gründen absolut notwendig. Wenn die nach der IP-Umstellung nur noch einen Anschluss für reine Telefonie haben, bricht deren Existenzgrundlage weg. Die Pressestelle der Deutschen Telekom AG versichert, es werde nach Lösungen gesucht.

Doch die bisher vorgeschlagenen sind entweder aus technischen Gründen nicht umsetzbar oder beinhalten nur reine Telefonie. So bedeutet die IP-Umstellung der Telekom für einige Kunden im ländlichen Raum, dass sie tatsächlich in Sachen Telekommunikation eine Art Zeitreise in die 1970er Jahre antreten müssen.

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