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Immer mehr Telematik-Tarife - Die Versicherung, die mich durchschaut

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Versicherer kennen ihre Kunden immer besser dank neuartiger Telematik-Tarife. Sie übermitteln permanent Daten über ihr Verhalten. Mit Folgen für Datenschutz und Solidarprinzip.

Frau am Steuer
Wer sich ans Tempolimit hält, kann Geld sparen: Mit sogenannten Telematik-Tarifen. Quelle: ZDF

Eine Versicherung funktioniert so: Viele zahlen in einen Topf ein, damit wenige, die einen Schaden haben, entschädigt werden können. Doch funktioniert das noch, wenn die Versicherer ihre Kunden immer besser kennen - mit Hilfe neuartiger Telematik-Tarife, die es ermöglichen, permanent Daten zu übermitteln? Sind die Folgen irgendwann hohe Versicherungsprämien für "schlechte Risiken“,  bis hin zur Ablehnung des Versicherungsschutzes? Und was ist eigentlich mit dem Datenschutz? Diesen Fragen widmete sich die 28. Wissenschaftstagung des Bundes der Versicherten in Berlin.

Punkte sammeln für Rabatte

Viele Versicherungen bieten ein Rabatt-System an. Seit 2016 etwa bietet die Generali mit dem Tarif "Vitality" ein System für Kunden an, die eine Risikoleben- und/oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei der Generali-Tochter Dialog Leben abgeschlossen haben. Die Kunden übermitteln per App dem Versicherer ihre Gesundheitsaktivitäten wie Fitnesskurse, zurückgelegte Laufstrecken und anderes mehr. Damit können sie Punkte sammeln und Rabatte auf die Versicherungsprämien erhalten. Die Generali wirbt damit, dass sich die meisten Kunden überschätzen würden, was ihre Gesundheit angeht. So würden sie besser erkennen, wo Defizite seien.

Vor allem bei den Autoversicherungen gibt es immer mehr Telematik-Tarife. Schon heute werden vorab viele persönliche Daten abgefragt, zum Beispiel zur Wohnsituation. Mit Telematik (abgeleitet aus "Tele-kommunikation" und "Infor-matik") werden die Daten während des Fahrens meist durch eine verbaute Box oder eine App übermittelt. Der Gedanke dahinter: wer gesittet fährt, kann Prämien sparen. Bewertet werden z.B. das Bremsverhalten und das Beschleunigen. Scharfes Bremsen oder starkes Beschleunigen werden negativ bewertet. Zudem die gefahrene Geschwindigkeit, das Fahren in der Kurve sowie Leerlaufzeiten. Aber auch Uhrzeiten oder Orte fließen mit ein. So sind Nachtfahrten gefährlicher und in Innenstädten kracht es häufiger.

Sorgen um Datenschutz und falsche Deutung

Für den Ombudsmann der Versicherungen, Günter Hirsch, gibt es keine eindeutige Antwort, welche Konsequenzen Telematik-Tarife für das System haben werden. Für ihn gefährden diese Tarife für sich genommen noch nicht das Solidarprinzip. Es könne sogar Vorteile haben, da die Fahrer defensiver fahren, wenn die Daten weitergeleitet werden. Allerdings gibt er zu bedenken, dass Daten auch missinterpretiert werden könnten. Scharfes Bremsen oder starkes Beschleunigen könnten auch notwendig sein, um eine kritische Verkehrssituation zu bewältigen. Daher sollten die Anbieter ihre Bewertungen besser erklären.

Die Telematik-Tarife schafften mehr Gerechtigkeit bei der Prämienhöhe, weil sie das persönliche Risiko besser abbilden würden, sagt Hirsch. Er sieht aber auch die Gefahr, dass bestimmte Fahrer, die zum Beispiel vor allem nachts unterwegs sind, zukünftig mehr zahlen müssen. Fahrer, die zu "schlechteren Risiken“ würden, liefen sogar Gefahr, irgendwann überhaupt keine Versicherung mehr zu finden. Darin liege eine Tendenz der Entsolidarisierung, "die gerade im Versicherungsbereich zu existentiellen Problemen des Einzelnen führen kann.“ Bisher sieht Hirsch den Gesetzgeber aber noch nicht gefordert.

Kritisch sieht auch Christoph Brömmelmeyer von der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder die Telematik-Tarife. Es seien verschiedene Aspekte des Datenschutzes ungeklärt. So sei strittig, ob die übermittelten Daten an Telematik-Diensteanbieter personenbezogene Daten seien. Ebenso ungeklärt sei, ob weitere Fahrer eines Fahrzeugs, das mit einem Telematik-Tarif versichert ist, eine gesonderte Einwilligung abgeben müssen. Ingrid Schneider von der Universität Hamburg sieht die neuen Tarife gerade im Bereich Gesundheit kritisch. Zum einen würden viele Daten gespeichert, deren Sicherheit sei jedoch fraglich. Zum anderen befürchtet sie, dass man Kranken, die keine Punkte für die Gesundheit sammeln könnten, die Schuld für ihren Zustand gäbe.

Telematik-Tarife: Vor- und Nachteile

Wie kommen personalisierte Tarife bei den Kunden an? Laut einer repräsentativen Umfrage, die Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen in Köln 2017 durchführte, hängt die Zustimmung sehr von der Fragestellung ab. Dass besonders vorsichtige Autofahrer weniger Versicherungsbeitrag zahlen sollen, finden 58 Prozent der Befragten gut. Dass jedoch ältere Autofahrer wegen des höheren Unfallrisikos mehr zahlen sollen, finden nur 17 Prozent gut, 50 Prozent jedoch nicht. Bei zukünftigen Telematik-Tarifen sind die Befragten gespalten. Bei Autoversicherungen sind 46 Prozent bereit, ihre Daten weiterzugeben, wenn sie dafür weniger Versicherungsprämien zahlen müssen, 43 Prozent lehnen es ab. Tipps zu gutem Fahrverhalten werden von knapp der Hälfte positiv bewertet, Vorgaben wie langsameres Fahren dagegen nur von einer Minderheit.

Immerhin: 70 Prozent der Befragten glauben, sie würden vorsichtiger fahren, wenn die Prämie vom Fahrstil abhinge. Müller-Peters sagt voraus, dass in Zukunft die Akzeptanz für Telematik steigen dürfte. Die Bedenken zum Datenschutz würden nachlassen, dagegen würden die Kostenvorteile und auch Sicherheitseffekte im Straßenverkehr höher bewertet werden. Und auch die Autoversicherer würden sich wandeln: vom reinen Entschädiger hin zum Schadenverhüter.

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