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TerraX-Doku zu verbotenen Orten - "Die einzige Chance, zu überleben"

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Die Sentinelesen sind eines der letzten unkontaktierten Völker der Welt. Ihre Insel im Indischen Ozean ist für Fremde tabu - wer sie betritt, riskiert sein Leben.

Die Insel North Sentinel in der Andamanen-See.
Zum Schutz der auf der Nord-Sentinel-Insel lebenden Ureinwohner - der sogenannten Sentinelesen, die als letztes steinzeitliches Volk der Welt gelten - ist es verboten, sich der nur rund 60 Quadratkilometer großen Insel mit von Sandstrand umringtem Wald auf weniger als fünf Kilometer zu nähern.
Quelle: Gautam Singh/AP/dpa

Die Bewohner der abgelegenen Insel North Sentinel im Indischen Ozean verweigern bislang jeden Kontakt zur Zivilisation. Sogar tödlich kann ein Zusammentreffen enden. Erst 2018 wurde der junge Amerikaner John Allen Chau bei dem Versuch, die Sentinelesen zu missionieren, getötet. Die ZDF-Wissenschaftsreihe "TerraX" hat den Fall zum Anlass genommen, um die letzten Tabu-Zonen auf der Erde näher zu erkunden. Die indische Linguistin Anvita Abbi, die seit Jahrzehnten die Sprachen der Stämme Andamanen und Nikobaren erforscht, analysierte für "TerraX" das Verhalten der wehrhaften Sentinelesen - sie hält die Insulaner nicht für aggressiver als andere Völker und wendet sich gegen den modernen Mythos vom "gefährlichsten Volk der Welt".

Ich wurde oft gefragt, ob die Sentinelesen besonders feindselig sind. Aber ich glaube, diese Behauptung ist eine Fehlinterpretation. Zum Beispiel im Fall von John Allen Chau: Der 26-jährige amerikanische Adventure-Blogger kam im November 2018 illegal auf die Insel North Sentinel. Er betrachtete sich selbst als Missionar und versuchte, die Sentinelesen zum Christentum zu bekehren. Die Inselbewohner töteten und begruben ihn. Das sind Fakten, aber natürlich nicht die ganze Geschichte.

Warnschuss nicht verstanden

Als die Sentinelesen Chau zum ersten Mal sahen, hätten sie ihn sofort töten können, aber sie haben ihn nicht einmal berührt. Ein zehnjähriger Junge schoss schließlich auf ihn und traf ihn an der Schulter. Ob einer der Erwachsenen einen Befehl gegeben oder ob der Junge selbst beschlossen hatte, den Fremden in die Flucht zu schlagen, bleibt unklar.

Karte Andamanen und Nikobaren - North Sentinel
Die Nord-Sentinel-Insel ist Teil der Inselkette der Andamanen, die zu Indien gehört, aber näher bei Myanmar liegt.
Quelle: ZDF

Auf jeden Fall hätte dieser Warnschuss für Herrn Chau ein deutlicher Hinweis sein sollen, wegzugehen und die Sentinelesen auf ihrer Insel in Ruhe zu lassen. Aber er verstand es nicht und kam zurück. Ich glaube, man kann das nur als stur bezeichnen.

Die Sentinelesen sind im Grunde nicht übermäßig feindselig. Sie verhalten sich wie jeder von uns, wenn jemand ohne Erlaubnis in unser Haus eindringt. Natürlich handelt jeder von uns "feindselig", wenn wir einen Eindringling in unserem Haus erwischen. Wir versuchen, ihn zu verscheuchen. Und genau das haben die Sentinelesen auch versucht, denn die kleine Insel ist quasi ihr Haus.

Kontakte zu Außenwelt - eine große Gefahr

Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Sentinelesen seit 50.000 Jahren gegen alle Widerstände auf ihrer Insel überlebt haben, ihr Überlebensinstinkt ist viel ausgeprägter als unserer. Man weiß heute, dass der Überlebensquotient für solche isoliert lebenden Völker, von denen es nur noch einige hundert gibt, direkt mit der Anzahl der Kontakte zur Außenwelt verknüpft ist. Je höher die Zahl der Kontakte, desto niedriger ist die Überlebensrate.

Gebildete Menschen, wie auch John Allen Chau einer gewesen ist, sollten begreifen, dass vor allem die Sentinelesen in dem Moment, in dem sie mit uns in Kontakt kommen, in großer Gefahr sind. Erstens sind sie nicht immun gegen die Art von Krankheiten, die wir übertragen. Sie werden also in der Regel an diesen Krankheiten sterben. Zweitens wird sich auch für die Überlebenden bei wiederholten Zusammentreffen mit der Außenwelt einfach alles ändern.

In vielerlei Hinsicht viel fortschrittlicher als wir

Wann immer indigene Völker in der Vergangenheit in Kontakt mit der Zivilisation getreten sind, führte man sie als erstes in alle unsere Laster ein. Wir lehrten sie, Alkohol und Tabak zu konsumieren. Es folgten sexuelle Übergriffe, Beschlagnahmung von Land, Abholzung der Wälder, die ihre Lebensgrundlage bilden, und viele andere zerstörerische Effekte. Deshalb sollte meiner Meinung nach möglichst kein Kontakt zwischen den Sentinelesen und der Außenwelt hergestellt werden. Und bei all den Völkern, wo das schon geschehen ist, sollte er so minimal wie möglich bleiben.

Ich habe viele Jahre unter anderen Stämmen desselben Archipels gearbeitet und bis heute denke ich, dass sie in vielerlei Hinsicht viel fortschrittlicher sind als wir. Sie haben zwar nicht das, was wir unter "Bildung" verstehen, sind aber sehr gut ausgebildet. Sie wissen so viel über Navigation auf dem Meer und Orientierung im dichtesten Dschungel. Sie wissen, wie man bei Naturkatastrophen überlebt, zum Beispiel bei einem Tsunami.

Das indigene Volk lebt vollkommen isoliert auf einer Insel im Indischen Ozean. Es ist tabu, sie zu betreten. Was passiert mit denjenigen, die sich nicht an das Tabu halten und was würde mit den Sentinelesen passieren, wenn es das Tabu nicht gäbe?

Beitragslänge:
16 min
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Dennoch kommen Regierungsbeamte und die sogenannten Intellektuellen immer wieder einmal auf die Idee, die indigenen Völker von North Sentinel und den Nachbarinseln zu "zivilisieren". Aber das ist derselbe Fehler, den schon die Briten im 18. und 19. Jahrhundert machten, als sie dachten, sie würden die Sentinelesen und andere "zähmen" können. Ohne zu ahnen, dass deren Zivilisation in mancherlei Hinsicht vielleicht viel fortschrittlicher war, als ihre eigene.

Nur weil die Sentinelesen nicht essen, was wir essen, oder sich nicht so kleiden wollen, wie wir uns kleiden - das bedeutet nicht, dass sie nicht zivilisiert sind. Diese Haltung deutet einfach auf mangelndes Wissen hin.

Gesamte Kultur und Sprache ausgelöscht

Ich verbrachte einige Jahre in sehr intensivem Kontakt mit einem anderen Volk desselben Archipels, den Groß-Andamanern. Diese Menschen wurden von der modernen Gesellschaft "integriert". Das bedeutet de facto, dass ihre gesamte Kultur und ihre Sprache ausgelöscht wird. Die Groß-Andamaner gehen auch nicht mehr ihren traditionellen Beschäftigungen nach, wie etwa die Jagd auf dem Meer oder die Jagd im Wald.

Forscherin Anvita Abbi im Gespräch mit dem Volk der Groß-Andamanern
Forscherin Anvita Abbi im Gespräch mit dem Volk der Groß-Andamanern (Archiv).
Quelle: ZDF/Anvita Abbi

Ich wette, es gibt keinen einzigen Jugendlichen, der auch nur ein traditionelles Boot fahren könnte. Sie haben die Kunst des Jagens verloren. Sie können keine Bögen und Pfeile mehr herstellen. Sie haben ihre Sprache und ihre Lieder vergessen, die ein wichtiger Teil ihrer Kultur waren. Und sie können auch  nicht mehr die Geschichte ihres Volkes erzählen. Mittlerweile gibt es nur noch vier oder fünf Sprecher und diese wenigen Menschen kommunizieren untereinander nicht mehr in ihrer eigenen Sprache, weil es sich nicht lohnt. Bald werden sie alles vergessen haben oder sterben. Ihre Sprache ist praktisch schon jetzt nicht mehr existent.

Ich kann es kaum fassen, dass - während ich als Sprachwissenschaftlerin arbeite - das Objekt meiner Forschung einfach verschwindet und ein ganzes Volk während meiner Lebenszeit einfach ausstirbt. Vielleicht ist die konsequente Kontaktverweigerung die einzige Chance für die Sentinelesen zu überleben.

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