Sie sind hier:

Anschlag am Breitscheid-Platz - "Opfer sind keine Bittsteller"

Datum:

Vertreter des Staates müssen Anteilnahme zeigen, wenn der Staat seine Bürger vor Terror nicht schützen konnte. Opfer haben Rechte, erklärt Bianca Biwer (Weißer Ring) im Interview.

Archiv: Eine Schneise der Verwüstung ist am 20.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen
Archivbild vom 20.12.2016: Der Breitscheidplatz in Berlin Quelle: dpa

heute.de:  Die Opferhilfsorganisation Weißer Ring betreut 80 der 132 Opfer des Anschlags vom Berliner Breitscheidplatz. Wie geht es den Menschen heute?

Bianca Biwer: Viele Angehörige der Toten sind noch immer schwer traumatisiert, und das wird auch so schnell nicht verschwinden. Andere sind körperlich so massiv verletzt, dass sie nur schwer ins normale Leben zurückfinden können. Einige sind erst jetzt aus dem Krankenhaus entlassen worden. Andere können wegen der Verletzungen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Für alle gilt: Nichts ist mehr so, wie es vorher war.

heute.de: Nach einem Anschlag heißt es stets: Wir lassen uns unser Leben von Terroristen nicht kaputt machen. Wir leben fröhlich weiter. Ist das nicht bedrückend für Opfer?

Biwer: Opfer selbst versuchen oft, unterstützt von Trauma-Psychologen, aus der Ohnmacht herauszufinden, die sie fühlen. Aber Opfer können nur sehr schwer ertragen, dass das Interesse der Gesellschaft an ihrem Schicksal extrem schnell nachlässt. Es wird über den Täter und die Ermittlungen breit berichtet, aber den Opfern wollen nur noch wenige zuhören. Die Opfer bekommen nicht den Raum und die Zeit, um mit ihren Erlebnissen klar zu kommen. Am Anfang ist das Mitgefühl groß, aber später wendet es sich manchmal sogar gegen die Opfer. Ihre Geschichten sind furchtbar und viele wollen sie nicht mehr hören. Ein Mann, dem Schreckliches widerfahren ist, sagte einmal zu mir: "Sie müssen das nur hören, ich muss damit leben."

heute.de: In einem offenen Brief kritisierten die Opfer Angela Merkel, weil sie den Hinterbliebenen der Toten nicht kondoliert habe. Warum ist es für die Opfer so wichtig, dass ihnen die Kanzlerin ihr Beileid ausspricht?

Biwer: Die Opfer wurden vom Täter stellvertretend für den Staat getötet oder verletzt. Denn er wollte mit seiner Tat den deutschen Staat in seinem Kern treffen. Der Staat muss den Opfern gegenüber zugeben, dass er seine Bürger nicht schützen konnte. Deswegen müssen Vertreter des Staates auch umgehend ihre Anteilnahme bekunden.

heute.de: Ist der Weiße Ring von Behörden nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz informiert worden oder haben sich Opfer direkt  gemeldet?

Biwer: Am Anfang gab es eine außerordentliche Chaosphase, die auch sehr lange anhielt. So gab es erstmal keine direkte Ansprache. Aber wir sind schon lange stark vernetzt mit Rettungskräften, Polizei und Behörden. Sie haben auf uns verwiesen.

heute.de: Stellt der Weiße Ring Bedingungen für seine Hilfe?

Biwer: Nein, wir sind neutral und ohne Religionsbezug. Wir machen aber keine Krisenintervention, sondern wir sind die Lotsen, die den Opfern in der Folgezeit die richtigen Anlaufstellen und Wege dahin zeigen. Und wir geben Trost und Beistand, begleiten bei Behördengängen und vermitteln auch materielle Hilfen. Wir sind gewissermaßen das Netz, das ein Opfer nach einer Straftat auffängt.

heute.de: Der Opferbeauftragte der Bundesregierung hat eine zentrale Anlaufstelle für Opfer gefordert. Ist so eine Einrichtung nicht schon längst überfällig?

Biwer: Das ist regional sehr unterschiedlich geregelt. Es gibt Städte, die haben hervorragende Krisenpläne, deren Umsetzung auch geübt wird. Wir haben uns sehr gewundert, dass es in Berlin eine solche Krisenkoordinationsstelle nicht gab. Für Angehörige war das eine Katastrophe. Wir haben eine Frau betreut, die ihre Mutter suchte. Sie ist Berliner Krankenhäuser abgefahren. Im vierten war ihre Mutter eingeliefert worden. Als die Tochter ankam, war die Mutter schon gestorben. Durch das  Chaos ist ihr die Möglichkeit genommen worden, Abschied zu nehmen. Krisenkoordination muss von der Bundes- über die Landes- bis zur kommunalen Ebene heruntergebrochen werden.

heute.de: Reichen die vorhandenen Entschädigungsmöglichkeiten aus?

Biwer: Das deutsche Opferentschädigungsgesetz (OEG) ist sehr weitreichend und gut, auch im europäischen Vergleich. Es gibt umfassende Heilbehandlungs- und Rentenansprüche. Das OEG greift insbesondere in all jenen Fällen, in denen der Staat seine Bürgerinnen und Bürger vor einer Tat nicht schützen konnte. Deswegen bekommen die Opfer auch eine Entschädigung, so lange sie unter den Tatfolgen leiden, und nicht nur einmalige Zahlungen. Gilt das OEG nicht, wie beispielsweise beim Attentat am Berliner Breitscheidplatz, greift eine Härtefallregelung zugunsten der Opfer. Der Opferbeauftragte verlangt in seinem Bericht nun pauschale Entschädigungen, um die Verfahren zu beschleunigen. Das lehnen wir ab. Denn damit würden die Opfer schlechter gestellt, da die langfristigen Folgen - also mit besonderer Schwere - nicht mehr berücksichtigt würden. Renten- und Versorgungsansprüche, die im OEG festgeschrieben sind, würden gekürzt.
Das OEG ist komplex, weil es eine Vielzahl von Ansprüchen berücksichtigt. Es hilft den Opfern nicht, wenn die Vielfalt der Hilfen durch Pauschalen ersetzt wird. Stattdessen müssen die Leistungsverwaltungen in allen Bundesländern ausreichend mit gut ausgebildetem Personal ausgestattet werden. Nur so können wir die heute oft sehr zähen Entschädigungsverfahren beschleunigen. Das Verfahren muss verkürzt werden, nicht die Ansprüche der Opfer.

heute.de: Ist das nicht auch eine Frage des Respekts?

Biwer: Opfer haben Rechte und sind keine Bittsteller. Der Staat muss alles dafür tun, dass ihre Rechte schnell und zügig erfüllt werden.

Das Interview führte Katharina Sperber.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.