Sie sind hier:

Soziale Isolation - "So schlimm wie 15 Zigaretten am Tag"

Datum:

Einsamkeit kann sich nicht nur furchtbar anfühlen, sie kann auch psychische und körperliche Folgen haben. heute.de spricht mit der Psychologin Maike Luhmann über das Problem.

Archiv: Ein Mann steht mit einem Regenschirm auf einem Steg am Starnberger See
Quelle: dpa

heute.de: Beängstigend, bedrückend, ausweglos – so beschreiben manche Menschen die Einsamkeit. Es gibt andere, die sich allein sehr wohl fühlen. Was ist das für ein Phänomen – die Einsamkeit? Und ab wann wird sie gefährlich?

Maike Luhmann: Einsamkeit ist nicht das Gleiche wie Alleinsein. Von daher haben beide Recht. Manche Menschen fühlen sich wunderbar wenn sie alleine sind, aber manche fühlen sich auch richtig schlecht, wenn sie nicht alleine sind. Einsamkeit ist dieses subjektive Gefühl, dass die sozialen Beziehungen, die man hat, nicht ausreichen, nicht eng genug sind oder einfach zu wenig.

Einsamkeit sollte erstmal positiv gesehen werden: Es ist ein Signal der Psyche, dass etwas nicht stimmt und dass man etwas tun sollte. Erst wenn es chronisch wird, wird es wirklich zum Problem.

Das wird oft nicht beachtet und führt dazu, dass Menschen nicht gerne zugeben, dass sie einsam sind oder es sich auch selbst nicht eingestehen mögen. Was fatal ist. Denn wenn man einsam ist, neigt man dazu, sich auf bestimmte Arten zu verhalten, die in einen Teufelskreis münden, so dass man noch einsamer wird. Weil man dazu neigt, sich vor anderen Menschen zurückzuziehen oder ein bisschen feindselig zu werden. Ich denke, es gibt da ein gewisses Stigma und das abzubauen wäre sehr wünschenswert.

heute.de: Sie haben eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Wie verbreitet ist das Gefühl der Einsamkeit in Deutschland?

Luhmann: Wir wissen, dass Einsamkeit ein recht häufiges Phänomen ist – durch die gesamte Bevölkerung. Wir schätzen, dass sie je nach Altersgruppe zwischen zehn und 15 Prozent liegt. Dabei gibt es deutliche Altersunterschiede. Bei den sehr Alten, die haben wir als die über 85-Jährigen definiert, ist es sehr häufig, da sind 20 Prozent betroffen. Eine Erklärung ist, dass in dieser Altersgruppe soziale Kontakte wegbrechen, weil der Partner stirbt, die Freunde sterben und gesundheitliche Probleme sehr prominent sind. Es gibt aber auch andere Altersgruppen, in denen wir etwas erhöhte Einsamkeitswerte feststellen, das sind vor allem die 30-bis 40-Jährigen.

heute.de: Woran liegt es, dass sich so viele Menschen einsam oder isoliert fühlen?

Luhmann: Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die gerade im hohen Alter vermehrt auftreten. Einsamkeit ist zum Beispiel eine Folge von großen Umbrüchen, etwa eine Trennung oder ein Umzug. Auch gesundheitliche Probleme sind ein großer Risikofaktor. Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkt sind, können häufig nicht so einfach am sozialen Leben teilnehmen.

heute.de: Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sagt, "Einsamkeit in der Lebensphase über 60 erhöht die Sterblichkeit so sehr wie starkes Rauchen". Macht Einsamkeit krank?

Luhmann: Es gibt tatsächlich Studien, die genau das zeigen. Manche sagen, dass in dieser Altersgruppe chronische Einsamkeit so schlimm ist, wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen. Wir können aus der Forschung bestätigen, dass Einsamkeit mit gravierenden gesundheitlichen Problemen einhergeht - psychische wie körperliche.

Psychische Probleme sind vor allem Depressionen oder etwa Angststörungen, die wieder weitere Folgen haben. Auf der körperlichen Ebene gibt es eine ganze Reihe von Symptomen und Krankheiten, vor allem Herz-Kreislaufprobleme, die dann wieder zu anderen Krankheiten führen können. Und am Ende tatsächlich dazu führen können, dass man schneller stirbt. Es gibt auch Studien, die zeigen Zusammenhänge mit Demenz oder Fettleibigkeit.

heute.de: Politiker fordern eine "Lobby für die Einsamen", sogar ein Verantwortlicher im Gesundheitsministerium ist im Gespräch. In Großbritannien gibt es schon einen solchen Posten. Wie sinnvoll finden Sie diese Vorschläge? Kann Politik hier tatsächlich steuernd eingreifen?

Luhmann: Ich glaube ja. Sicher kann Politik nicht alles heilen, da darf man sich keine Illusionen machen. Aber ich finde das eine sehr, sehr positive Nachricht, dass sich in Großbritannien und vielleicht ja auch in Deutschland da jetzt etwas tut. Die Politik kann zunächst einmal dieses Thema setzen, wodurch vielleicht ein bisschen das Stigma von Einsamkeit reduziert wird und Menschen sich eher trauen zuzugeben, dass sie sich einsam fühlen. Und etwas dagegen tun und sich vielleicht sogar professionelle Hilfe holen, wenn sie es nicht alleine schaffen.

Ich kann mir vorstellen, dass die Politik konkrete Maßnahmen ergreifen kann, etwa Einrichtungen gründen oder unterstützen, die es Betroffenen vereinfachen, wieder aus der Einsamkeit herauszukommen. Oder noch besser: präventiv wirken, indem man Infrastrukturen schafft, mit denen Menschen Kontakte aufrecht erhalten können, soziale Beziehungen pflegen, selbst wenn es irgendwann mal schwierig wird im Leben. Das können Förderungen von Initiativen sein oder auch einfach nur die Schaffung eines gesellschaftlichen Umfelds, das es einem erleichtert, seine sozialen Beziehungen zu pflegen – zum Beispiel dass man vielleicht etwas weniger arbeiten muss.

heute.de: Sich zugehörig fühlen, in Beziehung, integriert – welche Rolle spielen da die sozialen Medien? Sind sie eine Chance oder können sie das Gefühl der Einsamkeit noch verstärken?

Luhmann: Ich sehe es sowohl als Chance als auch als Risiko. Es kommt auf die Dosierung und die Lebensumstände an. Eine Chance sind die sozialen Medien vor allem für Personen, die aufgrund ihrer Lebensumstände einsam oder allein sind: weil sie krank sind oder weit weg wohnen von anderen. Da können soziale Medien eine wunderbare Möglichkeit sein, soziale Kontakte zu pflegen, auf eine Art, die viel besser ist, als es früher der Fall war. Beispiel: die Großmutter, die mit ihrem Enkelkind skypen kann, weil sie weit weg wohnt.

Mit sozialen Netzwerken kann man sich austauschen, auf dem Laufenden bleiben. Das sind Dinge, die gut sind für die sozialen Beziehungen und Kontakte. Aber es gibt auch die Kehrseite. Die sozialen Medien können die echten Kontakte – von Angesicht zu Angesicht – nicht komplett ersetzen. Sie können sie wunderbar ergänzen. Aber in dem Moment, wo man nichts anderes mehr macht, kann es problematisch werden.

Studien zeigen, dass ein hoher Konsum von sozialen Medien mit Einsamkeit zusammenhängt, wobei nicht ganz klar ist, was zuerst da war: Sind die Einsamen eher in sozialen Medien unterwegs oder machen die sozialen Medien tatsächlich einsam? Wahrscheinlich geht es in beide Richtungen.

heute.de: Freunde, Familie, WGs – was hilft gegen das Gefühl, allein zu sein?

Luhmann: Wenn man erstmal einsam ist, ist es nicht so einfach, da rauszukommen. Jeder einzelne kann, wenn es ihm gut geht, dafür sorgen, dass die sozialen Beziehungen, die man hat, erhalten bleiben. Man spricht da von einer Art sozialem Konvoi. Das ist ein bestimmter Personenkreis, die einen durchs Leben begleiten. Das können Familie sein, Freunde, der Partner, aber auch Nachbarn, Kollegen. Die Vorteile an diesem Konzept: Wenn einer wegfällt, durch Trennung , Tod oder Umzug, hat man immer noch andere, die das auffangen können.

Wenn man sich zu sehr auf ein oder zwei soziale Beziehungen beschränkt, ist das Risiko, wenn diese Beziehung wegbricht, dass man einsam wird, sehr viel höher. Auch wenn das Leben stressig ist, sollte jeder versuchen, wirklich seine Freundschaften , seine Beziehungen zu Nachbarn und Kollegen auch zu pflegen und sich nicht nur etwa auf den Partner konzentrieren.

Wenn man schon einsam ist, kann man versuchen, bewusst auf andere Menschen zuzugehen. Etwa Orte aufzusuchen, wo man Menschen trifft, die ähnliche Interessen haben, wo man eher auch Freundschaften knüpfen kann. Aber es reicht natürlich nicht, dass man einen VHS-Kurs besucht oder einen Verein, und schon ist die Einsamkeit weg. Soziale Beziehungen brauchen Zeit, um aufgebaut zu werden. Das wird nicht leichter, wenn man älter wird. Wer chronisch einsam ist, schafft es häufig nur mit professioneller Unterstützung, etwa durch Psychotherapeuten.

heute.de: Wie kann ich anderen helfen – etwa als Kollege?

Luhmann: Wichtig ist, dass man die Augen aufhält und sieht, dass es jemandem nicht gut geht. Ein Zeichen kann sein, wenn sich jemand zurückzieht oder auch mal feindselig wird. Dann sollte man das nicht als Aufforderung nehmen, diese Beziehung zu beenden sondern erstmal gucken, ob es vielleicht ein anderes Problem gibt. Man kann den anderen stärker einbinden, nach der Arbeit nochmal mitnehmen. Dafür muss man das Thema gar nicht ansprechen. Man kann es einfach tun.

Das Gespräch führte Nora Liebmann.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.