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Neuer Intendant der Volksbühne - "Theater ohne Konflikte gibt es nicht"

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Dem neuen Intendanten der Berliner Volksbühne weht in der Hauptstadt ein rauer Wind entgegen: Längst schon ist die Berufung von Chris Dercon zum Politikum geworden, auch online sammeln Kritiker Unterschriften gegen ihn. Warum jedoch ist der Widerstand gegen den Belgier so groß?

"Ich stehe nicht für Eventisierung", sagt Kurator und Theaterwissenschaftler Chris Dercon zur Kritik an seiner Ernennung zum Intendanten der Volksbühne Berlin.

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Eigentlich habe er sich in Berlin und an der Volksbühne gut eingelebt. "Vor Kurzem hatten wir ein Spielzeit-Treffen", erzählt Chris Dercon im ZDF-Morgenmagazin. Eine alte Tradition, die dem Belgier sehr gut gefalle. "Wir haben über alles gesprochen, was in der vergangenen Zeit war und was jetzt noch kommen soll." Danach wurde gemeinschaftlich gegrillt, es klingt nach einem ungezwungenen, freundschaftlichen Miteinander an der Volksbühne.

Dabei ist der neue Theater-Intendant von der Berliner Avantgarde nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden. Zahlreiche Regisseure lehnten die weitere Zusammenarbeit mit der Volksbühne ab, Dercons Vorgänger Frank Castorf befürchtete gar, dass seine geliebte Schaffensstätte nun zur Eventbühne verkomme. "Für mich war es ziemlich hart", gesteht Dercon. Permanent habe er sich rechtfertigen müssen. Beinahe gebetsmühlenartig wird er nicht müde zu wiederholen: "Wir sind keine Eventbude – wir wollen ein Mehrspartenhaus sein."

Tabula Rasa an der Volksbühne

Egal ob Jugendtheater, Sprechtheater oder auch digitale Kunstwerke sollen unter dem Dach der Berliner Volksbühne eine Heimat finden. Diese Vielfalt sei in seinen Augen ein Zeichen für die Reichweite des Theaters. "Hier in Berlin gibt es einen fruchtbaren Boden für experimentelle Kunst", so Dercon im ZDF. Mit seinen Inszenierungen an der Volksbühne wolle er in seinen ersten Monaten bei Null anfangen. "Wir wollen uns erst einmal der Frage stellen, wer wir als Volksbühne überhaupt sind? Und wer ist das Volk eigentlich, für das wir diese Bühne organisieren?" Dazu habe er zahlreiche Regisseure aus unterschiedlichen Bereichen eingeladen, deutsche ebenfalls wie internationale Theatermacher, die schon lange in Berlin sind.

"Die zweite Sache ist die Frage, wer da eigentlich spricht? Und was ist Sprechen überhaupt? Sprechen wir überhaupt noch?" Besonders die Angelegenheit der Kommunikation via Facebook und anderen sozialen Netzwerken beschäftige ihn und sein Team in diesen Tagen besonders: Kann man hier überhaupt noch vom Sprechen reden?

Zu Provokationen Frank Castorfs ("Der Mann, der nach mir kommt, interessiert mich nicht") fehlen Dercon allerdings genauso die Worte wie zu der Online-Petition, auf der bereits 40.000 Menschen eine neue Diskussion um die Zukunft der Volksbühne fordern. "Wir sind in Berlin", so Dercon. "Hier gibt es Petitionen gegen alles Mögliche." Stärker treffe ihn die Ignoranz Frank Castorfs, sehe er sich selbst die Stücke seines Vorgängers doch gerne an.

Kultursenator Lederer hält Differenzen für "aushaltbar"

Doch nicht nur aus der Berliner Theaterszene kommen die Vorwürfe, Dercon setze auf reines Event-Theater und sei zu unerfahren, um ein derart traditionsreiches Theater zu leiten. Für Aufsehen sorgte dabei vor allem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, der unter dem Belgier die "DNA" der Volksbühne für gefährdet sah. Er ließ die Personalie nach eigenen Worten prüfen, viele sahen darin eine Demütigung Dercons. Schließlich musste Lederer jedoch klein beigeben: "Berlin wird Dercons Vertrag erfüllen. Am Ende blieb es aber bei unterschiedlichen Sichtweisen auf Theaterbetrieb und -funktion. Diese Differenz mag ungewöhnlich sein - ich halte sie jedoch für aushaltbar." Harmonie klingt anders.

Am 10. September startet das Programm der Volksbühne unter Chris Dercon. An diesem Tag findet eine zehnstündige Tanzperformance auf dem Tempelhofer Feld statt. Die Volksbühne selbst wird ab dem 10. November bespielt. Das Theater um seine Person hat jedoch schon lange begonnen.

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