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Flucht und Wirtschaftskrise auf der Bühne

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Festival von Avignon - Flucht und Wirtschaftskrise auf der Bühne

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Europa und moderne Migranten sind Thema mehrerer Stücke auf dem Theaterfestival in Avignon. Mehr als 1.500 Stücke sind zu sehen - vom Fingertheater bis zum zeitgenössischen Drama.

Als erstes müssen die Zuschauer in Avignon ihr komplettes Bargeld auf den Tisch legen. Nicht für die Eintrittskarte, sondern, um selber mitzuspielen, und zwar in einem Stück mit dem seltsamen Titel £¥€$, vier Währungszeichen, die sich als "Lies" (englisch für Lügen) lesen lassen. Etwas zögernd kramen die Zuschauer in ihren Portemonnaies, zählen ihre Scheine und kippen die Münzen auf den halbrunden Spieltisch, an dem sie je zu acht sitzen. 

Mitmach-Theater in Avignon
Beim Theaterfestival werden Zuschauer zu Finanzhaien.
Quelle: Ulrike Koltermann

Mitmach-Theater ist nichts Neues beim Theaterfestival von Avignon, aber diese Art des Eintauchens in die Finanzwelt hat etwas Skurriles und Faszinierendes. Die Schauspieler der niederländischen Truppe Ontroerend Goed haben die Rollen der Croupiers in einer Spielbank übernommen. "Sie haben 20 Millionen Kapital. Entscheiden Sie, in welchen Sektor Sie investieren", fordern sie ihr Publikum auf, das jeweils nur eine Armeslänge entfernt am selben Tisch sitzen.

Jede Vorstellung anders

"Wir wollen einen Einblick in die Weltwirtschaft geben und zeigen, warum es immer wieder zu Krisen kommt. Nicht auf intellektuelle, sondern auf emotionale Weise", erklärt Aurelie Lannoy, eine der Schauspielerinnen. "Wir leiten die Zuschauer an, sie nehmen auf spielerische Weise teil." Das führe natürlich dazu, dass jede "Vorstellung" sich von den übrigen unterscheide. 

Das Stück «Architecture» beim Theaterfestival in Avignon.
Das Stück «Architecture» beim Theaterfestival in Avignon.
Quelle: Gerard Julien/AFP/dpa

In der mittelalterlichen Altstadt von Avignon herrscht für die kommenden drei Wochen wieder die ganz besondere Festivalatmosphäre. Etwa 40 Stücke werden im offiziellen Programm gezeigt, dazu kommen etwa 1.500 Stücke im Off-Festival, vom modernen Inzest-Drama über Fingertheater bis zu Hiphop-Vorstellungen. 

Chance und gleichzeitig Wagnis für kleine Theatergruppen

Die Plakate bedecken Häuserwände und Laternenpfähle bis zum letzten erreichbaren Flecken - oft auch in mehreren Schichten. In den Straßen werben Schauspieler mit Handzetteln und Kostproben für ihre Stücke. Für kleine Theatergruppen bedeutet Avignon immer ein Wagnis: Es kann der Auftakt zur ganz großen Tournee bedeuten, aber ebenso den finanziellen Ruin, wenn das Stück in der Masse untergeht oder von Kritikern zerrissen wird. 

Eröffnet hat das Festival der zeitgenössische Autor Pascal Rambert mit einer Allegorie auf das heutige Europa im eindrucksvollen Ehrenhof des Papstpalastes, gespielt von französischen Stars wie Emmanuel Béart und Denis Polyadès. Es ist die Geschichte einer intellektuellen Familie in Wien, die dem aufsteigenden Faschismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusieht und sich innerlich zerreißt, ohne etwas gegen die klar erkannte Gefahr zu unternehmen. 

Von der historischen zur modernen Odyssee

Rambert sieht Parallelen zur aktuellen Situation. "Heute werden weniger Parolen gebrüllt, aber dafür haben wir Bolsaro, Salvini und Vox", sagte er im ZDF-Interview mit Blick auf die rechtspopulistischen Politiker der Gegenwart. Sein Stück litt unter den langen Monologen und der Länge überhaupt - es endete nach gut vier Stunden, weit nach Mitternacht, und die Luft war um die Zeit immer noch so warm, dass sich viele Zuschauer mit Fächern Luft zuwedelten. 

Olivier Py
Theaterregisseur, Intendant und Schauspieler - Der französische Olivier Py leitet das Theaterfestival in Avignon.
Quelle: Ulrike Koltermann

Das Motto des Festivals lautet in diesem Jahr Odyssee - der Titel des antiken Epos von Homer, aber auch Sinnbild für die langen Irrfahrten, die Migranten heute auf der Suche nach einem besseren Leben auf sich nehmen. Für Olivier Py, der das Festival seit fünf Jahren leitet, hat das Theater immer auch eine politisch Komponente. "Es macht mir Angst, dass die europäische Einheit bröckelt", sagte er im ZDF-Interview. "Das Theater hat vielleicht keine Antworten darauf. Aber es stellt Fragen, andere Fragen als Politiker und Medien", fügte er hinzu.

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