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Theaterfestival in Avignon - Flüchtlinge und Ex-Präsident auf der Bühne

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Antike und moderne Irrfahrten begeistern das Publikum des Theaterfestivals im südfranzösischen Avignon. Und immer wieder geht es um Europa.

Einen ganzen Saal voller Theaterpublikum zum Tanzen zu bringen, das muss man erst mal schaffen. Christiane Jatahy gelingt dies auf dem Festival in Avignon nach einer Viertelstunde - und das in einem Stück über Schicksale von Flüchtlingen, das die Zuschauer an manchen Stellen zu Tränen rührt und an anderen mit elektrisierender Musik geradewegs von den Sitzen reißt. 

Das Motto in Avignon: "Odyssee"

Die brasilianische Regisseurin erzählt eine Geschichte, die 2.800 Jahre alt und zugleich hochaktuell ist. "Odyssee" ist dieses Jahr das Motto in Avignon. Die Parallele zwischen den Irrfahrten des alten Griechen Odysseus und denen der zeitgenössischen Flüchtlinge ist durchaus gewollt. 

Mein Stück verwischt die Grenzen zwischen Antike und Gegenwart, zwischen Kino und Theater, zwischen Fiktion und Realität.
Christiane Jatahy

"Mein Stück verwischt die Grenzen zwischen Antike und Gegenwart, zwischen Kino und Theater, zwischen Fiktion und Realität", sagt Jatahy zu Beginn, allein auf der Bühne, vor einer großen Leinwand. Dort ist kurz darauf Yara zu sehen, eine junge Syrerin, die Ihr kriegszerstörtes Land verlassen hat und im benachbarten Libanon im Exil lebt. "Meine Heimat ist nur eine Stunde von hier entfernt, aber ich kann nicht dorthin", sagt sie in die Kamera, die sie im Halbdunkel eines Flüchtlingslagers filmt. "Es ist als ob ich einem geliebten Menschen gegenüber sitze und durch eine Glaswand von ihm getrennt bin."

Eindrucksvoll erzählt Yara die Geschichte ihrer eigenen Irrfahrt, teils auf der Leinwand, teils live im Saal. Wie sie versucht hat, in ihren Heimatort zurückzukehren, aber festgenommen wurde. Wie sie in syrischen Gefängnissen mit immer neuen und nie gehaltenen Freilassungsversprechen so mürbe gemacht wurde, dass sie sich beinahe selbst aufgab. Ihre Verzweiflung angesichts der immer wieder verschobenen Rückkehr, die sie mit dem Odysseus des antiken Dramas teilt. 

Jatahys Stück versteht man auch, wenn man das griechische Werk nicht kennt. Und wer in Avignon ist und Nachholbedarf hat, kann sich um 12 Uhr mittags in den Schatten der Olivenbäume im Innenhof der Bibliothek begeben. Dort lesen Schauspieler und Amateure täglich eine Stunde aus dem Klassiker, begleitet von Schlagzeug-Improvisation - auch eine Form der Serien-Unterhaltung, und trotz der Mittagshitze höchst spannend. 

Sorge um die Zukunft Europas

Die Stimmen, die Europa zerstören wollen, werden immer lauter.
Laurent Gaudé

Avignon ist dafür bekannt, dass es viele politische Theaterstücke zeigt - in diesem Jahr stand sogar der französische Ex-Präsident François Hollande auf der Bühne. Er hatte einen Gastauftritt als Zeitzeuge in einem Stück des Schriftstellers Laurent Gaudé, den die Sorge um die Zukunft Europas umtreibt. "Die Stimmen, die Europa zerstören wollen, werden immer lauter", sagte Gaudé im ZDF-Interview. "Ich dachte immer, ich gehöre zu einer Generation, für die Europa selbstverständlich ist. Aber vielleicht sind wir auch die Generation, die den Beginn seiner Zerstörung erlebt."

Laurent Gaudé, Autor des Stückes „Nous l‘Europe“
Laurent Gaudé, Autor des Stückes „Nous l‘Europe“.
Quelle: Ulrike Koltermann

Sein Stück gleicht streckenweise einer bemüht lockeren Geschichtsstunde - aber es ruft auch eindrücklich in Erinnerung, was Europa zusammengeschweißt hat. Die Schauspieler stammen aus mehreren europäischen Ländern und sprechen je in ihrer Sprache, untertitelt auf einer großen Leinwand. Unter ihnen auch die deutsch-französische Rocksängerin Karoline Rose.

Niemand weiß, wo es mit Europa hingeht, aber wir müssen zusammen bleiben, menschlich bleiben.
Karoline Rose

"Ich fühle mich in dem Stück ganz zuhause", sagt sie. "Mein französischer und mein deutscher Opa haben auf beiden Seiten des Krieges gekämpft", sagt sie. Das was Europa erreicht habe, dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. "Niemand weiß, wo es mit Europa hingeht, aber wir müssen zusammen bleiben, menschlich bleiben."

Das Stück endet mit der Idee einer neuen Europahymne, die alle mitschmettern können. "Hey Jude" etwa, von den Beatles. Karoline Rose lässt die E-Gitarre aufheulen, und stimmt den Refrain an, der wunderbar zu Europa passen könnte: "Make it better, better, better.."

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