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Theo Waigel wird 80 - Ein Blick zurück, ohne Zorn

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Wie kaum ein anderer Politiker hat Theo Waigel die deutsche und europäische Geschichte geprägt. Zu seinem 80. Geburtstag schreibt er auch über die dunklen Kapitel seines Lebens.

"Der Mordanschlag - Die Dokumentation": Theo Waigel in Nahaufnahme.
Zum 80. Geburtstag schaut der ehemalige Finanzminister Theo Waigel auf ein bewegtes Leben zurück.
Quelle: ZDF/Michael Khano

Er sagt, was er denkt, und denkt, was er sagt. Selten, dass ein Politiker so charakterisiert wird. Doch auf Theo Waigel trifft es zu. Als Politiker kämpft er stets mit harten Bandagen. Doch Heuchelei, Opportunismus, Schmeicheleien waren ihm immer zuwider. Und so tragen seine Erinnerungen, die gerade erschienen sind, den Titel "Ehrlichkeit ist eine harte Währung". Wobei sich Währung auch auf sein ur-eigenes Terrain, die Finanzen, bezieht. Von 1989 bis 1998 war er Bundesminister der Finanzen.

Sein Start ins Leben - alles andere als einfach

Geboren wird Theodor Waigel am 22. April 1939 in Oberrohr, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Günzburg. Die Eltern sind Kleinbauern. Die Kindheit ist geprägt durch die Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges. Seine Welt gerät ins Wanken, als der 13 Jahre ältere Bruder Gustl eingezogen wird - und nicht mehr zurückkommt. "Mit Gustls Tod war die Welt plötzlich eine andere geworden. Die Eltern hatten sich verändert, waren traurig, bitter, verzweifelt. Lachen und Fröhlichkeit waren verschwunden. Als meine Schwester ein Jahr später heiratete und fortzog, war ich allein mit den um ihre Hoffnungen betrogenen Eltern", erinnert sich Theo Waigel in seinem Buch an den traumatischen Verlust.

Mein Appell an die junge Generation, zu verhindern, dass nie mehr so etwas passiert. Den Populisten und Feinden der Demokratie entschieden entgegenzutreten und für Europa einzutreten.
Theo Waigel

Der Tod des Bruders 1944 wird für ihn zum "Zeugnis gegen Krieg und Nationalismus". Eine Mahnung, die Vergangenheit nicht zu vergessen und daraus für die Zukunft zu lernen, wie es der Herzblut-Europäer kürzlich in einem Interview beschrieb: "Mein Appell an die junge Generation, zu verhindern, dass nie mehr so etwas passiert. Den Populisten und Feinden der Demokratie entschieden entgegenzutreten und für Europa einzutreten. Denn das ist das Beste, was wir haben."

Der Wille zur Veränderung

Theo Waigel studiert in München und Würzburg Jura, tritt mit 17 in die Junge Union ein, wird 1971 ihr Landesvorsitzender und Mitglied des CSU-Landesvorstands. Er wollte immer etwas verändern, sagt er, politisch aktiv sein. Deshalb hege er auch Sympathien für die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg und deren Mitstreiter: "Was uns damals bewegt hat, muss man heute den jungen Menschen auch zugestehen. Insofern müssen wir das ernst nehmen."

Sein eigener Weg führt steil nach oben, beruflich wie politisch. Nach einer Vielzahl politischer Ämter wird er im April 1989 schließlich Bundesfinanzminister in der Regierung Kohl, erlebt in diesem Amt die Wende. Waigel ist mitverantwortlich für die Verhandlungen zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. "Gänsehaut habe ich bekommen, als ich in Leipzig vor 70.000 Menschen und in Dresden und Chemnitz vor einer ähnlich großen Zahl von Menschen gesprochen habe, die auf einen gewartet haben und Hoffnungen hatten, deren Gesichter und deren Seele man nicht enttäuschen durfte."

Rückblickend, so Waigel, sei es allerdings ein Fehler gewesen, den Menschen nicht klar gemacht zu haben, in welch verheerendem Zustand sich die Wirtschaft der DDR befunden habe. Außerdem bedauere er es, "dass wir die SED nicht verboten haben - eine Partei, die das Desaster verschuldet hat, die in so menschenverachtender Weise mit den Bürgern umgegangen ist." Harte Worte, die ihm auch heute viel Kritik einbringen. Doch er wehrt sich dagegen, den Prozess der Wiedervereinigung will er nicht schlecht reden.

"Mister Euro" und Europa

Mit 30 verschiedenen Währungen wäre es uns miserabel gegangen.
Theo Waigel

Als CSU-Chef und langjähriger Bundesfinanzminister hat der Politiker Europa entscheidend mitgeprägt. Dass seine Partei 2019 mit Manfred Weber als Spitzenkandidat für die Europawahl den europäischen Gedanken wiederentdeckt hat - es wird ihn freuen. Denn das war nicht immer so. Die Einführung des Euro ist mit seinem Namen untrennbar verbunden, die Bedingungen dafür hat er mit ausgehandelt. Die einheitliche Währung sei als vertrauensbildende Maßnahme geschaffen worden, entgegnet er den Skeptikern, denn "mit 30 verschiedenen Währungen wäre es uns miserabel gegangen."

Doch ausgerechnet die Kollegen der CSU lehnen den Euro damals ab. Die von Edmund Stoiber geführte CSU-Staatsregierung wollte im Bundesrat gegen die Einführung stimmen. Es kam anders.

Machtkampf mit Edmund Stoiber

Es gab schon Dinge unter der Gürtellinie, die einem weh tun.
Theo Waigel

Diesen Affront hat er nicht vergessen. Seit 1993 ist das Verhältnis zu Edmund Stoiber angespannt. Damals wollen beide Ministerpräsident in Bayern werden, Waigel unterliegt jedoch seinem Rivalen Stoiber. Von einer "diffamierenden Kampagne" spricht Waigel und spielt damit auf die Trennung von seiner ersten Frau an, private Details waren an die Presse lanciert worden. "Es gab schon Dinge unter der Gürtellinie, die einem weh tun."

Das Resümee seines Lebens? Es sei sehr spannend gewesen, nur "wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich manchmal weiche Knie bekommen." Sein Blick zurück ist keiner im Zorn. Im Gegenteil. Und auch was seine Zukunft angeht, zeigt sich der Ehrenvorsitzende der CSU sehr entspannt: "Ich erfreue mich am Leben und blicke gelassen auf das, was noch kommt."

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