Sie sind hier:

Nach fünf Jahren als ZDF-Korrespondent - Wo Peking am schönsten ist

Datum:

Peking ist keine schöne Stadt. Man lebt nach der Luftwerte-App und mit staatlicher Dauerüberwachung. Und doch vermisse ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland einiges.

Enge Gassen in Pekings Altstadt
Moderne Architektur grenzt an ein Altstadtviertel - in Peking Hutong genannt.
Quelle: imago

Wir waren erst ein paar Tage zurück in Deutschland, da suchten wir einen Asia-Markt. Es war dringend. Fünf Jahre war ich ZDF-China-Korrespondent gewesen, fünf Jahre hatten wir in Peking gelebt - und uns nun eigentlich auf Grillabende mit Bratwürsten und ordentlichen Steaks, auf Allgäuer Käse und Schwarzwälder Kirschtorte gefreut. Aber dann überkam uns alle die Sehnsucht nach dem China-Geschmack. Nach süß-geschmorten Auberginen, einem dampfenden Teller chinesischer Nudeln, über den man brennend scharfes Chiliöl gießt, gegrilltem Fisch mit Zitronengras und Kräutern. Und unser jüngster Sohn befand, dass er zum Frühstück unbedingt wieder eine Brühe mit Reisnudeln brauche. 

Wir fanden einen riesigen Asia-Markt, und es war herrlich. Er hatte alles. Oder zumindest sehr viel von dem, was uns in China ans Herz gewachsen war. Der Einkaufswagen wurde voll und voller. Und als wir an der Kasse unsere Sachen eingepackt hatten, standen da zwei große Kartons mit asiatischen Köstlichkeiten. Eine Chinesin beobachtete uns verwundert und fragte dann: "So viel! Haben Sie ein Restaurant?"

Endlose Straßen und Atemmasken

Peking ist keine schöne Stadt, keine, die einen schon bei der Ankunft umwirft mit ihrem Charme. Im Sommer lähmt eine bleischwere Hitze die Stadt und ein grauer Smogvorhang verschleiert über Tage die Sonne. Die schnurgeraden Prachtstraßen, gebaut nach dem Vorbild Moskaus, wirken dann wie endlose Wüstentraßen ohne Aussicht auf eine Oase.

Wer kann, flüchtet in klimatisierte Räume, wo die Luftreiniger auf voller Kraft laufen. Das Dröhnen dieser Geräte in unserer Wohnung, im ZDF-Studio - das war mein Peking-Sound. Im Sommer, im Winter, immer wieder im Jahr. Man starrt auf die App mit den Luftwerten und sieht nur rote Balken, nur furchterregende Zahlen. Wer raus will an solchen Tagen, braucht Atemmasken. Also bleibt man am besten drin.

Chinesin mit Atemschutzmaske auf eiern Straße in Peking
Smog in Peking: An manchen Tagen kann man nur mit Atemmaske raus.
Quelle: reuters

Die Luft ist besser geworden in diesen fünf Jahren. Ein bisschen jedenfalls. Und wir haben uns damit arrangiert. Man plant sein Leben draußen entlang einer Luft-App und mit dem Blick auf die Windstärke in den nächsten Tagen. Nordwind mit mehr als acht Knoten ist eine gute Nachricht, weil er den Dreck wegpustet. Die Kinder können zum Fußball oder man kann rausfahren in die Pekinger Berge und auf der Chinesischen Mauer wandern.

Über die Leiter in den zugemauerten Nudelladen

Pekings Luft werde ich also ganz sicher nicht vermissen. Pekings Verkehr dagegen schon. Stimmt schon, eigentlich ist er fürchterlich. Ständig steht man im Stau und wer nicht warten will bis zum Sankt-Nimmerleinstag, um die Spur zu wechseln, muss auf Tuchfühlung mit der Stoßstange des Vordermanns fahren. In die kleinste Lücke drängt sich sonst eine Armada von Porsche Cayenne, Tuk-Tuks und Lkw mit bedenklich schwankender Ladung. Das Schöne daran ist genau dieses Chaos. 

Wer in China lebt, merkt sehr schnell, dass die allmächtige Partei versucht, wirklich jeden Bereich des Lebens nach ihrem Gusto zu regeln. China ist eine Diktatur. Aber innerhalb dieser Diktatur gibt es eine Alltagsanarchie, die wie ein kleines Pflänzchen immer wieder einen Weg durch den Asphalt der Partei findet. Bei uns um die Ecke haben sie einmal von einem Tag auf den anderen den kleinen Garküchen die Türen zugemauert, weil angeblich Genehmigungen fehlten. Ein paar Tage später standen Leitern da und die Gäste sind durch das Fenster in ihren Lieblings-Nudelladen geklettert.

Auf der Straße passiert etwas ähnliches. Es mag eine chinesische Straßenverkehrsordnung geben. Ganz sicher aber gibt es eine Praxis, nach der man mit Fahrrad und Scootern Fahrbahnen in jeder Richtung nutzen kann, Ampeln nur Empfehlungen sind und U-Turns da möglich sind, wo es dem Fahrer als notwendig erscheint. In Deutschland, besonders in Berlin, würde das sofort zu wüsten Beschimpfungen führen. In China passiert in der Regel - nichts. Niemand fühlt sich berufen zum ehrenamtlichen Verkehrserzieher, jeder wartet geduldig, bis der Weg frei ist. Vielleicht weil er weiß, dass er das im Zweifel selbst genauso machen würde.

Autos auf der Nanjing-Jangtse-Brücke
Endlose Straßen und viel Improvisation: In Peking fühlt sich niemand zum ehrenamtlichen Verkehrserzieher berufen.
Quelle: imago

Chaos und Leben in den Hutongs

Manchmal, wenn ich aus dem überordentlichen Tokio zurück nach Peking kam, nach einer Woche, in der ich mich ständig selbst an japanische Rolltreppen-Regeln erinnerte, bin ich aufs Fahrrad gestiegen und gegen die Fahrtrichtung in meinen Lieblings-Hutong geradelt. Hutongs sind die Altstadtviertel um die verbotene Stadt. Viel zu viele hat Pekings Stadtregierung abreißen lassen. Oder sie hat auch dort Garküchen und winzige Espressobars von heute auf morgen zumauern lassen. 

Aber in den Hutongs ist es immer noch da: das Chaos und das Leben. Da ist Peking am schönsten. Sogar der Sommer. Wenn ein Gewitterregen die Luft gereinigt hat und aus den engen Gassen die Hitze verdampft. Wenn am Abend die Rentner im Pyjama nochmal ihr Hündchen Gassi führen und am Kiosk Männer auf Bierkisten diskutieren, die Unterhemden bis zu den Achseln hochgerollt, damit der üppige Bauch schön freiliegt. Beijing Bikini nennt man das, keine Augenweide, aber eben ein bisschen Anarchie.

Was Chinesen und Deutsche unterscheidet

Thomas Reichart auf dem Kunjerab Pass an der Grenze zwischen China uns Pakistan
Thomas Reichart bei Dreharbeiten an der Grenze von China zu Pakistan.
Quelle: ZDF

Chinesische Freunde erklärten uns kürzlich, dass China ihrer Meinung nach seinen Wirtschaftserfolg diesem Chaos verdankt. Der Annahme, dass man weniger planen und mehr machen muss. Und dass man eben neu anfängt, wenn man scheitert. In Deutschland, fanden sie, sei alles sehr ordentlich. Aber vielleicht würde dort zu wenig unternommen, weil die Furcht, etwas falsch zu machen, zu groß sei.

Ich fand das einleuchtend und musste ausgerechnet ans Skifahren denken. Am Anfang lächelten wir über Chinesen, die sich mit überschaubarem Können, aber sehr viel Wagemut die Hänge runterstürzten. Fünf Jahre später sahen wir überall Chinesen, wie sie einen Carving-Schwung wie aus dem Lehrbuch trainierten.

Eine digitale Diktatur

Der Partei ist dieses Chaos zutiefst suspekt. Und sie versucht es einzuschränken, wo es nur geht. Leider kommt sie damit sehr weit. In meiner Straße sind im Lauf der Jahre immer noch mehr Kameras hinzugekommen. Sie können inzwischen nicht nur Nummernschilder lesen, sondern erkennen Menschen an ihrem Gesicht oder an der Art, wie sie sich bewegen. Vielleicht wird es in dieser digitalen Diktatur, die alles sieht und alles weiß, bald vorbei sein mit der Straßenanarchie. Sogar den Beijing Bikini wollen sie jetzt verbieten. 

Dass Chinas Obrigkeit von meiner Familie und mir alles wusste, davon mussten wir die ganze Zeit über ausgehen. Als westlicher Korrespondent ist man per se im Zentrum der Aufmerksamkeit. Und dazu gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach auch unsere Wohnung.

Was das bedeutet? Es bleibt einem nicht viel anderes, als es zu verdrängen. Aber manchmal ging das nicht. Zum Beispiel als wir mit Freunden nach Xinjiang reisten, Chinas westlichster Provinz, wo die muslimische Minderheit einem grotesken Überwachungs- und Unterdrückungsapparat ausgesetzt ist. Es war nur eine Urlaubsreise, nichts Journalistisches. Aber wie die Stasi dort uns auf Schritt und Tritt verfolgte, wie sie uns und die Kinder mit Smartphones fotografierte, das bedrohliche Gefühl, überall beobachtet zu sein - das wird uns allen in Erinnerung bleiben. Und das werden wir ganz sicher nicht vermissen.

Kinder staunen über Wahlplakate und Demos

Überhaupt schärft China den Blick auf das, was einem zuhause in Deutschland wichtig und wertvoll ist. Gute Luft, sichere Lebensmittel, Wasser, das man sogar aus dem Hahn trinken kann. Darüber denkt man nicht viel nach, aber man weiß es zu schätzen, wenn es einem fehlte.

Genauso ist es mit unseren Freiheiten. Niemand zensiert mehr das Internet, blockiert Inhalte. Meine Kinder staunen über die vielen Wahlplakate auf den Straßen und dass es Demonstrationen für das Klima gibt. Das kannten sie nicht in China. Es ist gut, dass sie das jetzt lernen. Und dass es diesen großartigen Asia-Markt gibt. Ganz in unserer Nähe.

Thomas Reichart war von 2014 bis 2019 für das ZDF als Korrespondent in China. Zum Abschied blickt er auf seine Zeit dort zurück.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.