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Der japanische Kaiser Naruhito - Wohltuende Stille in einer lauten Welt

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Japans neuer Kaiser Naruhito ist seit Mai im Amt. Offiziell hat er seinen Thron aber erst heute bestiegen. Es war eine leise Zeremonie - wie ein Gegenentwurf zur Weltpolitik.

In Japan hat der neue Kaiser Naruhito feierlich den Thron bestiegen. Bereits im Mai hatte er das Amt seines Vaters übernommen. Nun folgte die offizielle Zeremonie.

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Dieser Artikel braucht einen Beipackzettel. Wer ihn liest, soll wissen, was ihn erwartet: das offene Erstaunen eines Journalisten, der sich erst seit kurzem mit Japan beschäftigt. Vorher lebte ich lange in den USA. Macht wird dort geräuschvoll zelebriert, mit Musik, Massenkundgebungen und triumphalen Reden - besonders seit der Lautsprecher der Nation, Donald Trump, die Bühne betreten hat. Er gibt das Tempo vor, in einer Welt voller Konflikte und testosterongesteuerten Alphatieren.

Der neue japanische Kaiser Naruhito wirkt dagegen wie aus einer anderen Zeit. Schüchtern sieht er aus, Wutausbrüche sind nicht bekannt. Ein kleiner zierlicher Mann, der sich sein Leben lang darauf vorbereitet hat, seine Emotionen bei sich zu behalten. Er ist wie sein Land - höflich und zurückhaltend.

Thronbesteigung in Stille

Ein japanischer Kaiser muss vor allem schweigen können. Dadurch wirkt er. Die offizielle Thronbesteigung vollzieht sich still. Nach uralten, festgelegten Regeln, die ein Hofstaat minutiös überwacht. Um 13 Uhr japanischer Zeit (6 Uhr morgens in Deutschland) betritt er den Seiden-Matsu-no-Ma, gekleidet in einer dunklen-orangenen Robe. Um dann gleich wieder hinter einem Vorhang zu verschwinden. Als der Vorhang wieder aufgeht, hält der Kaiser einen Zeremonialstab in der Hand. Er redet nicht, er bewegt sich kaum, er schaut würdevoll. So geht das schon seit Jahrhunderten. Japan ist die älteste Monarchie der Welt. In der Ruhe liegt wohl ihre Kraft. Vielleicht ist das das Geheimnis.

Naruhitos Regierungsdevise trägt den wunderbaren Namen Reiwa, "schöne Harmonie". Dagegen kann keiner was haben. Und das ist gut so. Denn der Kaiser ist ein Symbol staatlicher Einheit. Ein Repräsentant der Würde und Tradition der Japaner. Dazu passt die Bedeutung von Naruhitos Namen. "Jemand der Klugheit, Klarheit, Weisheit und Verstehen durch himmlische Tugend erlangt." So eine Bedeutung verpflichtet. Die schwingt mit, wenn der Kaiser den Text vorliest, dem ihn der Oberhofmarschall gibt. Dann schweigt er wieder. 

Der erste von den eigenen Eltern aufgezogene Kaiser

Für den Außenstehenden ist es schwer, sich in diese Welt hinein zu denken. Die kaiserliche Familie hat nur wenige öffentliche Auftritte und sie wirkt dabei wie kleine zierliche Puppen, die fest eingeschnürt vom höfischen Ritual uns schweigsam anschauen. Regungen und Dramen, Skandale wie beim englischen Königshaus kommen nicht vor. Aber auch der 126. Kaiser Naruhito ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Sehnsüchten. Unter der Lupe wird sein Leben von Hofprotokollanten betrachtet. Jedes Detail ist wichtig und vielleicht ein Hinweis auf kaiserliches Denken. Jede Abweichung wird deshalb notiert.

Er ist der erste Kaiser, den nicht eine Amme aufzog, sondern seine Eltern. Er ist der erste, der im Ausland, in Oxford, studierte. Er spricht fließend Englisch. Das macht ihn zu einem Hoffnungsträger für Japaner, die sich ein moderneres Land wünschen, das Einwanderer begrüßt und sich der Welt öffnet. Japan hat in den letzten Jahrzehnten seine Vormachtstellung an China verloren. Die Gesellschaft ist überaltert, die Wirtschaft läuft schlecht. Ein Kaiser mit internationaler Lebenserfahrung soll den Ballast der Vergangenheit abstreifen.

Japans neues Kaiserpaar - Vorbild für ein verändertes Japan

Japans neuer Kaiser Naruhito hat einen steinigen Weg vor sich. Er ist eingezwängt in ein uraltes Hofritual. Retten könnte ihn seine Frau Masako.

von Thomas Reichart, Tokio

Naruhito scheint dafür offen. Er bekannte sich wie sein Vater zu Japans Kriegsschuld im Zweiten Weltkrieg und stemmt sich gegen nationalistische Strömungen in der Gesellschaft. Aber leise. Mit feinen Sätzen wie diesem: Die Generation, die den Krieg erlebte habe, müsste denen, die ihn nicht erlitten hätten, diesen richtig vermitteln. Das gefällt nicht jedem in Japan. Der Kaiser wird sich nur selten eine eigene Meinung erlauben. Das ist nicht seine vorgesehene Rolle. Er hat zu schweigen. Wirken kann er nur im Symbolischen. Durch seine Art zu leben.

Tradition und Depression

Der Hofstaat wacht aber streng, dass die Tradition den Menschen dominiert. Das hat Naruhito früh erfahren. Seine Frau Masako gefiel den kaiserlichen Beamten nicht. Die Karrierediplomatin, die fünf Sprachen spricht und in Harvard und Oxford studiert hat, wirkte vielen als zu selbstständig. Sie hatten Einwände, die manchmal ins Absurde gingen. Sie ist 1,61 Meter groß und damit drei Zentimeter größer als Naruhito. Das missfiel. Kaiserinnen haben nicht größer als ihr Mann zu sein.  

Kaiserin Masako
Kaiserin Masako: Mit 1,61 Meter größer als ihr Mann.
Quelle: reuters

Als Masako nach ihrem Mann im gebührenden Abstand den Thronsaal betritt, dann hat sie einen langen, schmerzhaften Weg hinter sich. Es fiel ihr schwer, sich in die Strenge des Hofstaates zu integrieren, sie litt vor Jahren unter Depressionen - oder wie es hieß, unter Anpassungsstörungen. Das ist überwunden.

Aber nach der Zeremonie wird alles Menschliche noch mehr verblassen. Nun sind Nahurito und Masako Kaiser und Kaiserin. Sie verschmelzen mit der Monarchie, bestenfalls mit ihrem Land, in perfekter schöner Harmonie. Nur selten werden sie Reden halten. Sie schweigen in eine laute Welt hinein.

Ulf Röller ist Leiter des ZDF-Studios Peking.

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