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Einsatz wichtiger Antibiotika angestiegen

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Reduzierung in der Tiermast - Einsatz wichtiger Antibiotika angestiegen

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Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast geht zurück. Doch der Schein trügt, erklärt Tierarzt Sundrum im makro-Interview. Und auch die Erkrankungsrate der Tiere gehe nach oben.

Archiv: Schweine im Mastbetrieb, aufgenommen am 18.01.2012
Schweine im Mastbetrieb (Archivbild)
Quelle: dpa

Antibiotika in der Tiermast sind stark rückläufig. Was das für Mensch und Tier bedeutet, darüber sprach 3sat-makro mit dem Nutztierwissenschaftler und Tierarzt Albert Sundrum.

makro: Der Verbrauch von Antibiotika in der Tiermast in Deutschland ist allein zwischen 2011 und 2017 um 57 Prozent gesunken, das ist ein gewaltiger Rückgang. Wie ist er zu erklären?

Albert Sundrum: Der deutliche Rückgang ist Folge einer Gesetzesänderung, die Tierärzten und Nutztierhaltern auferlegt, die Einsatzmengen von Antibiotika bei Masttieren zu dokumentieren und zu melden. Dadurch konnte ein Überblick gewonnen und diejenigen Betriebe identifiziert werden, die bezogen auf die Tierzahlen überproportional viel Antibiotika einsetzen. Diesen Betrieben werden Auflagen gemacht, verbunden mit der Androhung von Sanktionen.

Allerdings sind die Einsatzmengen von solchen, für die Humanmedizin besonders wichtigen Antibiotika in der Tiermedizin sogar angestiegen, weil viele der herkömmlichen Antibiotika nicht mehr greifen.

Allerdings sind die Einsatzmengen von solchen, für die Humanmedizin besonders wichtigen Antibiotika in der Tiermedizin sogar angestiegen, weil viele der herkömmlichen Antibiotika nicht mehr greifen. Kommt es hier zu Resistenzbildungen, verschärft sich die Gefahr der Unwirksamkeit von besonders wichtigen Antibiotika auch in der Humanmedizin.

makro: Das heißt, der Rückgang der Antibiotikamengen ist am Ende doch keine gute Nachricht für den Verbraucher?

Albert Sundrum: Nur bedingt. Denn bislang wurde kein Monitoring der infektiös-bedingten Produktionskrankheiten etabliert. Die Verbraucher haben daher keinen Grund, sich sicherer zu fühlen. Die Bedrohung durch die Resistenzproblematik und durch pathogene Keime, die über die tierischen Produkte in die Küchen der Verbraucher gelangen, besteht weiter - ebenso wie die Ursachen für Erkrankungen und für den Einsatz von Antibiotika.

makro: In welchem Zusammenhang steht denn der Rückgang der Antibiotikamengen mit der Tiergesundheit?

Albert Sundrum: Mit der Reduzierung der Antibiotikaeinsatzmengen dürften sich die Erkrankungsraten im Durchschnitt sogar eher erhöht als erniedrigt haben. In Dänemark, wo es ein flächendeckendes Monitoring von Befunderhebungen gibt, war zunächst eine solche Folgewirkung zu beobachten. In Deutschland ist dies noch eher zu erwarten, weil der seit vielen Jahren bestehende Kostendruck die Umsetzung eines zielführenden Tiergesundheitsmanagements auf vielen Betrieben verhindert.

Antibiotika sind sehr preiswerte Produktionsmittel, um sich aufwendige hygienische und gesundheitsvorsorgende Maßnahmen zu ersparen. Die Intensivierung der Nutztierhaltung wäre ohne die drastische Zunahme des Antibiotikaeinsatzes nicht möglich gewesen. Letztlich können wir jedoch über die aktuelle Lage nur spekulieren, da ein flächendeckendes Monitoring bislang am Widerstand der Agrarlobby scheitert.

makro: Warum gibt es denn ein Monitoring über Antibiotika-Mengen, aber nicht über die zugrunde liegenden Erkrankungen?

Albert Sundrum: Die Bedeutung der Produktionskrankheiten für Verbraucher- und Tierschutz wird weitgehend ignoriert, weil Regulierungen das Marktgeschehen beeinflussen und die Produktionskosten erhöhen würden. Dem Streben nach Kostenführerschaft und der Exportorientierung wird in der Fleisch- und Milchbranche alles andere untergeordnet.

Das heißt, alles was dazu beitragen könnte, die Produktionskosten zu erhöhen und die Wettbewerbsbedingungen zu verschlechtern sowie die Handlungsfreiheiten der Agrarindustrie einzuengen, wird von der Agrarlobby torpediert und deshalb von der Agrarpolitik auch nicht angegangen. Wir alle sind Gefangene eines auf Kostensenkung ausgerichteten Agrarwirtschaftssystems.

makro: Es gibt zwar kein verbindliches Monitoring – aber welche Erkenntnisse haben Sie über die Tiergesundheit in deutschen Ställen?

Es liegen beispielsweise offizielle Zahlen zu den pathologischen Befunden der Schweine am Schlachthof vor, die das Statistische Bundesamt veröffentlicht. Danach wurden im Jahr 2017 bei ca. 32,8 Prozent der Schlachtkörper erkrankungsbedingte Schäden erfasst. Das wahre Ausmaß ist jedoch deutlich höher, weil bei der amtlichen Befunderhebung nicht alles und nicht mit der notwendigen Akkuratesse erfasst wird.

Maßgeblich sind jedoch nicht nur die Durchschnittszahlen, sondern die große Streuung zwischen sehr guten und sehr schlechten Betrieben. Alle Betriebe bekommen für die Rohware den gleichen Preis; damit entfallen Anreize bzw. Zwänge, die tiergesundheitliche Situation maßgeblich zu verbessern.

makro: Wenn so viele Tier krank sind – was heißt das am Ende für die Gesundheit der Verbraucher?

Ein Restrisiko bleibt, das Ausmaß ist aber schwer einschätzbar. Insbesondere bei Geflügel- und Schweinefleisch sollten diejenigen Verbraucher, die sich vor pathogenen Keimen schützen möchten, eigenverantwortlich auf die konsequente Einhaltung von Hygienemaßnahmen in der eigenen Küche achten. Diejenigen Verbraucher, die sich für das Gemeinwohl und damit auch für das Wohlergehen der Nutztiere mitverantwortlich fühlen, haben es allerdings schwer, weil sie - entgegen anderslautender Werbeaussagen - nicht über das Kaufverhalten Einfluss nehmen können.

Denn auch die Produkte, die mit Hinweis auf "Tierwohl" gelabelt sind, stammen nicht automatisch von Tieren, die ihr Leben ohne gesundheitliche Störungen verbracht haben.

Dies gilt explizit auch für Produkte aus der ökologischen Landwirtschaft. Auch hier sind die Erkrankungsraten auf einem vergleichbaren Niveau wie unter herkömmlichen Produktionsbedingungen. Positiv gewendet mündet dies in die Forderung nach Produkten von nachweislich gesunden Tieren, die jeder Einzelne sowohl an der Fleischtheke als auch beim Einzelhandel und in der Wahlkabine adressieren kann bzw. lautstark artikulieren sollte.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt.

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