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Alternativen gesucht - Tierversuche auf dem Prüfstand

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Millionen Tiere werden hierzulande pro Jahr für Forschungszwecke verwendet. Ein völliger Verzicht sei laut Wissenschaftlern noch nicht möglich. Doch sie arbeiten an Alternativen.

Es ist ein Dilemma: Um den medizinischen Fortschritt voranzutreiben, sind für Grundlagenforschung, Erforschung von Krankheiten sowie Unbedenklichkeitsprüfungen Tierversuche derzeit unverzichtbar. Tierversuchsgegner dagegen wollen das Tier-Leid abschaffen. Sie glauben, dass die Forschung ohne sie schon weiter wäre. Und so demonstriert etwa die Tierschutzorganisation Peta immer wieder gegen Tierversuche.

Zudem übt die Organisation heftige Kritik an der Tatsache, dass Ratten und Mäuse auch an Hochschulen seziert werden, damit Studenten mehr über die inneren Organe der Nager lernen. "In den nächsten zehn Jahren muss Deutschland aus den Tierversuchen aussteigen. Vor allen Dingen müssten die Hochschulen Vorbild sein und sich von den Tierversuchen absolut verabschieden", fordert Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta Deutschland.

Um aber neue Substanzen oder Medikamente auf ihre Giftigkeit zu testen, muss dies hierzulande an Tieren ausprobiert werden. Diese Sicherheitsprüfung ist derzeit noch gesetzlich vorgeschrieben. Das Paul-Ehrlich-Institut erklärte jedoch, die Prüfung auf die sogenannte anomale Toxizität (ATT) ab 2019 zu streichen.

Tierversuche auch bei Hightech-Medizin

Auch bei neuen Hightech-Entwicklungen spielen Tierversuche eine Rolle. Wissenschaftler entwickeln eine Reihe moderner Implantate und Prothesen sowie Medikamente für seltene Krankheiten, die vielen Patienten eine bessere Lebensqualität ermöglichen.

Beispiel Taubheit: Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren ein elektronisches Hörimplantat für taube Menschen entwickelt. Bevor die Mediziner das Implantat in der Humanmedizin einsetzen konnten, mussten Experimente an Tieren durchgeführt werden.

Forscher: Tierversuche für medizinischen Fortschritt vertretbar

Die Forscher sind sich einig: Für den medizinischen Fortschritt sind Tierversuche zwingend notwendig und auch vertretbar. Tobias Moser vom Institut für Auditorische Neurowissenschaften an der Universität Göttingen hat eine klare Meinung zu dem Thema: "Die Frage, macht man einen Tierversuch oder nicht, stellt sich für uns Hörforscher nicht mehr, weil es unethisch wäre, einem Menschen zu einem frühen Zeitpunkt dieses Risiko zuzumuten."

Eine Patientin, die mit Hilfe des Hightech-Implantats wieder hören kann, sagt dazu: "Wenn man heute Medizin nutzt, dann muss man sich letztendlich bewusst sein, dass Tierversuche dahinter stehen. Das ist sonst so, als würde man sagen: Ich esse gerne Fleisch, aber ich möchte nicht, dass ein Tier getötet wird."  

Alternative zu Tierversuchen

Bei der Firma TissUse in Berlin wird inzwischen am Ausstieg aus Tierversuchen für komplexe Medikamententests gearbeitet. Ein Multiorganchip soll einmal 70 Prozent aller Versuchstiere ersetzen. Durch einen künstlichen Blutkreislauf können bis zu vier Mini-Organe miteinander verbunden werden. Der Chip arbeitet mit menschlichen Zellen und kann Vorgänge abbilden, wie sonst nur der Tierversuch abbilden kann.  

Beispiel: Diabetes. Wissenschaftler verbinden eine Mini-Leber mit einer Mini-Bauspeicheldrüse und simulieren damit einen Diabetes-Patienten. Unter Zugabe einer sehr hohen Zuckerlösung entwickelt sich der Diabetes. So kann sich nach Ansicht von Wissenschaftlern die Entwicklungszeit von Medikamenten um drei Jahre reduzieren. "15 Jahre, dann sind wir soweit, dass wir mit solchen kleinen Chips den größten Teil der Tierversuche für präklinische Arzneimittelbewertung ersetzen können", so Uwe Marks, Mediziner der TissUse. Das würde der Pharmaindustrie enorme Kosten und den Tieren viel Leid ersparen.  

Auch BASF arbeitet an Alternativmethoden

Auch der Chemiekonzern BASF entwickelt Alternativmethoden für toxikologische Prüfungen. Derzeit sind etwa 30 Ersatzmethoden im Einsatz. Sie kommen beispielsweise für die gesetzlich vorgeschriebenen Tests an Haut und Augen zum Einsatz, und so müssen dafür keine Versuchskaninchen mehr leiden.

Beispiel: Ätzende Chemikalienwirkung. Der angewendete BCOP-Test nutzt hierfür Schlachtabfälle, genauer gesagt Rinderaugen. Sie werden in ein Messgerät eingespannt und mit der aggressiven Substanz beträufelt. Aus der Veränderung können die Wissenschaftler so die Auswirkung erforschen. "Es ist eine Abwägung: Sind wir uns hinreichend sicher, dass wir damit auch genügend Schutz für die menschliche Gesundheit garantieren können? Tierversuche sind bei Weitem nicht perfekt, aber sie haben eine lange Historie, die im Wesentlichen auch gut funktioniert hat, und Alternativmethoden sind eben neu", resümiert Robert Landsiedel, Chef-Toxikologe bei BASF.

Bei einer toxikologischen Bewertung können Alternativmethoden die Tierversuche nicht zu 100 Prozent ersetzen. Doch das Verständnis dafür wächst, dass das Tier-Leid reduziert werden soll und muss. Dafür bedarf es eine lange Entwicklungszeit und letztendlich auch ein Umdenken der zuständigen Regulierungsbehörden.

Sind Tierversuche ethisch vertretbar? aspekte trifft in Basel den Tierphilosophen Markus Wild.

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11 min
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