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"Aufmerksam sein und schnell handeln"

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Multiresistente Keime - "Aufmerksam sein und schnell handeln"

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Etwa 2.500 Menschen sterben pro Jahr an Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Wie die gefährlichen Erreger gestoppt werden könnten, erklärt Experte Tim Eckmanns.

Schild an der Tür eines Isolierzimmers für Patienten mit multiresistenten Keimen.
Schild an der Tür eines Isolierzimmers für Patienten mit multiresistenten Keimen.
Quelle: DPA

heute.de: 30.000 Menschen infizieren sich im Jahr im Krankenhaus mit antibiotikaresistenten Keimen, rund 2.500 Patienten sterben daran. Warum sind ausgerechnet Krankenhäuser so eine "Gefahrenzone"?

Tim Eckmanns: Die Antibiotika-Gabe pro Person ist im Krankenhaus und hier insbesondere auf Intensivstationen am höchsten. Auch wenn mit 85 Prozent mehr Antibiotika im ambulanten Bereich gegeben werden. Die Patienten im Krankenhaus haben ein höheres Risiko, einen resistenten Erreger zu erwerben, und dann auch ein höheres Risiko, an diesem zu erkranken. Mit allen möglichen weiteren Folgen.

heute.de: In der ZDFzeit-Dokumentation wird der Ausbruch eines panresistenten Krankenhauskeims gezeigt, ein Keim also, gegen den gar nichts mehr hilft. Das Ganze ist fiktiv. Aber wie realistisch ist so ein Szenario?

Eckmanns: Zum Glück hatten wir noch keinen Ausbruch mit einem panresistenten Erreger. Aber Ausbrüche mit resistenten Erregern kommen vor. Hier gilt es, schnell zu handeln und den Erreger zu erkennen. Maßnahmen müssen umgesetzt werden und alle betroffenen Patienten durch Screening erkannt werden. Panresistente Erreger kommen sehr selten vor, sehr vereinzelt treten sie aber auf.

Hier die komplette ZDFzeit-Doku:

Pest und Cholera haben einst ganze Landstriche verwüstet. Heute halten Antibiotika gefährliche Keime in Schach. Doch gegen immer mehr Krankheitserreger sind Medikamente machtlos.

Beitragslänge:
43 min
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heute.de: In dem Film geht es um einen Klebsiella pneumoniae - ein Krankenhauskeim, der besonders für geschwächte Patienten gefährlich ist. Wenn kein Antibiotikum mehr hilft, kann man dann wirklich gar nichts mehr machen?

Eckmanns: Es sterben mehr Menschen an nicht oder kaum resistenten Erregern als an resistenten Erregern. Daran ist zu erkennen, dass das Antibiotikum allein nicht die Heilung bringt. Auch die körpereigenen Kräfte - das Immunsystem - tragen sehr viel zur Gesundung bei.

heute.de: Gibt es denn vielversprechende Forschungsansätze für neue Behandlungsmöglichkeiten?

Eckmanns: Bei chronischen Infektionen, bei denen ausreichend Zeit ist, kann eventuell eine Phagentherapie etwas bringen. Hier wird das Medikament individuell für den einzelnen Patienten hergestellt. Dieses Verfahren existiert in Osteuropa schon länger. In Westeuropa, auch in Deutschland, gibt es inzwischen eine Reihe von Studien, um die Wirksamkeit von Phagen zu untersuchen. Andere neue Ansätze, die kurz- oder mittelfristig zum Einsatz kommen können, existieren nicht.

heute.de: Wäre es nicht die einfachste Lösung, wenn die Pharmaindustrie neue Antibiotika entwickeln würde?

Es ist wichtig, dass es eine gute Überwachung gibt, die vorhandenen Antibiotika richtig eingesetzt werden und das Hygienemanagement funktioniert. Dann nehmen die Resistenzen kaum zu.
Tim Eckmanns

Eckmanns: Neue Antibiotika lösen das Problem nicht alleine. Es ist wichtig, dass es eine gute Überwachung gibt, die vorhandenen Antibiotika richtig eingesetzt werden und das Hygienemanagement funktioniert. Dann nehmen die Resistenzen kaum zu. Es gibt auch die Entwicklung, dass Resistenzen zurückgehen, weil die Maßnahmen gut umgesetzt werden. So hat sich der Anteil der hochresistenten Staphylokokken ‎in Deutschland in den letzten zehn Jahren halbiert. Ähnliches ist auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten.

In Ländern mit niedrigem Einkommen sind es zurzeit noch ganz andere Maßnahmen, die notwendig sind: bessere Alphabetisierung, bessere Infrastruktur, mehr Toiletten, sauberes Wasser und ein öffentlich finanziertes Gesundheitswesen. Neue Antibiotika sind also nur ein kleiner Baustein unter vielen notwendigen Maßnahmen.

heute.de: Es gab auch in der Vergangenheit schon Ausbrüche multiresistenter Keime in deutschen Krankenhäusern. Warum lässt sich die Verbreitung so schlecht stoppen, obwohl die Gefahr bekannt ist?

Ausbrüche sind nicht immer zu vermeiden, aber sie müssen und können schnell eingedämmt werden, wenn sich richtig verhalten wird.
Tim Eckmanns

Eckmanns: Jeder Ausbruch ist neu. Die Erreger haben unterschiedliche Eigenschaften. In einem hochkomplexen System wie einem Krankenhaus kommen Fehler vor. Das Entscheidende ist, aufmerksam zu sein und dann schnell zu handeln. Ausbrüche sind nicht immer zu vermeiden, aber sie müssen und können schnell eingedämmt werden, wenn sich richtig verhalten wird.

heute.de: Die Politik hat sich der Problematik inzwischen angenommen. Neue Hygienevorschriften, mehr Pflegepersonal – sind Sie optimistisch, dass die Situation in den Krankenhäusern jetzt tatsächlich besser wird?

Eckmanns: Ja, die Situation in den Krankenhäusern ist nicht pauschal schlecht. Aber Personalmangel kann natürlich zu mehr Fehlern führen. Auch muss das Bewusstsein weiter geschärft werden. Sowohl bei Krankenhausmitarbeitern für die Infektionskontrolle, als auch bei Patienten, nur dann ins Krankenhaus zu gehen, wenn es wirklich notwendig ist. Wir haben gerade eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die sehr vielen Krankenhausaufenthalte, die wir in Deutschland haben, eventuell Teil der Problematik der Krankenhausinfektionen sind. Hinzu kommt, dass nicht nur die Situation der Krankenhäuser wichtig ist, sondern auch der öffentliche Gesundheitsdienst muss gut aufgestellt sein, um die Krankenhäuser etwa bei Ausbrüchen richtig unterstützen zu können.

heute.de: Besonders in der Kritik stehen die Landwirte, die Antibiotika in der Tiermast einsetzen. Ist es denn wirklich realistisch, dass Keime aus Tierställen für den Menschen gefährlich werden? 

Eckmanns: Auf diese Tatsache reagiert der One-Health-Ansatz. Der Umfang der Transmission von Erregern von Tieren auf Menschen ist nicht genau quantifizierbar. Aber dass bestimmte resistente Bakterien oder ihre Resistenzgene auch beim Menschen landen, ist bewiesen. Dort verursachen sie auch Infektionen.

heute.de: Was würde eigentlich passieren, wenn wir einfach so weitermachen wie bisher?

Eckmanns: Sie meinen ohne Anstrengungen gegen die Ausbreitung von Resistenzen? Wobei klar gesagt werden muss, dass schon viel gemacht wird, aber auch weiter an Gegenmaßnahmen gearbeitet werden muss. Wenn wir also nichts machen würden, würden Antibiotikaresistenzen zunehmen und entsprechend auch Infektionen mit Todesfolgen. Eine Quantifizierung ist hier kaum möglich. Es ist ganz klar, wir müssen weiterhin mit Maßnahmen gegen Antibiotikaresistenzen vorgehen.

Das Interview führte Michael Strompen.

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