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"Die Erde erträgt es nicht mehr, wenn wir so weitermachen"

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Timmermans zum "Green Deal" - "Die Erde erträgt es nicht mehr, wenn wir so weitermachen"

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Die neue EU-Kommission will Europa zum Vorreiter im Klimaschutz machen. Kritiker sehen auf die Pläne zu Recht mit Skepsis, sagt Kommissions-Vize Timmermans im ZDF-Interview.

Die EU-Kommission möchte die Europäische Union mit dem "Green Deal" bis 2050 klimaneutral machen. Frans Timmermans fordert im Interview die Unterstützung aller EU-Mitgliedsstaaten.

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heute.de: Die EU-Kommission will den "Green Deal". Europa soll bis 2050 klimaneutral werden. Warum ist das so wichtig? Und wie sehen Sie die Chancen, dass das auch so klappt?

Frans Timmermans: Ich glaube, es ist wichtig, denn die Erde erträgt es nicht mehr, wenn wir so weitermachen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir unsere Gesellschaft darauf vorbereiten, dass auch in der Zukunft unsere Werte beibehalten werden, dass unsere Kinder auch gut leben können. Dazu muss Europa bis 2050 klimaneutral werden, damit wir auch mit den anderen Teilen der Welt reden können und sagen können: Wir geben ein Vorbild. Bitte, bitte, folgt dem auch!

heute.de: Wie hoch sind die Chancen Ihrer Meinung nach, dass Sie damit durchkommen, dass alle Staaten an einem Strang ziehen?

Timmermans: Ich weiß ganz genau, dass wir da noch verhandeln müssen, dass nicht jeder unbedingt davon überzeugt ist. Aber wir sehen heute auch beim Europäischen Rat, dass die Mitgliedsstaaten darüber eine Diskussion haben. Ich hoffe, dass sich der Rat sich dazu entscheidet, dass wir bis 2050 als Europäische Union tatsächlich klimaneutral sind.

heute.de: Skeptisch sind vor allem Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien. Wie kann man die mit ins Boot nehmen? Wie kann eine Strategie dazu aussehen?

Timmermans: Ich habe da auch ein bisschen Verständnis, denn die müssen so sehr umschalten. Das geht so weit. Polen zum Beispiel ist bis zu 80 Prozent von Kohle abhängig bei der Energieversorgung. Also, dass so ein Land umschalten muss, dass das schwierig ist und das Land dabei auch Hilfe braucht, ist mir klar. Aber wir müssen auch Polen davon überzeugen, dass es im Interesse der polnischen Bürgerinnen und Bürger ist, dass wir diese Änderungen machen. Sie müssen sich mal anschauen, wie es um die Luftqualität in den polnischen Städten steht. Sehr schlecht. Die Polen sind auch davon überzeugt, dass wir etwas machen müssen, brauchen aber ein bisschen Hilfe. Und ich glaube, die EU könnte wirklich behilflich sein.

heute.de: Die EU will Vorreiter werden. Klimaneutral bis 2050, bis 2030, 50 oder sogar 55 Prozent weniger CO2 im Vergleich zu 1990? Viele Umweltverbände sind skeptisch und sagen: Das ist wieder eine tolle Ankündigung, die aber jetzt auch mit Leben gefüllt werden muss. Auch Bereiche wie die Luftfahrt müssen eine Rolle spielen.

Timmermans: Die haben Recht, dass sie skeptisch sind. Denn bisher ist, was geschehen ist, immer ein bisschen enttäuschend. Wir haben nie erreicht, was wir erreichen wollten. Deshalb wollen wir jetzt ganz präzise vorangehen, dass wir ganz genau angeben, was sich alles ändern muss. Deshalb ist der "Green Deal" auch so breit aufgestellt. Er beschäftigt sich mit allen Themen. Und wir werden Vorschläge machen jetzt in den kommenden Monaten, damit wir zeigen können, dass wir tatsächlich bis zu 50 oder 55 Prozent weniger Ausstoß haben können bis 2030. Ich will aber, dass diese Pläne gut, gut vorbereitet werden, damit wir auch alle Folgen der Pläne einschätzen können, damit die Mitgliedstaat genau wissen, was sie entscheiden, wenn sie etwas entscheiden.

heute.de: Glauben Sie denn, dass Länder wie Deutschland dann noch nachlegen müssen bei den Klimazielen? Im Moment ist Deutschland im Vergleich zu Skandinavien eher schwach aufgestellt, im Vergleich zu anderen Ländern stärker. Wie kann man das europaweit auf ein Niveau bringen?

Timmermans: Ich glaube, wenn wir das ernst nehmen, wenn wir wirklich bis 2050 klimaneutral werden wollen, dann müssen alle Mitgliedsstaaten nachlegen. Auch Deutschland, auch mein Land, die Niederlande. Denn sonst schaffen wir das nicht. Wenn wir das nicht schaffen, dann wird der Temperaturanstieg nicht auf 1,5 Grad beschränkt bleiben. Und dann sind die Folgen nicht übersehbar. Das können wir uns nicht leisten.

heute.de: Auch die Atomenergie ist wieder im Gespräch. Manche Länder wollen sie sogar als “grüne Energie” einstufen. Deutschland steigt dagegen aus. Wie kann das miteinander in Einklang gebracht werden?

Timmermans: Es sind natürlich nationale Entscheidungen, welche Energieform man nutzt. Es ist auch klar, dass es bei der Atomenergie keinen Ausstoß von CO2 gibt. Aber: Atomenergie ist nicht nachhaltig. Sie ist langfristig keine Lösung für unsere Energieproblem.

Das Interview führte Mark Hugo, Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion

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