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Stickoxid-Belastung - Titandioxid soll Abgase reduzieren

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Forscher der Uni Aachen haben eine Textilfassade entwickelt, die Abgase aus der Luft filtern kann. Die Idee ist umstritten: Erste Pilotprojekte verliefen nicht erfolgreich.

Dichter Verkehr - Typical
Wie viele andere Städte hat auch Stuttgart mit dicker Luft zu kämpfen.
Quelle: dpa

In diesen Tagen haben Andreas Koch und sein Team von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen alle Hände voll zu tun. Ihre neu entwickelte Textilfassade "green.fACade" erregt Aufmerksamkeit bei Stadt und Industrie, weil sie möglicherweise ein Dieselfahrverbot verhindern kann – so die Forscher.

Zweite Haut an Gebäuden

Es ist bekannt, dass gefährliche Treibhausgase wie Kohlendioxid oder Methan die globalen Temperaturen erhöhen. Der Verkehr erzeugt dabei laut den Wissenschaftlern rund ein Viertel dieser weltweiten Emissionen und trägt zur lokalen Luftverschmutzung bei. Dieses Problem wollen Koch und seine Mitstreiter nun lösen. Die Experten der Bereiche Architektur, Medizin und Textiltechnik haben einen speziellen Stoff entwickelt, der wie eine zweite Haut an Gebäuden befestigt werden kann. Dieser soll die Stickoxidbelastung in Städten senken und urbane Hitze verringern können.

"Den Effekt gibt es zum Teil schon bei Betonplatten", erklärt Andreas Koch vom Institut für Textiltechnik. "Gebäudefassaden bieten aber viel mehr Platz und die Vertikalität macht es außerdem leichter, die schädlichen Stickoxide abzuspülen."

Regen spült umgewandelte Oxide einfach weg

Die Textilfassade reduziert Stickstoffmonoxide (NO) und -dioxide (NO2) mithilfe einer Beschichtung von Titandioxid (TiO2). Dieses Pigment, das auch in vielen Kosmetik- und Lebensmittelprodukten steckt, ermöglicht die Umwandlung in abwaschbares Nitrat (NO3-). So werden die bedenklichen Stoffe beim nächsten Regen einfach weggespült. Zudem ist die Fassade begrünt, sodass sie durch Photosynthese auch zur Produktion von Sauerstoff beiträgt.

Zwar gibt es schon ähnliche Textilien auf dem Markt, die zum Beispiel Sonnen- und Blickschutz bieten, aber: "Wir arbeiten an einer intelligenten Gebäudehaut, die warm und kalt autonom verändern kann und versteht, was der Bewohner gerade braucht", so Koch. Und dabei die Luft sauber hält. Die Experten der Uni Aachen denken dabei vor allem an alte Gebäude, Verwaltungstrakte oder andere Häuser mit viel Fläche, die an Verkehrsknotenpunkten liegen, wo besonders viele Stickoxide in die Luft gelangen.

Pilotprojekte zeigten wenig Wirkung

Eine Arbeit der Uni Stuttgart legt allerdings nahe, sich nicht ausschließlich auf die photokatalytischen Materialien zu verlassen. "Es zeigte sich, dass das Material, welches unter Laborbedingungen großartige Ergebnisse lieferte, in Feldstudien unter den meteorologischen Gegebenheiten litt", heißt es. Mangelnde UV-Strahlung und Verschmutzung der Oberfläche seien die Hauptgründe gewesen, weshalb es oft zu kaum messbaren Reduzierungen kam.

Auch ein ähnliches groß angelegtes Pilotprojekt der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)konnte lediglich NO2-Minderungen im einstelligen Prozentbereich bestätigen. An verschiedenen Bauwerken hoch frequentierter Verkehrswege, wie beispielsweise einer Lärmschutzwand an der A1 zwischen den Anschlussstellen Osnabrück-Nord und Osnabrück-Hafen, wurde eine Titandioxidschicht aufgetragen. Nach unterschiedlichen Untersuchungen und Analysen wurden jedoch bisher nur geringe Minderungen nachgewiesen. Derzeit werden die letzten Teilprojekte abgeschlossen und ausgewertet. "Erst wenn die gesamte Studie abgeschlossen ist, wird sich zeigen, ob und wie dieser Ansatz in Zukunft weiter beforscht werden kann", sagt ein Sprecher der BASt.

Hilflosigkeit der Politik

Zudem wird Kritik laut. Ein Verkehrsexperte des Naturschutzbunds (NABU) hält die neue Technik für wenig praktikabel. "Das zeugt nur wieder mal von der Hilflosigkeit der Verkehrspolitik", sagt er. "Die Idee ist in diesem großen Umfang gar nicht anwendbar, wie sie gebraucht würde." Deshalb sei die Wirksamkeit allenfalls nur begrenzt. Außerdem stellt er die Frage nach den Kosten, die seiner Meinung nach am Steuerzahler und nicht am Verursacher, der Autoindustrie, hängen bleiben würden. Seiner Meinung nach sollte die Politik ihren Fokus auf die Verbesserung des Rad- und der Reduzierung des Individualverkehrs legen.

Andreas Koch und sein Team sind sich dennoch sicher, dass ihre Technik helfen kann. Aktuell beschäftigt sich das Forscherteam noch mit letzten Tests an den bisher 50 mal 50 Zentimeter großen Prototypen. Um diese vollständig und großflächig testen zu können, braucht es Angebote zu einer größeren Herstellung. Dafür stehen sie mit Vertretern der Industrie schon in Kontakt. Auch die Stadtverwaltung Aachen ist nach Kochs Angaben schon jetzt gespannt und wartet auf den ersten großen Prototypen. Als Ort wäre dabei zum Beispiel der Busbahnhof denkbar. "Wir wollen in rund einem halben Jahr das erste Funktionstextil an der Wand haben", verspricht Koch. Langfristiges Ziel sei die Marktreife. Damit Aachen vielleicht schon bald als die erste Stadt mit grünen Gebäudefassaden Aufsehen erregt.

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