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Journalistin Mesale Tolu - "Türkischer Staat will Opposition auslöschen"

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Vor einem Jahr durfte die deutsche Journalistin Mesale Tolu die Türkei verlassen. Im heute.de-Interview spricht sie über staatliche Repressionen und ihr persönliches Schicksal.

Mesale Tolu
Mesale Tolu rät Inhaftierten zu öffentlichem Protest. Archivbild
Quelle: dpa

heute.de: Laut Auswärtigem Amt ist die Zahl der in der Türkei inhaftierten Deutschen in den vergangenen sechs Monaten von 47 auf 62 gestiegen. Weitere 38 Bundesbürger sitzen demnach wegen einer Ausreisesperre im Land fest.* Sie waren dort selbst fast acht Monate lang inhaftiert. Wie sehr beschäftigt Sie das Schicksal der noch Inhaftierten?

Mesale Tolu: Es beschäftigt mich sehr, weil ich mitempfinden kann, was diese Menschen fühlen, wenn sie unschuldig eingesperrt sind, ein Verfahren am Hals haben oder nicht ausreisen dürfen. All das habe ich miterlebt: Ich war sehr oft verzweifelt, verängstigt und wusste nicht, wie ich aus dieser Situation herauskommen kann. Dass die Zahl der Inhaftierten gestiegen ist, wundert mich aber nicht.

heute.de: Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Tolu: Die Türkei ist ein repressiver Staat geblieben, der gewalttätig gegen die Opposition vorgeht und Kritiker mundtot macht. Es gibt zwar einige Fälle von Inhaftierten, die größere Aufmerksamkeit erhalten haben und wo es zu Freilassungen kam - etwa bei Deniz Yücel, Peter Steudtner oder in meinem Fall. Im Gegensatz dazu sind danach aber viele weitere deutsche Staatsbürger inhaftiert worden. Inzwischen hat nur das öffentliche Interesse an dem Thema nachgelassen.

heute.de: Sie sind 2017 wegen angeblicher Terror-Propaganda festgenommen worden. In Ihrem im Frühjahr erschienenen Buch "Mein Sohn bleibt bei mir!" sprechen Sie von psychischer Folter in Haft. Wie prägend sind die Erlebnisse im Gefängnis bis heute für Sie?

Tolu: Die Polizeirazzia, also der nächtliche Überfall auf meinen kleinen Sohn und mich, war wohl die größte psychische Tortur. Weil sie so überraschend kam und ich mich so schutzlos empfand. Das hat tiefe innerliche Wunden hinterlassen. Im Frauengefängnis habe ich dann aber erfahren, dass viele Menschen noch viel krassere Dinge erlebt haben. Gleichzeitig habe ich dort eine starke Solidarität unter den Frauen erfahren. Ich hatte das Glück, dass mein Fall öffentlich geworden ist und deshalb will ich all denen, die dieses Glück nicht haben, auch weiter öffentlich Mut machen. Ich sehe es so, dass der türkische Staat die gesamte Opposition auslöschen will und ich finde, dass man dagegenhalten muss.

heute.de: Auch nach Ihrer Haftentlassung haben Sie sich von staatlichen Stellen in der Türkei bedroht gefühlt. Vor einem Jahr durften Sie nach Deutschland ausreisen. Wie sicher fühlen Sie sich heute?

Tolu: Ich kann das Erlebte im Alltag gut verdrängen und versuche, ohne Angst weiterzuleben. Nur wenn ich von neuen Razzien in der Türkei höre, kommt das Gefühl der Unsicherheit wieder hoch. Ich fühle mich aber generell in Deutschland sicher und verstecke mich auch nicht. Ich lasse mich auch nicht von Hassmails oder Postings einschüchtern.

heute.de: Bekommen Sie viele solcher Zuschriften?

Tolu: Wenn über mich berichtet wird, bekomme ich meist von anonymen Absendern Botschaften, die absolut unter der Gürtellinie sind.

heute.de: Welche Reaktionen erhalten Sie, wenn Sie mit Ihrem Buch auf Lesereise sind?

Tolu: Die meisten Zuhörer begrüßen mich offen und herzlich und versuchen die Zusammenhänge zu verstehen: Weshalb so viele Menschen in der Türkei so Schlimmes erleben müssen. Viele sind sehr mitfühlend, auch mitgenommen von dem Gehörten. Natürlich erlebe ich auch Kritik - meist von Menschen türkischer Abstammung, die meinen, dass jede kritische Äußerung über das System Erdogan eine terroristische Meinung sei. Aber das kommt selten vor.

heute.de: In der Türkei ist das Gerichtsverfahren gegen Sie noch nicht beendet. Wie sehen Sie dem Ausgang dessen entgegen?

Tolu: Ich kämpfe weiter für einen Freispruch, weil ich unschuldig bin. Ich werde mit einer Strafe zwischen fünf und 20 Jahren bedroht für etwas, das ich nicht getan habe. Das schwebt über mir wie ein Damoklesschwert. Solange ich mich in Deutschland aufhalte, drohen mir keine Konsequenzen und ich müsste die Haftstrafe nicht antreten. Ich weiß aber, dass der türkische Staat nicht lockerlassen wird.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

*Das Auswärtige Amt (AA) führt keine Statistik mehr darüber, wie viele Deutsche in der Türkei aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen oder mit einer Ausreisesperre belegt sind. Während der tiefen Krise in den deutsch-türkischen Beziehungen hatte das AA die politischen Fälle noch separat ausgewiesen. Zuletzt wurden 2018 noch vier gezählt.

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