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Tuberkulose - Resistent und lernfähig

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Die Zahl der Tuberkulose-Kranken weltweit sinkt zwar, aber immer öfter werden Bakterien gegen Heilmittel resistent. Prof. Torsten Bauer erklärt, woran das liegt.

Archiv: Tuberkulose-Bakterien
Tuberkulose-Bakterien (Archivbild)
Quelle: imago

heute.de: Wie ist der aktuelle Stand der Tuberkulose-Erkrankungen in Deutschland?

Torsten Bauer: In Deutschland haben wir relativ wenige Fälle an Tuberkulose. Deshalb zählt Tuberkulose hier zu den seltenen Erkrankungen. Wir haben 2016 rund 6.000 Neu-Diagnosen gehabt und für 2017 erwarten wir Zahlen, die etwas niedriger liegen.

heute.de: Der Trend der Vorjahre, dass Tuberkulose in Deutschland zugenommen hat, ist wieder rückläufig?

Bauer: Ja, die Zahlen sind definitiv wieder rückläufig.

heute.de: Wie ist es weltweit?

Bauer: Das ist ein großes Problem. Es gibt zwar einen Rückgang der Tuberkulose, aber es gibt einen Anstieg der resistenten Fälle. Letztendlich ist es nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen weltweit und es ist die häufigste Todesursache bei Infektionen.

Zur Person

heute.de: Tuberkulose wird auch als Armutskrankheit bezeichnet. Warum?

Bauer: Ich habe mal einen Vortrag gehalten mit zwei Landkarten. Auf der einen war die Ausbreitung der Tuberkulose und auf der anderen das Brutto-Sozialprodukt der Länder zu sehen. Die sind fast deckungsgleich. Das liegt daran, dass in den ärmeren Ländern auch das Gesundheitssystem nicht gut funktioniert. Die Tuberkulose gehört zu den sehr gut behandelbaren Erkrankungen. Die Sterblichkeit liegt unter der der normalen Lungenentzündung. Aber sie braucht etwas Ausdauer bezüglich der Therapie.

heute.de: Das bedeutet?

Bauer: Es müssen sechs Monate Therapie durchgehalten werden und diese sechs Monate sind eben schwierig. Bei einem Flächenland müssen die Tabletten auch zu den kranken Menschen kommen. Aktuell ist es ein finanzielles und ein logistisches Problem.

heute.de: Wo keine Hilfe hinkommt, endet die Krankheit tödlich.

Bauer: So ist es. Wir rechnen bei sensiblen Tuberkulosen einen Euro pro Tag. Eine Behandlung kostet dann 180 Euro. Das Problem ist, die Einnahme muss regelmäßig erfolgen und letztendlich ist das den Patienten schwer klar zu machen.

heute.de: Das ist schwer nachvollziehbar.

Bauer: In diesem Bereich behandeln sie Patienten, die eigentlich nicht behandelt werden wollen. Das ist ein ganz anderes Arzt-Patienten-Verhältnis. Deshalb spielt auch der öffentliche Gesundheitsdienst eine große Rolle. Die Patienten fühlen sich unter Umständen auch nicht sehr krank. Man kennt das ja von sich selbst wenn man einen schweren Infekt hat. Es wird sich zum Arzt geschleppt, man bekommt eine Packung rübergeschoben und soll diese dreimal am Tag für zehn Tage einnehmen. Schon am fünften Tag wurde eine der drei Tabletten vergessen und am siebten Tag, wenn es einem besser geht, denkt man darüber nach, ob man tatsächlich so viele Medikamente schlucken muss. Das ist einfach der Mechanismus, der immer da ist. Und so ist es eben bei den Tuberkulose-Erkrankten noch mehr. Wenn sie schwer krank sind, brauchen sie rund zwei Monate, um sich zu erholen. Wenn die Therapie gut wirkt, dann denken die natürlich auch, "warum soll ich das noch weiter schlucken" und lassen es dann weg.

heute.de: Was passiert dann?

Bauer: So hat der Erreger die Chance, dass die Tuberkulose-Bakterien, die bis dahin noch nicht abgetötet wurden, wieder anwachsen, und die haben dann häufig Resistenzen. Wir wissen, dass die abgebrochene Therapie eine der größten Risiko-Faktoren für die erworbene Resistenz der Erreger ist.

heute.de: Ist das auch einer der Gründe, warum sie sich weiter ausbreitet?

Bauer: Das ist mangelnde Therapie und mangelnde Therapie-Compliance. Das sind die Gründe auch für die Ausbreitung der resistenten Tuberkulose, die ein enormes Gesundheits-Risiko darstellt.

heute.de: Aber nicht jeder erkrankt an Tuberkulose. Warum?

Bauer: Das liegt am Bakterium und an der sehr guten Immunlage. Der Körper hat bei Tuberkulose-Bakterien ein System entwickelt. Wenn er sie nicht eliminieren kann, dann baut er kleine Mauern drum herum, sogenannte Granuloma. Viele Patienten bleiben auf diesem Niveau stehen. Sie werden nicht wirklich krank. Sie sind zwar infiziert, aber nicht krank. Die Zwei-Schritte Infektion ist zwar nicht auf Tuberkulose beschränkt, aber hier besonders ausgeprägt. Wir schätzen, dass ein Viertel der Menschheit infiziert ist.

heute.de: Rund zwei Milliarden, die den Erreger in sich tragen.

Bauer: So ist es. Aber sie haben ein riesiges Erreger-Reservoir, was für diesen Erreger einmalig ist.

heute.de: Gibt es die Chance, dass Tuberkulose irgendwann ausgerottet sein wird?

Bauer: Wenn man sich die Medizingeschichte anschaut, dann sind die Krankheiten ausgerottet worden, die impfbar waren. Polio oder Pocken sind gute Beispiele. Ein Impfstoff für Tuberkulose ist relativ schwierig, weil nicht nur der Mensch gelernt hat, auch das Bakterium. Und sie entziehen sich fast aller Impfversuche der vergangenen 100 Jahre. Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, dem Professor Kaufmann vorsteht, hat einen Impfstoff entwickelt, der nach Indien gegeben wurde. Es ist der erste Impfstoff, der jetzt in der sogenannten Phase drei an Menschen getestet wird.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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