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Suche nach Tory-Chef - Kampf und Krampf im Rennen um May-Nachfolge

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Die erste Wahlrunde im Kampf um Theresa Mays Nachfolger steht an. Einige Kandidaten werden schon die Segel streichen müssen. Die große Frage: Kann jemand Boris Johnson stoppen?

Westminster in London
Wer wird neuer Tory- und Regierungschef in London?
Quelle: colourbox.de

Ein muffiger, altbackener Raum in den verwinkelten Korridoren des Parlamentsgebäudes, traditionell Treffpunkt des 1922-Komitees. Dem Gremium der Konservativen Partei, der Tories, das für die Wahl eines neuen Vorsitzenden zuständig ist. Ein Raum, der für die nächsten sechs Wochen im Mittelpunkt des politischen Großbritanniens steht, weil dort eine Frage beantwortet wird: Wer beerbt Theresa May als Parteivorsitzende und Regierungschefin? Wer versucht sich daran, Großbritannien aus der EU zu führen, den Brexit zu liefern. Die Aufgabe, die alles überschattet hat in den drei Jahren mit May an der Spitze. Die Aufgabe, an der sie gescheitert ist - inklusive Tränen zum Abschied.

Brexit, immer wieder Brexit

Neben dem Ablauf der Wahl ist eins klar – es geht um nur ein Thema: Brexit. Wer kann am ehesten den ersehnten EU-Austritt organisieren? Egal wie, nur raus. Denn die Europa- und Kommunalwahlen im Mai haben ein bedrohliches Szenario ins Stammbuch der Partei geschrieben: Solange die Tories den Brexit nicht liefern, könnten sie in den Wahlen zerrieben werden zwischen den Parteien, die den Brexit verhindern wollen und der Brexit-Partei - der Neugründung vom britischen EU-Gegner Nummer Eins, Nigel Farage.

Über was mit wem wann verhandeln?

Doch eins erstaunt auf den ersten Blick. Keiner der erstzunehmenden Kandidaten hat bislang einen wirklichen Plan präsentiert, wie die Brexit-Blockade zu lösen sei. Weder der Favorit, Ex-Außenminister Boris Johnson, noch seine ärgsten Konkurrenten. Etwa der aktuelle Außenminister Hunt, Umweltminister Gove, Gesundheitsminister Hancock, Innenminister Javid oder Ex-Brexit-Minister Raab. Fast alle wollen nachverhandeln, und die EU am 31. Oktober verlassen, irgendwie. Wie genau sagen sie nicht. Obwohl auch in London bekannt ist, dass sich das Verhandlungsteam auf Brüsseler Seite schon aufgelöst hat. Dass auch der Rat der Staats- und Regierungschefs, der einzig unverändert bleibenden EU-Institution im Übergangsprozess nach der Europa-Wahl, neue Einigungsgespräche ablehnt. Dass die Zeit bis zum 31. Oktober für substantielle Nachverhandlung ehedem nicht reicht.

Neuer Premier, altes Parlament

Ganz zu schweigen davon, dass der Neue im Amt wieder dasselbe Parlament braucht, um Dinge zu beschließen. Ein Parlament, das sich in Sachen Brexit nur wirklich einigen konnte, wenn es hart auf hart kam: No Deal, no way! Ein Parlament, das jederzeit die Misstrauensfrage stellen kann, mit großer Aussicht auf Erfolg, sollte Mays Nachfolger zu weit in Richtung "No Deal" gehen.

Schreckgespenst Neuwahlen

Also doch Neuwahlen – daraus zieht Boris Johnson seine Favoritenrolle. Als derjenige, dem viele in der Partei, egal ob Abgeordneter oder einfaches Mitglied, zutrauen, in einer Wahl gegen Oppositionsführer Corbyn und die Brexit-Partei zu bestehen. Eine Umfrage des "Daily Telegraph" aus dieser Woche, dem wirkmächtigsten Nachrichten-Instrument für Anhänger der Konservativen, schlägt in diese Kerbe. Herausgefunden wurde da, dass die "Tories mit Boris" einen erdrutschartigen Sieg einfahren könnten. Dass dieselbe Zeitung besagtem Boris umgerechnet 350.000 Euro Honorar als Kolumnist bezahlt und ihn gerne in 10 Downing Street sehen würde, steht auf einem anderen Blatt.

Auch deshalb warnen die ärgsten Konkurrenten Jeremy Hunt und Michael Gove (letzterer hofft trotz Kokain-Beichte auf den Chef-Posten) pausenlos davor, Neuwahlen vor dem vollzogenen EU-Austritt seien der konservativen Regierung Tod, wenn nicht gleich der ganzen Partei. Zumindest was die Fraktion angeht, ist das eine erhebliche Frage – wer sichert meinen Job als Abgeordneter? Der, der auf Neuwahlen gehen könnte, oder der, der eher bis 2022, bis zur nächsten regulären Wahl, weitermachen könnte? Und auch die Parteibasis der im Selbstverständnis "natürlichen Regierungspartei Britanniens" spürt Unbehagen bei dem Gedanken.        

Wer stoppt Boris?

Also haben die Tories genug Vertrauen in Boris Johnson, den vor allem die Basis mag? Dem aber viele das Format zum Staatsmann absprechen. Zu flapsig, unüberlegt, zu wenig Substanz. Auch deshalb versucht sein Team ihn gerade so gut es geht von spontanen Interviewsituationen fernzuhalten. Einen Auftritt im Kandidaten-Duell hat er bislang abgelehnt. Keine Fehler machen, vage bleiben – die Strategie, mit der er vielleicht seine Partei für sich gewinnen kann. Auch wenn es bis dahin noch lange sechs Wochen werden.

Große Überraschungen gehören bei Neuwahlen des Tory-Parteichefs übrigens zur Tradition. Jeden Tag, sagen Insider aus dem Team Boris, droht ein Fehltritt, und alles wäre vorbei. Doch gegen das, was danach kommt, ist das ein Kinderspiel. Zweieinhalb Jahre Brexit-Prozess haben zumindest bei allen Beobachtern den Groschen fallen lassen: Die Macht des Brexit ist größer als die des Premierministers. Und der Sieger könnte sich bald in die lange Reihe der konservativen Premiers einreihen, die alle irgendwie auch oder komplett an der europäischen Frage gescheitert sind: Thatcher, Major, Cameron, May. Die vergangenen vier. Der Leitspruch von Theresa May zum Amtsantritt war: Brexit bedeutet Brexit, und wir werden daraus einen Erfolg machen. Viel Erfolg wünschen kann man bei derselben Mission ihrem Nachfolger. Mehr aber auch nicht.  

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