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39 Tote in einem Kühllaster - Purfleet, Vietnam und die moderne Sklaverei

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Purfleet ist ein kleiner Ort an der Themse-Mündung. Doch seit Ende Oktober 39 Tote in einem Kühllaster entdeckt wurden, steht Purfleet auch für den modernen Menschenhandel.

"Ein Schock? Nein, wir haben mitgefühlt, waren traurig, aber kein Schock", erklärt Janet Lily. Sie wohnt nur einen Steinwurf vom Container-Terminal des Hafens in Purfleet entfernt. "War doch nur eine Frage der Zeit", ergänzt sie. Seit zehn Jahren spielen sich im Ort die immer gleichen Szenen ab: Eine Fähre aus dem belgischen Seebrügge läuft ein, die Laster rollen runter. Einer parkt dann irgendwo hinter der nächsten Ecke - und dann hilft einer den Menschen raus aus dem Anhänger. Die, die gut organisiert sind, haben Handys und eine Kontakttelefonnummer. "Bei den Nachbarn", erzählt Janet, "hat auch schon jemand geklingelt, er kam, glaube ich, aus Somalia. Und er fragte nach Schuhen, denn er war barfuß unterwegs."

Kommen die Laster, kommen die Flüchtlinge

Auch andere im Ort, etwa ein Taxifahrer, erzählen diese Geschichten. Der moderne Menschenhandel passiert hier, hier in Purfleet. "Die Schlepper nutzen aus, dass die versiegelten Kühllaster selten geöffnet werden, weil man dann die komplette Ladung wegschmeißen müsste", erklärt der Taxifahrer. Janet nickt. Ihr Vater hat lange im Hafen gearbeitet, ergänzt sie, und die Scanner würden durch die Metallverkleidung der Kühlung nichts entdecken können. Deshalb seien es immer Kühllaster, die für den Schmuggel benutzt würden.

Die Schlepper nutzen aus, dass die versiegelten Kühllaster selten geöffnet werden, weil man dann die komplette Ladung wegschmeißen müsste.
Ein Taxifahrer aus Purfleet

Aus aller Welt kämen die Flüchtlinge, sagt Janet. Um das zu erkennen, müsse man in Purfleet nur in den Vorgarten schauen, scherzt sie. "Oft weht der Wind Pässe aus den verschiedensten Ländern in unseren Garten, oder auch nur die Fotoseiten. Wir melden das der Polizei und den Behörden. Und die sagen: 'Werft die Pässe einfach weg.'"

Purfleet, eine Endstation im modernen Menschenhandel. Vielleicht hat es auch deshalb so lange gedauert, bis die Polizei der Grafschaft Essex vor den Toren Londons herausgefunden hatte, woher die Opfer stammen. Erst nach intensiver Prüfung war klar: Alle 39 stammen aus Nordvietnam - darunter drei Minderjährige.

Eine von 39

Als die Nachrichten aus dem fernen Europa kamen, waren einige Familien in Yen Thanh schon unruhig. Während die britische Polizei noch im Nebel stocherte, erst mal fälschlicherweise von Toten aus China sprach, hatten sie hier mehr als eine Vorahnung. So wie Familie Bui Thi. "Wir wussten, wo sich Bui Thi Nhung befand, fast zu jeder Zeit", erklärt Bui Thi Ding. Seine 19-jährige Schwester hatte sich auf den Weg nach Europa gemacht, wollte in Großbritannien arbeiten, um Geld zu verdienen. Damit die Familie unterstützen, die hoch verschuldet ist.

Bui Thi Nhung schickte regelmäßig Nachrichten, Fotos. Aus Deutschland, Frankreich, von allen Stationen der Schmuggelroute, die über Russland, das Baltikum bis Mitteleuropa verläuft. Und die für Bui Thi Nhung in England enden sollte. Dann blieben die Nachrichten aus, die Mutter verstummte, redete kein Wort mehr. Und mit jeder Stunde, in der sie sich nicht meldete, wurde klar: Die Tochter war eine der 39. Ihr Kind, wohl erstickt, auf dem Weg in ein vermeintlich besseres Leben. "Ich will nur noch", erklärt der Bruder, "dass der britische Botschafter meine Schwester zurückbringt. Wir wollen sie auf unserem Friedhof bestatten."

Fluchtgrund Armut

Oft wird den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen. Ein fester Lohn, alle Freiheiten. Doch das sieht dann in der Realität anders aus.
Mimi Vu, Aktivistin aus Hanoi

In den Wochen danach kamen viele Opferfamilien in den britischen Medien zu Wort. Alle aus drei Provinzen im Norden Vietnams, die zu den ärmsten des Landes zählen. Geschichten, dass ganze Dörfer vom Geld leben, das die schicken, die gegangen sind. Oft hat die Familie Geld zusammengelegt, um die Schlepper zu bezahlen. Und fast alle erzählen davon, dass auf die meisten ein Job in einem Nagelstudio wartet. Die finden sich im Vereinigten Königreich an jeder Ecke.

"Oft wird den Leuten das Blaue vom Himmel versprochen. Ein fester Lohn, alle Freiheiten", so Mimi Vu, eine Aktivistin gegen Menschenschmuggel aus Hanoi. "Doch das sieht dann in der Realität anders aus." Unregelmäßiger Lohn, kein Kontakt zur Außenwelt, moderne Sklaverei. Völlig fremd in der Ferne. Ausgebeutet von einer Art moderner Sklavenhändler, ergänzt Mimi Vu.

Das schnelle Vergessen

Zurück in Purfleet. Einem Ort, in dem viele nun warten bis es wieder schief geht. Und in dem niemand glaubt, dass sich groß was ändert. Denn 39 Menschen, wohl erstickt, im Anhänger eines Lasters, das sei schrecklich. "Aber", so Janet Lily, "eben auch für alle außerhalb schnell wieder vergessen". Dass just in diesem Moment wieder die LKW mit lautem Getöse von der Rampe der nächsten Fähre rollen - sicherlich Zufall, aber doch irgendwie sinnbildlich.

Die nächste Passantin, die vorbei kommt, Anne Gifford, ist ebenso überzeugt, dass alles bleibt, wie es ist. "Zumindest trauern wir hier gemeinsam, ich habe erst letztens Vietnamesen getroffen, die hier Blumen niedergelegt haben. Dann haben wir gemeinsam geweint."

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