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Verein hilft trauernden Eltern - "Der Schmerz bleibt, er verändert sich nur"

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Wenn das eigene Kind stirbt, ist für die Eltern nichts mehr wie es war. Das Umfeld wiederum ist völlig überfordert und weiß nicht, wie es reagieren soll. Ein Verein hilft.

Kindergrab auf dem Friedhof in Friedrichshain, Berlin
Kindergrab auf dem Friedhof in Friedrichshain, Berlin
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Wenn beim Mainzer Verein "Trauernde Eltern & Kinder" das Telefon klingelt, sind irgendwo im Rhein-Main-Gebiet Eltern verwaist. Oft ist der Tod des geliebten Kindes erst wenige Tage her, manchmal liegt er schon Wochen zurück. Ob Unfall, Suizid, Gewaltverbrechen, oder Krankheit - das Unfassbare ist geschehen, der Schmerz unermesslich. 

Begleiten auf dem Weg zurück ins Leben

Ein nicht enden wollender Schockzustand, der das Leben von einem Moment auf den anderen völlig verändert. "Der Tod eines Kindes ist wie eine Tür, durch die man unwiderruflich geht", steht auf der Homepage des Vereins. Hier finden betroffene Familien Hilfe bei Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben und die wissen, wie es sich anfühlt. Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter haben sich zu Trauerbegleitern ausbilden lassen. Sie geben Halt, verstehen und hören zu, halten die Betroffenen und ihren Schmerz aus, und begleiten sie auf ihrem individuellen Weg zurück ins Leben. Das kann zwei oder drei Jahre dauern, aber auch sehr viel länger. So wie bei Gisbert Heppel.

"2003 haben wir unsere Tochter verloren", erzählt er in unserem Gespräch. "Von einem Tag auf den anderen. Morgens klagte sie über Unwohlsein, 24 Stunden später war sie tot."  Die Ärzte diagnostizierten das sehr seltene Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, bei dem Bakterien Gifte produzieren, was meist zu einer tödlichen Sepsis führt. Carolin hatte keine Chance. Sie wurde 18 Jahre alt.

Damals stand die Welt still

Heute kann Gisbert Heppel darüber sprechen - damals stand die Welt für ihn, seine Frau und Carolins Bruder Christof still: "Wenn man ein Kind verliert, ist man im ersten Jahr völlig traumatisiert. Das zweite Jahr ist eher noch schlimmer, weil man dann realisiert, was passiert ist und die Endgültigkeit begreift. Danach gilt es zu lernen, das Leben nicht mehr nur rückwärts zu betrachten, sondern es auch nach vorn zu leben."

Gisbert Heppel und seine Frau gingen beide zwei Wochen nach dem Tod ihrer Tochter wieder arbeiten. "Ich hatte einen interessanten Job als Personalberater und habe mich voller Verzweiflung noch mehr in die Arbeit gestürzt, wollte mich ablenken, vergessen, verdrängen. Doch das hat nicht funktioniert." Irgendwann kam der Zusammenbruch, kamen Klinikaufenthalte und die Einsicht, dass er all dem nicht mehr gewachsen ist. Mit 55 Jahren wurde er pensioniert.

"Am liebsten zuhause vergraben"

Beide hatten schon im ersten Jahr ihrer Trauer Kontakt zum Verein - was Gisbert Heppel betrifft, zunächst eher widerstrebend. Während sich seine Frau Irene in den Einzelgesprächen und Gruppen schnell öffnen konnte, wollte er - typisch Mann - gar nicht über die Tragödie reden. "In der Anfangszeit hätte ich mich am liebsten zuhause vergraben. Brötchen holen beim Bäcker war ein Kraftakt, und ich habe immer gehofft, dass mich niemand anspricht. Als unsere liebe Carolin noch lebte, waren ständig junge Leute um uns herum. Immer war etwas los, aber plötzlich blieb das Telefon stumm, keiner kam mehr vorbei - unser Zuhause glich einem Geisterhaus.

Nachbarn zogen sich zurück, Freundschaften gingen kaputt. "Wie soll ich meinem besten Freund verzeihen, wenn er nach wenigen Wochen zu mir sagt: 'Jetzt ist es mal gut'. 'Gut?' habe ich ihn gefragt – 'was sagst Du da? Es ist nie mehr gut'. Wenig später kam es zum endgültigen Bruch. Ich glaube, meine Frau und ich waren damals kurz davor, die Kurve nicht mehr zu bekommen. Da hat uns der Verein aufgefangen. Unser Sohn, hat seinen eigenen Weg gefunden mit der Trauer zurecht zu kommen. Er unterstützt den Verein bei Veranstaltungen und bindet sogar seine Freunde ein, die gerne mit anpacken."

"Schließen wird sich die Lücke nie"

Heute geht es den Heppels eigentlich gut. "Den Umständen entsprechend", fügt Gisbert Heppel hinzu. Inzwischen gibt es sogar Tage, an denen er nicht an seine Tochter denkt. Doch schließen wird sich die Lücke nie, die Carolin hinterlassen hat. Der Schmerz bleibt, er verändert sich nur. Das sagen alle Eltern. "Ich zünde manchmal eine Kerze an und denke an sie, einmal pro Woche gehe ich zum Grab", sagt der 60-Jährige. "Meine Frau tut das sehr selten. Wir haben beide gelernt zu akzeptieren und zu respektieren, dass wir unterschiedlich mit unserer Trauer umgehen."

So seltsam es klingt, in der Tragödie liegen auch heilsame Kräfte. Sie führen manchmal dazu, dass sich eine Familie enger zusammenschließt. Tiefe Gefühle werden offener gezeigt. Rollen werden überprüft. Neue Werte entstehen. Respekt und Achtsamkeit, der Blick wird auf das wirklich Wichtige im Leben gerichtet. Die Familienmitglieder können ihre eigene Stärke neu entdecken oder wiederfinden, und erfahren, dass man in der Verzweiflung nicht versinkt, sondern sie auch besiegen kann.

Der Mainzer Verein gehört zum "Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V." (VEID – www.veid.de). In ganz Deutschland gibt es mittlerweile ein Netzwerk von fast 500 Gruppen. Der Mainzer Verein ist nach Hamburg, München und Bremen die größte Regionalstelle.

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