Schon gewusst?

Mit Mein ZDF-Konto können Sie angefangene Videos weiterschauen und weitere tolle Funktionen nutzen.

Sie sind hier:

Phänomen "Overtourism" - "Quasi von Touristen überschwemmt"

Datum:

Venedig, Barcelona, Berlin: Im heute.de-Interview erklärt Wolfgang Strasdas, Professor für Nachhaltigen Tourismus, wie sich Negativeffekte des Massentourismus eindämmen lassen.

Touristen vor dem Trevi-Brunnen in Rom
Immer mehr Touristen drängeln sich an europäischen Sehenswürdigkeiten, wie am Trevi-Brunnen in Rom.
Quelle: ap

heute.de: Knackvolle "Touri-Orte" gibt es seit Jahrzehnten, doch erst jetzt beklagen sich viele Menschen vermehrt über so genannten "Overtourism". Was ist da los?

Wolfgang Strasdas: Der Wirtschaftszweig Tourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark entwickelt. Hinzu kommen heute neue, große Touristengruppen aus Asien und anderen Schwellenländern, die vor allem die europäischen Klassikerstädte wie Venedig, Paris, Barcelona, London oder Berlin besuchen, in die auch schon alle anderen Touristen hineindrängen. Overtourism konzentriert sich also in bestimmten Hotspots. Außerdem ist die Beliebtheit von Kreuzfahrten massiv gewachsen. Früher ein Luxus, locken Anbieter Touristen heute mit Niedrigpreisen und füllen Schiffe mit bis zu 6.000 Passagieren. Solche Kreuzer können nur in bestimmten Städten anlegen und sorgen dort für eine zusätzliche Touristen-Konzentration, die es so früher nicht gegeben hat.

heute.de: Ist Overtourism eher ein europäisches Phänomen?

Strasdas: Das müsste noch systematisch untersucht werden. Aber mein Eindruck ist, dass es bislang vor allem ein europäisches Phänomen ist. Andererseits habe ich im vergangenen Jahr in Alaska beobachtet, wie in einem ganz kleinen Küstenort mit nur ein paar Hundert Einwohnern an einem Tag drei große Kreuzfahrtschiffe mit mehreren Tausend Passagieren angelegt haben. Das Städtchen verwandelte sich dann in eine Art Themenpark und wurde quasi von Touristen überschwemmt.

heute.de: Overtourism wird am heutigen Montag auch auf dem Tourismusgipfel des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft in Berlin diskutiert. Was empfehlen Sie, um negative Effekte des Tourismus einzudämmen?

Strasdas: Ich sehe zum Beispiel Kreuzfahrt-Tourismus generell kritisch, weil er sehr ressourcenintensiv ist. Nun muss man es realistisch sehen und kann Kreuzfahrten nicht generell verbieten. Aber Städte wie Venedig könnten diese Form des Tourismus schon stark einschränken oder aber über saisonal unterschiedlich hohe Hafengebühren zumindest den Touristenstrom etwas steuern.

heute.de: In Städten wie Barcelona beklagen Einwohner auch die Folgen des Vermietens von Privatwohnungen über Anbieter wie Airbnb. Inwiefern tragen solche Online-Plattformen mit zu Overtourism bei?

Overtourism - wenn Reiseziele regelrecht überrannt werden.

Beitragslänge:
7 min
Datum:

Strasdas: Das ist ein paralleler Diskussionsstrang, weil im Gegensatz zum Massentourismus, der in der Regel geballt an einem Ort auftritt, die Touristen tiefer in die Städte und eigentlichen Wohnviertel eindringen. Das sorgt inzwischen in Städten wie Barcelona oder Berlin für Proteste, weil durch das Vermieten an Touristen Wohnungen aus Märkten genommen werden, in denen bereits Mangel herrscht. Hinzu kommt das Gefühl vieler Einwohner, dass ihnen ihre Stadt weggenommen wird.

heute.de: Nun ist es auch für Touristen nicht angenehm, wenn ihnen am Urlaubsziel offene Abneigung entgegenschlägt. Was können Urlauber tun, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden?

Der Klimawandel bedroht Welterbestätten wie Venedig. Archivbild.
Venedig sollte man im Sommer meiden, rät Tourismusexperte Strasdas.
Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa

Strasdas: Ich würde ihnen zum Beispiel empfehlen, nicht im Juli in Hotspots wie Venedig zu reisen, sondern einen Urlaub dort besser auf den Winter zu verlegen. Dann ist das Wetter zwar nicht so schön, aber die Stadt entfaltet einen ganz anderen Zauber. Wer unangenehme Überraschungen vermeiden will, sollte vielleicht auch über interessante Alternativen zu den überlaufenen Plätzen nachdenken. Leipzig etwa ist eine spannende Alternative zu Berlin.

heute.de: Wer aber aus den USA oder Japan kommt und noch nicht in Berlin war, wird wohl doch eher zuerst die deutsche Hauptstadt kennenlernen wollen, oder?

Strasdas: Ja klar, das muss man realistisch sehen. Wer als Deutscher noch nie in New York war, wird auch zuerst dorthin reisen und nicht nach Baltimore oder Philadelphia. Für Touristen, die sich aber schon ein bisschen auskennen in der Welt, müssen es doch nicht immer die Hauptstädte oder touristischen Hotspots sein.

heute.de: Welche Maßnahmen beobachten Sie seitens beliebter Touristenziele, Overtourism zu vermeiden?

Eiffelturm
Paris will die Touristen weg von den "Hotspots" in die Vorstädte locken.
Quelle: dpa

Strasdas: Paris hat zum Beispiel ein Konzept der "erweiterten Stadt" entwickelt. Damit will die Stadt die eigenen Randbezirke fördern, die vielleicht nicht so hübsch sind wie das Zentrum, wo es aber eine viel exotischere Multikulti-Atmosphäre gibt. Die Idee dahinter: Wenn Touristen dort Kulturangebote nutzen, Essen gehen und übernachten, kommen auch diese entlegeneren Viertel voran. Bei kleineren Städten wie Venedig sehe ich dagegen eher die Gefahren einer Dezentralisierung, nämlich dass die Einheimischen ihre letzten Refugien, wo sie noch ihre Ruhe haben, an Touristen verlieren. In Venedig wäre es wohl besser, die Touristenzahlen in bestimmten Zeiten zu begrenzen und das Angebot dann teurer zu vermarkten, limitierte Besuchsrechte vielleicht sogar zu versteigern.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Screenshot vom neuen Player Interface mit dem Weiterschauen-Button

Melden Sie sich kostenlos an und nutzen Sie Funktionen wie Weiterschauen angefangener Videos, Merklisten auf allen Geräten, persönliche Empfehlungen und Altersfreigabe zum Ansehen jugendgeschützter Videos vor 22 Uhr.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.