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Trotz Bitcoin-Kursfall - Krypto-Branche auf der Überholspur

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Der Bitcoin-Kurs rauscht in den Keller, doch Insider wissen: Langfristig ist die dahinter steckende Blockchain-Technologie mindestens so revolutionär wie künstliche Intelligenz.

Bitcoin
Bitcoin Quelle: ZDF

Eine Lichtershow mit lautstarken Beats eröffnet Ende Mai die größte Blockchain-Konferenz Europas, die BlockShow Berlin. Bunte Poster mit Raumschiffen und Star-Wars-Charakter schmücken die Wände eines sonst eher konservativen Vier-Sterne-Hotels. Das Motto lautet "Klotzen statt Kleckern", obwohl die Kurse diverser Kryptowährungen aktuell anderes vermuten lassen. Kritische Beobachter behaupten, die "Blase" sei geplatzt. Der Bitcoin-Kurs dümpelt irgendwo bei 6.000 Euro, ein Kursfall von 65 Prozent im Vergleich zum Höchstwert von 16.980 Euro im Dezember 2017. Seit einem halben Jahr hat sich der Bitcoin nicht mehr zu neuen Höhen aufschwingen können. 

Insider: Kursfall kein Grund zur Sorge

Blockshow 2018
BlockShow 2018 in Berlin Quelle: E. Kart

Trotzdem haben sich die Besucherzahlen der Krypto-Konferenzen und Blockchain-Messen im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht. Die weltgrößte Blockchain-Konferenz "Consensus" in New York empfängt dieses Jahr 8.000 Besucher, die BlockShow in Berlin 3.000. Auch auf der CEBIT ist der Trend angekommen. Auf der Technikmesse in Hannover werden zahlreiche Beispielanwendungen und Projekte mit Blockchain-Fokus präsentiert. Die Stimmung unter Insidern flacht nicht ab. Stattdessen sprießt ein Start-up nach dem anderen aus dem Boden.

In der Hamburger Speicherstadt findet Anfang Juni die Konferenz "Unchain" Hamburg statt. Ein kleines und gemütliches Treffen, bei dem der Bitcoin-Kurs so gut wie gar nicht zur Sprache kommt. Stattdessen diskutieren namhafte Kenner und Gründer der Szene die nächsten Innovationen der Blockchain. Tatsächlich scheint der drastische Kursfall des Bitcoin die Wenigsten zu stören. 

"Ich habe jetzt schon vier dieser Blasen miterlebt", sagt Erik Voorhees, Gründer der Krypto-Tauschplattform "Shapeshift" und einer der Pioniere der Szene im ZDF-Interview. "Die Kursanstiege sind toll. Es ist eine Werbung für den Bitcoin und bringt einen neuen Zustrom an Investoren. Aber dann platzt die Blase und für eine Weile fällt der Kurs." So sei das eben. Der Industrie schadeten die Schwankungen aber auf keinen Fall. Diese Meinung vertritt auch Ryan Thoma, Marketing Direktor beim Krypto-Handelsbörsenverbund "Exchange Union" in Shanghai. "Der Preis im Dezember hat ein bisschen vom Wesentlichen abgelenkt. Jetzt, da der Kurs gefallen ist, fokussieren sich alle wieder auf das Entwickeln von Produkten." 

Krypto-Hauptstadt Berlin

Events wie die BlockShow in Berlin zeigen, dass sich Blockchain und Kryptowährungen auch in Deutschland etablieren. Lothar Skorupka, Financial Manager von Lisk, geht sogar noch weiter: "Man kann sagen, Berlin ist das Zentrum Europas für Blockchain." Die Szene habe sich seit 2012 stetig aufgebaut, mittlerweile gebe es unzählige Start-Ups in der Hauptstadt. Dem stimmt auch Christopher Obereder zu. Er ist Marketing-Entrepreneur und einer der "Forbes 30 under 30 Europe". Der Deutsche hat früher im Silicon Valley gearbeitet, jetzt verschlägt es ihn wegen des Krypto-Trends zurück in die Heimat. In den USA läuft die Branche schleppend, denn die staatlichen Regelungen erschweren dort das Gründen von Krypto-Start-Ups. "Wenn du in der Blockchain-Branche tätig sein willst, dann ist Amerika der letzte Ort, wo du sein willst." Das sei gut für Europa. "Wir sind jetzt am Nabel der Zeit", meint der 26-Jährige.

Skorupka arbeitet währenddessen mit seinem Team daran, noch mehr Unternehmen und Gründer für die Blockchain zu begeistern. Sie bauen eine Plattform auf, worauf Entwickler Applikationen für die Blockchain entwerfen können. "Damit wird der Einstieg für neue Start-Ups deutlich leichter". Die Idee kommt gut an: Der Coin von Lisk gehört zu den 25 größten Kryptowährungen gemessen an der Marktkapitalisierung.

Keine Regulierung durch die EU

In Europa gibt es aktuell noch keine Regulierungen für Krypto-Firmen. Die EU hat allerdings ein Beobachtungsteam eingerichtet, welches durchaus in Zukunft neue Gesetze befördern könnte. Global gesehen nehmen die Regulierungen für Krypto-Projekte weiter zu. Für die Szene ist das gleichzeitig gut und schlecht. Die EU beispielsweise hat es sich zum Ziel gesetzt, weltweit Vorreiter in diesem Feld zu sein. "Blockchain ist eine moderne Technologie und wir streben an, die EU zum globalen Anführer in der Ära der vierten Industriellen Revolution zu machen", erklärt Eva Kaili, Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie. Im Umkehrschluss bedeutet das: mehr institutionelle Fördermittel für Blockchain-Projekte. Durch die Aufmerksamkeit der EU steigt auch das Image der Branche. Sollte es Regelungen geben, würde dies der Krypto-Szene Legitimation bringen und die Befürchtungen vor krimineller Nutzung dämmen. 

Einige Vertreter der Branche sehen bevorstehenden Regelungen dennoch mit Skepsis entgegen. Je mehr es davon gibt, desto stärker werde die Innovation verlangsamt. "Die meisten Regulierungen sind nicht hilfreich, notwendig oder fundiert", meint Erik Voorhees. Sein Unternehmen verwende Millionen von Dollar dafür, alle Regeln einzuhalten, anstatt Produkte zu kreieren oder Leute einzustellen. "Ich würde es stark befürworten, wenn es keine Regulierungen für Bitcoin gäbe."

Blockchain muss nutzbar werden

Ein Problem, mit dem die Branche kämpft, ist die Adaption der Blockchain ins Alltagsleben. Die meisten Präsentationen und Talks auf den Konferenzen drehen sich um die Frage, wie der Zugang für Nutzer leichter gestaltet werden kann. Große IT- und Automobil-Konzerne haben schon lange in die Blockchain-Entwicklung investiert. Auf der Suche nach der Antwort entstehen reihenweise Projekte, die direkte Anwendungen für Endkunden bieten, abgesehen vom Geldtransfer.

Crypviser hat einen Messenger erstellt, der die Blockchain zum Verschlüsseln nutzt. Anonym, ohne Handynummer nutzbar, mit Krypto-Geldbörse und Spyware-Erkennung. Die Blockchain macht das Nachrichtenschreiben deutlich sicherer: Bei einem herkömmlichen Messenger werden die Verschlüsselungsdaten der einzelnen Nachrichten auf einem zentralen Server gespeichert. Der kann gehackt werden. Doch die Blockchain ist dezentral und kryptografisch abgesichert - Angriffsszenarien werden drastisch erschwert.

Lothar Skorupka sieht weitere Anwendungsfelder bei Beglaubigungen von Dokumenten und im Bereich der Gesundheitsversorgung. Auf der Blockchain sind die Dokumente von überall zugreifbar, anonym und nicht fälschbar. Die Technologie wird auch in der Gaming-Industrie immer wichtiger, weil Käufe oder Spielstände auf der Blockchain gespeichert werden können. Sie können dann nicht mehr verloren gehen. Auch die EU sieht zahlreiche Branchen, in denen die Blockchain einsetzbar sein kann. Dazu gehören Energienetze, der Finanzsektor, Verkehr, der Bildungssektor, die Kreativwirtschaft und der öffentliche Sektor.

Voorhees: In fünf bis zehn Jahren wird Bitcoin im Alltag genutzt

Wann wird es also soweit sein, dass wir Krypto-Technologien so selbstverständlich nutzen wie Emails? Es wird davon abhängig sein, wie stark sich die Gesellschaft dafür ändern muss. In Deutschland wird in Geschäften und Restaurants noch häufig zum guten alten Schein gegriffen, anstatt die Kreditkarte zu zücken oder gar per App zu bezahlen. Voorhees schätzt, dass der Bitcoin noch fünf oder zehn Jahre braucht, bis er im alltäglichen Handel genutzt wird.

In Ländern wie China, Japan oder Südkorea ist der Sprung vom gewohnten Bezahlsystem zur Kryptowährung jedoch klein. "Mit dem Smartphone zu bezahlen ist in diesen Ländern ganz normal. Die Leute hier sind bereit für Krypto-Geld", meint Ryan Thoma. Auch in Ländern wie Venezuela, in denen der Zugang zu Banken beschränkt ist oder deren Währung instabil ist, stellen Bitcoin und Co. bereits jetzt eine attraktive Alternative dar.

Der Autorin auf Twitter folgen: @elisaempire.

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