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Treffen mit Abe - Besuch bei besorgten Freunden

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US-Präsident Trump trifft zum Beginn seiner Asienreise den japanischen Ministerpräsidenten Abe. Die USA sind Japans Schutzmacht - ihre Verlässlichkeit steht auf dem Prüfstand.

Zum Auftakt seiner Asien-Reise besucht US-Präsident Donald Trump Japan. Ein zentrales Thema seiner Reise ist der Konflikt mit Nordkorea.

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Vor kurzem trat in Japans Fernsehen ein Experte für Körpersprache auf, der sich mit Donald Trump beschäftigt hatte – genauer mit dessen Gesichtsausdruck. Wie das bei Japanern meistens der Fall ist, hat er das mit großer Hingabe gemacht und sogar einen eigenen Algorithmus entwickelt, um Trumps Stimmungen zu erkennen und ihnen eigene Farben zuzuordnen. Das Ergebnis war nicht besonders überraschend: Trump kann wütend sein, rot, er kann entspannt sein, grün, und er kann sogar traurig sein, blau.

Natürlich sind die Japaner nicht die Einzigen, die sich fragen, ob Trump wirklich meint, was er sagt. Ob hinter allem irgendeine große Strategie steckt, die bislang nur niemand erkennen konnte. Oder ob er nur einfach von sich gibt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Für Japan aber hat das Trump-Verstehen noch einmal eine existenziellere Bedeutung als anderswo. Die ganze Region ist wegen Nordkorea derzeit der gefährlichste Krisenherd der Welt.

Vertrauen in US-Außenpolitik sinkt

Die USA sind Japans Schutzmacht und haben dort rund 54.000 Soldaten stationiert, das größte Truppenkontingent außerhalb der USA. Aber anders als bei Deutschland ist dieses Bündnis nicht eingebettet in die Struktur einer Verteidigungsorganisation. Es gibt keine asiatische Entsprechung für die NATO, was das Verhältnis wesentlich anfälliger macht für die Launen und Kapricen des Obersten Befehlshabers der USA. Und deshalb ist die Frage, wie verlässlich die USA unter Trump ihre Schutzaufgaben für Japan weiter wahrnehmen, eine noch viel drängendere als in Europa. Das Vertrauen in die amerikanische Außenpolitik ist in Japan nach einer PEW-Umfrage von 79 Prozent unter Obama abgestürzt auf 24 Prozent unter Trump.

Im Wahlkampf hat Trump den Eindruck vermittelt, dass Japan oder Südkorea sich selbst mehr um ihre Sicherheit kümmern sollten. Die Japaner seien besser dran, wenn sie ihr eigenes Atomwaffenarsenal hätten, erklärte Trump damals. Davon ist jetzt keine Rede mehr, die USA wollen keine weitere Atommacht in Asien.

Aber Trumps Wahlkampfauftritte haben in Japan all jene Zweifler bestärkt, die davor warnen, sich angesichts von Nordkoreas Drohungen allein auf den Schutz der USA zu verlassen. "Es gibt in der ganzen Region Zweifel wegen dieses unberechenbaren Präsidenten", sagt Jeff Kingston, Direktor für Asien Studien an Tokios Temple Universität. "Abe ist zum Beispiel besorgt, dass China und die USA einen Deal machen könnten, und Japan außen vor bleibt."

Abe will Rolle des Militärs erweitern

Japans Premierminister Shinzo Abe hat kurz vor dem Trump-Besuch eine Blitzwahl angesetzt und klar gewonnen. Er verfügt in beiden Häusern des Parlaments über eine ausreichende Mehrheit für eine Verfassungsänderung, die dem Militär eine größere Rolle zuschreibt. Ein Projekt, das Abe seit langem verfolgt. Japans Verfassung stammt aus dem Jahr 1947 und entstand unter dem Eindruck japanischer Eroberungen und Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs.

In Artikel 9 der Verfassung heißt es, dass das japanische Volk für immer das souveräne Recht einer Nation aufgebe, Krieg zu führen. Ebenso verzichte es auf die Androhung von Gewalt, um internationale Konflikte zu lösen. Japan versprach damals auch, dass es keine Armee haben werde. Daran hielt sich Japan schon bald nicht mehr, es nennt sein Militär nur nicht so, sondern Selbstverteidigungskräfte. Abe möchte dem Militär in der Verfassung nun eine neue Legitimität geben und seine Rolle erweitern. Sein wichtigstes Argument dafür ist die Bedrohung Japans durch Kim Jong-un. Trotz Abes Wahlsieg ist allerdings eine Mehrheit der Japaner gegen eine Verfassungsänderung wie eine Umfrage der Zeitung Yomiuri kürzlich zeigte.

Abe sieht dennoch für sich ein Mandat, die Verfassung umzuschreiben und damit Japans Außenpolitik eine neue Richtung zu geben. In einem Namensartikel in der New York Times betonte er vor kurzem, dass Nordkorea zwei Mal in den letzten Wochen Raketen über Japan geschossen habe. Japan sei in Reichweite von Nordkoreas Kurz- und Mittelstreckenraketen. Es sei bedroht von dessen Atombomben und Chemiewaffen. Die Folgerungen, die Abe selbst daraus zieht, sind ganz auf der Linie von Trump. Wie der US-Präsident ist Abe der Meinung, dass Verhandlungen und Konzessionen gegenüber Nordkorea nicht zum Erfolg führen, sondern nur harte Sanktionen und Druck.

Abe und Trump golfen zum Auftakt

Abe hat sich von Beginn an ganz auf die Seite von Trump gestellt, telefoniert regelmäßig mit ihm und geht nun mit ihm nach der Ankunft in Japan erst einmal golfen. Er ist Trumps dickster Buddy in Asien, aber im Grunde auch der einzige. Das Verhältnis der beiden erinnert ein wenig an das zwischen George W. Bush und Tony Blair vor dem Irak-Krieg, als Blair eine Art Freifahrtschein ausstellte für alles, was Washington im Irak vorhaben sollte. So ähnlich macht das nun Abe mit Nordkorea. Er stehe, schrieb er in der New York Times, ganz hinter der Position Trumps, dass gegenüber Pjöngjang alle Optionen auf dem Tisch lägen.

So sehr man bis heute rätselt, was Blair damals zu dieser Nibelungentreue trieb, die seinem Land teuer zu stehen kam und seiner Reputation enorm schadete, so offensichtlich scheint es bei Abe. Es ist die Furcht, dass die USA Japan fallen lassen könnten, dass das Land ohne ausreichendes Bedrohungspotential gegenüber Nordkorea dastehen könnte.

Gleichzeitig aber passiert in Japan noch etwas Anderes: Langsam gewinnt eine Debatte an Fahrt, die eine atomare Bewaffnung des Landes anstrebt und damit Trumps Wahlkampf-Ratschlag ernst nimmt. Die Konsequenzen wären dramatisch: Es gäbe ein atomares Wettrüsten in Asien und die Region würde noch gefährlicher, als sie bislang schon ist. Eine atomare Aufrüstung haben frühere Präsidenten der USA durch umfassende Sicherheitsgarantien verhindern können. In Japan und in ganz Asien werden sie deshalb sehr genau hinschauen, welche Botschaften und im Zweifel auch welche Gesichtsausdrücke Trump bei seinem Besuch aussendet.

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