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Trump-Proteste in London - Der Spalter im gespaltenen Land

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Geschichtlich, sprachlich, gedanklich - niemand ist mit den USA so eng wie die Briten. Doch nun kommt Trump, der Theresa May in diesen Tagen alles andere als verbunden scheint.

London vor dem Trump-Besuch
London vor dem Trump-Besuch
Quelle: dpa

29 Meter über dem Parlament schwebend, im Herzen der Hauptstadt - niemand wird Donald Trump Junior übersehen können, wenn er Freitagmorgen aufsteigt. Den sechs Meter hohen, aufblasbaren Baby-Trump - in Windeln. "Wir wollen einfach auf eine kreative Art und Weise zeigen, dass wir Donald Trump nicht willkommen heißen in unserem Land", erklärt Daniel Jones, einer der Organisatoren. So wie viele Londoner bei den zahlreichen Protesten, die beim zweitägigen Arbeitsbesuch des US-Präsidenten stattfinden werden.

Dabei wird sich Trump in London selbst gar nicht zeigen - seine Reiseroute sieht ein Treffen mit Wirtschaftsvertretern nahe Oxford, Gespräche mit Premierministerin May auf ihrem Landsitz, Tee mit der Queen außerhalb, auf Schloss Windsor, vor. Weise gewählt, wenn man den Protest ins Leere laufen lassen wollte. "Die Fernsehbilder von seinem Mini-Me wird Trump aber sicherlich sehen", so Jones.

Baby-Trump ist startklar

Bei letzten Tests wird klar - Baby-Trump kann abheben, die Hülle hält, alles dicht. Dazu trudelten die letzten notwendigen Genehmigungen rechtzeitig ein. Dass die Stadt London es genehmigen würde, hat niemanden überrascht. Seit Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, von Massen von islamistischen Extremisten und "No-go-areas" in London getwittert hat, liefert er sich mit dem ersten muslimischen Bürgermeister Londons, Sadiq Khan, eine Art Privatfehde.

Doch spätestens seit drei rechtsgerichtete Videos weiteverbreitet wurden, reicht es dann auch vielen, die bis dato für Verständnis mit Trump geworben hatten. Die Filme der rechtsgerichteten "Britain first"-Bewegung, die Muslime diffamieren sollen.

Das May-Dilemma

Allen voran die britische Premierministerin Theresa May: Als erste ausländische Staatschefin war sie nach Trumps Wahl ins Weiße Haus eingeladen worden. Händchen haltend, umgarnt von Trump, den sie braucht - die "special relationship" soll vor allem in den Zeiten nach dem Brexit helfen. Ein neuer Handelsvertrag, den Trump auch versprach, soll Sorgen vor dem wirtschaftlichen Folgen des EU-Austritts abmildern.

Doch nach den Videos riss ihr Geduldsfaden, sie kritisierte Trump öffentlich. Kassierte dafür den nächsten Tweet. May solle sich nicht auf ihn, sondern auf den "zerstörerischen radikal-islamischen Terrorismus" in ihrem Land konzentrieren.

Eiszeit zwischen May und Trump

Seitdem herrscht Eiszeit zwischen May und Trump. Eigentlich war im Frühjahr ein großer Staatsbesuch geplant gewesen, das hatte May ihm im Weißen Haus versprochen. Mit Fahrt in der goldenen Kutsche der Queen. Davon war keine Rede mehr, der Arbeitsbesuch jetzt auch eine Gesichtswahrung. Kurz vor Reiseantritt bezeichnet Trump den gerade frisch zurückgetretenen, größten innerparteilichen Widersacher Mays, Ex-Außenminister Boris Johnson, als Freund. Den er vielleicht treffen wird.

Es wäre der maximale Affront in einer Zeit, in der Mays Schicksal am seidenen Faden hängt, auch wegen Boris Johnson. Die "Freundschaft" zwischen Johnson und Trump beruht vor allem auf einem: beide sind Befürworter des harten Brexit, der Trennung ohne Kompromisse von der EU. 

Mittendrin im Brexit-Kulturkampf

Schon in seinem Wahlkampf hat Trump den Brexit als Vorbote für das, was in den USA kommen werde, verkauft: Als den Sieg über das Establishment. Nach seiner Wahl hat er, via Twitter, zum Unmut der Premierministerin, gefordert: Nigel Farage, einer der Väter der Anti-EU-Bewegung, solle britischer Botschafter in den USA werden. Damit verprellt er die regierenden Konservativen, aber eben nur Teile.

Für viele Brexit-Befürworter im Land bleibt Trump ihr Mann, wenn auch mit Bauchschmerzen. "Viele Menschen in Amerika, aber auch in Großbritannien, lieben ihn gerade deshalb, weil demonstrierende Musikfestival-Besucher ihn verabscheuen", erklärt Freddie Gray in seiner Kolumne im konservativen Wochenmagazin "Spectator". "Selbst wenn wir ihn nicht mögen, sehen wir doch die Notwendigkeit, den Oberbefehlshaber unseres wichtigsten Verbündeten nicht zu beleidigen. Die meisten Briten verstehen: Wenn wir uns von der EU lösen wollen, brauchen wir Trump an unserer Seite, ob es uns gefällt oder nicht."

Dafür oder dagegen?

So dürfte es auch niemand wundern: Rund die Hälfte der Briten findet es laut einer Umfrage der linksliberalen Tageszeitung "Independent" gut, dass Trump zu Besuch kommt. Und lehnen die Proteste ab. Die andere Hälfte sieht es genau anders herum. Dass die Demonstrationen dennoch groß werden, daran hegt eigentlich niemand Zweifel, so Daniel Jones. Das Geld für den Baby-Trump-Ballon stammt aus Spenden, umgerechnet mehr als 25.000 Euro. Viel mehr als sie brauchen. "Wir werden das übrige Geld weitergeben, an Protestgruppen in andere Länder, die Trump besucht. Dann können die da ihre Aktionen finanzieren. Trump trifft ja auf große Ablehnung, wohin er in Europa reist."

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