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Schutz vor Tsunamis - Warnsysteme stoßen an menschliche Grenzen

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Nach dem Tsunami werden die Rufe nach zuverlässigen Warnsystemen lauter. Allerdings bezweifeln Experten, dass dies allein genügt. Denn viele Menschen nehmen Warnungen nicht ernst.

Eine Boje des deutsch-indonesischen Tsunami-Frühwarnsystems
Eine Boje des deutsch-indonesischen Tsunami-Frühwarnsystems Quelle: ap

Ein Tsunami-Frühwarnsystem hätte Menschen in Indonesien das Leben retten können - aber das Projekt steckt seit Jahren in der Testphase fest. Das High-Tech-Netzwerk auf Basis von Sensoren am Meeresboden, Schallwellen und Glasfaserkabeln sollte an die Stelle jenes Systems treten, das nach dem verheerenden Tsunami von 2004 mit rund 230.000 Toten installiert worden war. Doch Kompetenzgerangel und Verzögerungen bei Zahlungen führten dazu, dass das Projekt nicht über einen Prototypen hinausgekommen ist.

Am Freitag löste ein Beben der Stärke 7,5 einen Tsunami mit bis zu sechs Meter hohen Wellen aus, die über die Insel Sulawesi hereinbrachen und mehr als 830 Menschen das Leben kosteten. Auf tragische Weise wurden dabei sowohl die Schwächen des bestehenden Warnsystems wie auch das geringe Gefahrenbewusstsein der Menschen deutlich. "Für mich ist das eine Tragödie für die Wissenschaft, aber noch viel mehr für das indonesische Volk und die Bewohner von Sulawesi", sagt Louise Comfort, Expertin für Katastrophenmanagement an der University of Pittsburgh, die mit anderen US-Institutionen an der Entwicklung des neuen Frühwarnsystems beteiligt war. "Es bricht mir das Herz, das zu sehen, obwohl es da ein gut entworfenes Sensorennetzwerk gibt, das wichtige Informationen liefern könnte", sagt sie.

Indonesien besonders anfällig für Erdbeben und Tsunamis

Indonesien gehört zu den Regionen mit den meisten Erdbeben auf der Welt. Beim Tsunami von 2004 kam mehr als die Hälfte der Opfer in der indonesischen Provinz Aceh ums Leben. Nach der verheerenden Katastrophe wurde ein unter anderem von Deutschland finanziertes Frühwarnsystem entwickelt. Es bestand aus einem Netz von 22 Bojen, die mit Sensoren auf dem Meeresboden verbunden waren. So sollten frühzeitig Tsunami-Warnungen ausgelöst werden.

Bei einem Erdbeben vor Sumatra im Jahr 2016 zeigte sich jedoch, dass keine der Bojen - jede hat einen Wert von mehreren Hunderttausend Euro - funktionstüchtig war. Vandalismus, Diebstahl oder mangelnde Wartung wegen fehlenden Geldes waren die Gründe. Das Herz des indonesischen Tsunami-Frühwarnsystems ist heute ein Netz aus 134 Pegelmessstationen, unterstützt von Seismografen an Land, Sirenen an 55 Orten und einem System, das die Menschen per SMS warnt.

Kritik wegen früher Aufhebung der Warnung

Als die Erde am Freitag gegen 18 Uhr bebte, löste das Amt für Meteorologie und Geophysik einen Tsunami-Alarm aus und warnte vor Wellen zwischen 0,5 und 3 Metern Höhe. Die Warnung wurde um 18:36 Uhr aufgehoben. Das löste harsche Kritik aus. Die Behörde verwies jedoch darauf, dass der Tsunami zu diesem Zeitpunkt bereits die Küste getroffen hatte. Wann genau die Wellen wo auf Land trafen, ist unklar.

"Die Pegelmessstationen arbeiten, aber sie können nur begrenzt im Voraus warnen", sagt Expertin Comfort und fügt an: "Keine der 22 Bojen funktioniert." Die Behörde habe die Warnung zu früh aufgehoben, weil noch nicht alle Daten vorgelegen hätten. Mit dem neuen Tsunami-Warnsystem wäre das möglich gewesen.

Tsunami-Modelle noch nicht ausgereift

Adam Switzer, Tsunami-Experte am Earth Observatory in Singapur, findet den Vorwurf an die Behörde unfair. "Es zeigt sich, dass die Tsunami-Modelle, die wir gerade haben, zu einfach sind", sagt er. "Mehrfache Ereignisse, mehrfache Beben in einer kurzen Zeitperiode werden nicht berücksichtigt." Auch Erdrutsche am Meeresboden würden nicht erfasst. Doch ganz gleich, welches System verwendet werde - Priorität nach einem Erdbeben an der Küste müsse immer haben, sich in höher gelegene Bereiche zu begeben und dort mehrere Stunden auszuharren, sagt Switzer.

Vor der indonesischen Stadt Padang liegt der Prototyp des neuen Frühwarnsystems im Meer. Dieser kann Warnungen innerhalb von ein bis drei Minuten auslösen. Das Bojen-System braucht - wenn es denn funktionieren würde - 5 bis 45 Minuten. Am Ende fehlten nur wenige Kilometer Glasfaserkabel im Wert von weniger als 70.000 Euro, um den Prototypen vor Padang mit einer Station auf einer abgelegenen Insel zu verbinden. Von dort wären die Daten weiter über Satellit an die Geophysikbehörde übermittelt worden, die dann eine Tsunami-Warnung hätte auslösen können.

Menschen nehmen Warnungen nicht ernst

Doch nicht jeder ist davon überzeugt, dass ein Frühwarnsystem der Schlüssel zur Lösung der Probleme wäre. "Die indonesischen Kollegen haben berichtet, dass die Menschen irritiert waren, was sie mit dem Alarm anfangen sollten", sagt Gavin Sullivan von der Universität Coventry in Großbritannien, die an einem Projekt zur Katastrophen-Vorbereitung in der indonesischen Stadt Bandung beteiligt ist.

Die Tatsache, dass die Menschen noch immer an der Küste herumgeschlendert seien, als die Wellen bereits in Sichtweite gewesen seien, zeige, dass man aus früheren Katastrophen keine Lehren gezogen habe. "Das verdeutlicht das Versagen, angemessenes Training zu vermitteln und Vertrauen zu entwickeln, damit die Menschen genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Alarm ausgelöst wird", sagt er. "In unserem Projekt in Bandung stoßen wir auf einen ähnlichen Unwillen, sich auf etwas vorzubereiten, was unwahrscheinlich erscheint."

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