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Verfall der Lira - Türkei droht eine Wirtschaftskrise

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Zuletzt ist der Fall der türkischen Lira gestoppt worden. Doch ob damit die Krise behoben ist, ist nicht ausgemacht. Das hängt vom Ausgang der Präsidentenwahl am 24. Juni ab.

Währungsverfall in der Türkei
Türkische Lira Quelle: reuters

Es dürfte vor allem das Einschreiten der türkischen Notenbank gewesen sein, die zu Beginn der vergangenen Woche ihre Geldpolitik wieder für die Finanzmärkte transparenter gestaltet hatte. Das ließ die Anleger erst einmal aufatmen - die wandten sich zunächst anderen Sorgen zu, denen um Italien nämlich.

Erdogan wittert Komplott

Doch die wesentlichen Probleme in der Türkei sind damit nicht gelöst, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz: "Das Land hat riesige Leistungsbilanzdefizite gegenüber dem Ausland, die nur über den Zustrom von Kapital finanziert werden können." Der sei ausgeblieben - und so etwas führe zu einem Zusammenbruch einer Währung, analysiert der Ökonom. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht jedoch andere Gründe und hatte vor einigen Tagen an seine Landsleute appelliert, sie sollten die Dollar und Euro unter ihren Kopfkissen in Lira umtauschen: "Wir werden zusammen diesen Komplott vereiteln", sagte er.

Ob die türkische Bevölkerung ihm da tatsächlich folgt, daran hat Heise jedoch seine Zweifel: "Ich glaube, dass da, wo das Geld beginnt, die Liebe zur Politik aufhört. Wer jetzt seine Dollar in Lira umtauscht, der macht kein gutes Geschäft und riskiert weitere Verluste seines Vermögens." Inwieweit einzelne Bürger das trotzdem getan haben, könne man jedoch noch nicht feststellen. Dazu müsste man in einigen Tagen erst die Bankstatistiken abwarten, ist zu hören. Ein solcher Appell an das Nationalgefühl sei jedoch nicht selten in solchen Krisen, hat Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank, beobachtet. Da werde die Schuld gern ausländischen Spekulanten oder Rating-Agenturen gegeben.

Investoren warten Wahl ab

Die eigentliche Schuld an der aktuellen Krise habe jedoch die bis vor kurzem "unkonventionelle" Geldpolitik. Denn Erdogan ist trotz der hohen Inflation in der Türkei gegen höhere Zinsen, mit denen die anderen Notenbanken üblicherweise dagegen angehen. Er plädierte stattdessen für Zinssenkungen - bis vor kurzem. Sein Einfluss auf die Geldpolitik könnte, so fürchten die Finanzmärkte, nach der Präsidentenwahl am 24. Juni wieder steigen, falls er diese gewinnen sollte. Denn eigentlich hatte er angekündigt, künftig die Geldpolitik mitbestimmen zu können. Allerdings war er vor wenigen Tagen angesichts der Währungsschwäche davon wieder abgerückt. Doch die Investoren weltweit warten erst einmal ab, ob er tatsächlich dabei bleibt.

"In keinem Land der Welt will irgendjemand investieren, wenn die Regierung ständig die Politik ändert und Unternehmen versucht zu zwingen, bestimmte Entscheidungen zu treffen, oder droht, bei der Zentralbank selber einzugreifen", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das koste Vertrauen. So würden die Investoren und auch die Bürger ihre Gelder lieber ins Ausland bringen. "Das führt nicht nur zu einem Zusammenbruch der Währung, sondern zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft", sagt der DIW-Präsident.

Bei weiterer Einmischung Wirtschaftskrise?

Denn je schwächer eine Währung, desto schwieriger wird es für die Wirtschaft: Importe werden teurer, Exporte aber werden billiger und bringen den türkischen Unternehmen weniger Einnahmen. Die aber sind mit netto 220 Milliarden Dollar verschuldet. Zahlen sie diese zurück, wird der Kapitaldienst für sie immer teurer, wenn sie ihre Einnahmen in Lira verbuchen. Der Staat hält nur geringe Devisenreserven. Insgesamt liegen die türkischen Auslandsschulden mit 450 Milliarden Dollar bei der Hälfte des türkischen Bruttoinlandsprodukts.

"Es wird letztendlich entscheidend sein, ob die türkische Regierung und die türkische Zentralbank den Markt davon überzeugen können, dass sie weiterhin ein attraktiver Platz für ausländisches Kapital sind", glaubt auch Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Eine Marktwirtschaft gedeihe langfristig nur, wenn es einen fairen Markt und fairen Wettbewerb gebe, meint auch Ökonom Fratzscher. Sollte der Türkei der Umschwung nicht gelingen, sollte die Regierung also auch nach der Wahl weiter versuchen, sich einzumischen, dann drohe eine tiefe Wirtschaftskrise.

"Die türkische Wirtschaft aber ist sehr groß mit fast 100 Millionen Menschen", sagt Fratzscher. Wenn die in eine Krise komme, werde man das auch in Europa spüren. In Deutschland würden dann wahrscheinlich Investitionen deutscher Unternehmen in der Türkei an Wert verlieren. Und nicht nur das: "Es ist auch politisch für Deutschland ein Risiko: Bleibt das Abkommen über Geflüchtete aus Syrien in die Türkei bestehen?" Wenn das nicht der Fall wäre, dann müssten die Europäer wieder mehr Geflüchtete aufnehmen - mit entsprechenden politischen und geopolitischen Dimensionen.

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