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Radiosender in Nordsyrien - "Jetzt sind wir gezwungen, über den Krieg zu berichten"

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Noch vor zwei Wochen berichtete der Radiosender Arta FM aus Syrien hauptsächlich über den Wiederaufbau. Nun machen sie täglich Kriegsberichterstattung.

Der Gründer des Radiosender Arta FM, Siruan H. Hossein, im Gespräch mit Christian Sievers.
Noch vor zwei Wochen traf Christian Sievers den Gründer des Radiosender Arta FM, Siruan H. Hossein, in Syrien. Sie berichten hier nun täglich über die Opfer der Militäroperation.
Quelle: ZDF
Syrien Radiostation Arta FM
Die Moderatorin von Arta FM ist ein Vorbild für viele junge Frauen.
Quelle: ZDF

"Die Stimme der Hoffnung" nennen sie sich eigentlich. Seit sechs Jahren berichtet der unabhängige Radiosender Arta FM über den Alltag in Nordsyrien. Sie senden auf kurdisch, arabisch, aramäisch und armenisch, sind ein multiethnisches, multireligöses Team.

Der Gründer ist Siruan H. Hossein, ein Kurde mit deutschem Pass. Er pendelt zwischen dem syrischen Amude und Deutschland. Auch nach der Militäroffensive hält er den Radiobetrieb am Laufen. Wir haben mit ihm über die Lage vor Ort gesprochen.

Syrien Radiostation Arta FM
Waffen verboten! - am Eingang der Radiostation hängt dieses Hinweisschild.
Quelle: ZDF

heute.de: Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Siruan H. Hossein: Den Menschen in der Region geht es nicht gut, circa 300.000 Menschen sind aus ihren Wohnungen und Städten geflohen, davon sind laut Informationen aus der Region alleine 70.000 Kinder. Die Menschen sind beunruhigt, sie sind besorgt und haben Angst, dass der Krieg noch mehr Menschenleben fordert und immer mehr fliehen müssen.

heute.de: Senden Sie ganz normal weiter - oder stehen nun andere Themen im Fokus?

Hossein: Früher haben wir über den Aufbau berichtet, über den Fortschritt in der Region und wie sich die Menschen selbst helfen können. Wir haben über Bildung und die Zivilgesellschaft berichtet, aber jetzt sind wir gezwungen, über den Krieg zu berichten. Meine Mitarbeiter im Studio sind als Bewohner dieser Region selbst betroffen, aber sie sind eben auch Journalisten und versuchen professionell zu bleiben. Das ist eine schwierige Herausforderung, die sie aktuell täglich meistern müssen.

Das Team hat entschieden weiterzumachen, obwohl die Gefahr besteht, dass unsere Büros attackiert werden, wir senden quasi 24 Stunden lang über unsere Facebookseite. Hauptthema ist nun die Kriegsberichterstattung, das heißt: Wo ist der Krieg, wer sind die Opfer, die Anzahl der Verletzen. Wir kümmern uns aber vor allem um die Menschen, die geflohen sind aus ihren Häusern, wie es ihnen geht und um ihre Bedürfnisse.

Wir berichten auch über die Arbeit lokaler NGOs, weil sie die einzigen sind, die jetzt noch vor Ort helfen, weil die internationalen NGOs die Region vor zwei Tagen verlassen und sich in Sicherheit gebracht haben. Wir kümmern uns darum, dass die Menschen informiert werden auch über internationale Reaktionen. Vor allem auch über Reaktionen der USA, aus Deutschland, der EU. Die Menschen wollen wissen, was passiert und wir versuchen ihnen diese Infos so gut wie möglich zu geben.

Der Konflikt in Nordsyrien verschärft sich immer weiter. Erdogan nimmt die Kurden ins Visier und diese verbünden sich gezwungenermaßen mit Syriens Machthaber Assad. Nun wird die Angst vor einer neuen Terrorwelle immer größer.

Beitragslänge:
10 min
Datum:

heute.de: Gibt es aktuell eigentlich noch das Interesse an einem freien multiethnischen Sender?

Blick aus dem Studio von Syrien Radiostation Arta FM
Der Blick aus dem Studio der Radiostation Arta FM in Richtung Türkei.
Quelle: ZDF

Hossein: Gerade jetzt ist das Interesse an einer freien Berichterstattung sehr groß. In Kriegszeiten werden viele Medien für Propaganda benutzt und die Menschen so beeinflusst werden, von der Türkei auf der einen und dem syrischen Regime auf der anderen Seite. Daher sind Informationen von lokalen Medien vor Ort, die die sich auskennen und vernetzt sind besonders wichtig. Sie gehören zu den einzigen Quellen, denen die Menschen in der Region trauen, weil sie eben noch vor Ort und glaubwürdig sind. Arta FM ist eben kein politischer Sender. Wir versuchen Fakten zu vermitteln, aber unsere Haltung ist klar gegen den Krieg, gegen die türkische Offensive. Totzdem versuchen wir natürlich nur Informationen zu vermitteln, die der Wahrheit entsprechen.

heute.de: Wie konnte das alles überhaupt so weit kommen - haben die Kurden etwas falsch gemacht?

Hossein: Die Kurden haben nichts falsch gemacht. Sie haben gegen die gefährlichste Terrororganisation der Welt gekämpft, gegen den IS. Für sich selbst, aber auch für den Westen. Die Kurden haben den Amerikanern vertraut, die Amerikaner haben gesagt, wir lassen euch nicht im Stich. Die Kurden hatten keine andere Wahl. Das heißt: Wenn man eine Partnerschaft eingeht, dann geht man davon aus, dass jeder seinen Verpflichtungen nachgeht. Die Kurden werden jetzt versuchen, andere Partner zu finden, Russland, oder die syrische Regierung, wer auch immer bereit ist, sie, aber auch andere Minderheiten in der Region zu schützen.

Wer sind die entscheidenden Player im aktuellen Konflikt in Nordsyrien? Was haben Erdogan, Assad, Putin und Trump strategisch im Visier?

Beitragslänge:
3 min
Datum:

heute.de: Haben Sie keine Angst, dass es durch die verschiedenen Akteure immer schlimmer wird?

Hossein: Selbstverständlich haben wir Angst. Es herrscht Krieg und es kann alles passieren. Aber was soll man machen? Fliehen, das ist ein Weg. Bleiben und Widerstand leisten der andere. Diesen Weg haben die meisten gewählt, militärisch, aber auch die Zivilgesellschaft. Das war auch von Anfang an unser Ziel, dass die Menschen vor Ort bleiben. Sechs Jahre lang war die Region stabil, es wurden Institutionen aufgebaut, die Türkei hat innerhalb von sechs Tagen all das zerstört. Wir wollen nicht, dass die Menschen fliehen, vor allem nach Europa kommen. Aber Europa und der Westen könnten auch mehr tun, dass die Menschen auch wirklich dort bleiben, indem sie dafür sorgen, dass der Krieg endlich vorbei ist.

heute.de: Was ist der Traum, den Sie für die Zukunft Ihres Senders haben?

Hossein: Unser Ziel ist, auch weiterhin vor Ort zu bleiben. Wenn das nicht mehr möglich sein sollte, werden wir versuchen, aus dem Ausland via Social Media und Satellitenfernsehen die Menschen zu erreichen. Wir werden unsere Arbeit von wo auch immer fortsetzen.

Das Interview führte Alica Jung. Der Autorin auf Twitter folgen: @alica_jung

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