Sie sind hier:

Türkischer Wahlkampf - Erdogans Heimspiel in Sarajevo

Datum:

Ende Juni wird es vorgezogene Wahlen in der Türkei geben. Präsident Erdogan will Wahlkampf bei Türken im Ausland machen. Heute spricht er auch vor Deutschtürken in Sarajevo.

Türkei: Recep Tayyip Erdogan
Türkei: Recep Tayyip Erdogan
Quelle: ap

In einem schlichten Krankenhauszimmer hat sich die ganze Familie versammelt: der Vater, Großvater, ja, der nationale Übervater liegt im Sterben. Da rüttelt eine Nachricht alle auf: Der gute Freund aus der Türkei ist gekommen, um Abschied zu nehmen: "Lasst mein Bosnien nicht allein", sagt ihm der Sterbende mit letzter Kraft.

Es ist eine Szene aus einer türkischen Fernsehserie, aber Erdogan selbst hat schon erzählt, wie der sterbende Alija Izetbegovich ihn aufforderte, sich um Bosnien zu kümmern, den jungen, multireligiösen Staat, den Izetbegovich nach dem blutigen Bürgerkriegen auf dem Balkan mitbegründete, und dessen erster muslimischer Präsident er war.

Wie der Vater so der Sohn

Es ist wieder ein Izetbegovich, der Erdogan an diesem Sonntag in Sarajevo empfängt. Bakir ist der Sohn, jetziger muslimischer Präsident Bosniens - und bekennender Erdogan-Fan: "Ich bin der Meinung, dass eine starke Führung in der Türkei gut ist", sagte er nach dem türkischen Verfassungsreferendum 2017. Kürzlich sprach er von "Wundern", die Erdogans Türkei vollbracht habe.

In diesem europäischen Staat ist Erdogan willkommen - im Gegensatz zu Deutschland, Österreich und anderen, wo ihm Wahlkampfauftritte nicht gestattet wurden, aus "Sicherheitsgründen", wie es hieß. Man kann auch sagen: weil die türkische Regierung mit ihren Menschenrechtsverletzungen schon für genug Spannungen in den türkischen Gemeinschaften der EU-Staaten geführt hat.

Die Türkei ist in Bosnien beliebt

In Bosnien stellen Muslime inzwischen die Bevölkerungsmehrheit und die Türkei ist beliebt. Sie ist ein wichtiger Investor für Infrastrukturprojekte - auch an diesem Sonntag wird Erdogan beim Treffen mit Izetbegovich wohl zusagen, die Autobahn zwischen Sarajevo und Belgrad zu finanzieren. Die Türkei gilt als traditionelle Schutzmacht: Erdogan wird wohl auch diesmal wieder an das osmanische Reich erinnern, in dessen Tradition er nun seine Türkei immer häufiger stellt.

Erdogan in der Olympiahalle in Sarajevo - das ist für ihn ein politisches Heimspiel. Geografisch in Europa - er lässt sich hier den Wahlkampf nicht verbieten, so das eine Signal an Berlin und andere Regierungen. Er geht auf die Auslandstürken zu, so das zweite - aus gutem Grund: es sind knapp fünf Prozent aller Stimmen, rund drei Millionen Auslandstürken insgesamt. 

Karte: Bosnien - Türkei
Karte: Bosnien - Türkei
Quelle: ZDF

Bis zu 20.000 Menschen werden zu diesem Erdogan-Auftritt in Sarajevo erwartet, aus Deutschland und Österreich werden Busse organisiert, in Wien allein zählen sie mehrere hundert Anmeldungen, 2.000 werden es wohl aus Österreich sein. Und natürlich berichten zahllose Fernsehsender von dem Auftritt. Und so sind die Bilder vom wahlkämpfenden Erdogan auch dort zu sehen, wo die größte Gruppe wahlberechtigter Türken außerhalb der Türkei lebt: in Deutschland. Erdogan hofft, gerade sie zu mobilisieren, denn bei vergangenen Wahlen hat er bei ihnen überdurchschnittliche Zustimmung geerntet.

Es gibt auch kritische Stimmen

In Sarajevo wird Erdogan aber nicht nur bejubelt. Es gibt auch einige kritische Stimmen, die fürchten, dass der Wahlkampf Spannungen schürt, die gerade das multiethnische, multireligiöse Bosnien nicht gebrauchen kann. Präsident Izetbegovich sieht kein Problem: Er würde ebenso Angela Merkel begrüßen, wenn sie hier auftreten wolle, sagte er kürzlich. Aber weitere Wahlkampfauftritte Erdogans in anderen Ländern sind nicht geplant - so ist Izetbegovich in Europa mit dieser Einstellung wohl ziemlich allein.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.