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Sieben Jahre nach Revolution - Tunesien zwischen Hoffnung und Enttäuschung

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Am Sonntag finden in Tunesien Regionalwahlen statt. Sie gelten, sieben Jahre nach der Revolution im Land, als Stimmungstest vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2019.

Ein Händler in Tunesien
Ein Händler in Tunesien
Quelle: picture-alliance / Reinhard Kungel

Vor allem die Wahlbeteiligung wird mit Spannung erwartet, ist sie doch Barometer dafür, ob die Tunesier politikverdrossen sind, sieben Jahre nach der Revolution. Politisch hat das Land den Übergang zur Demokratie geschafft. Doch die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jugendlichen, schürt Wut und Verzweiflung. Immer mehr wollen das Land verlassen.

Viel Armut, keine Perspektive

"Alles was ich mir erhofft hatte, ist im Meer versunken: meinen Sohn heiraten zu sehen, Enkelkinder zu bekommen und Unterstützung. Das alles ist verloren. Mir bleibt nichts mehr." Jamilas 24 Jahre alter Sohn Saddam ist im Oktober ertrunken. Wie viele seiner Gleichaltrigen wollte er nur eines: weg aus Tunesien, ab nach Europa, das "gelobte Land".  Zwei seiner Brüder leben schon in Frankreich. Die Mutter wollte es ihm verbieten, doch Saddam drohte ihr, sich selbst zu verbrennen. Da hat sie nachgegeben. Und sogar alle Möbel verkauft, weil Saddam Geld brauchte, um die Überfahrt und die Schlepper zu bezahlen.

Verlorene Generation

Das Boot, mit dem Saddam unterwegs war, wurde von der tunesischen Küstenwache gerammt. Mit ihm ertranken zehn junge Menschen aus Om Choucha, einem kleinen Ort im Hinterland von Tunesien, in der Nähe der Küstenstadt Sfax. Hier gibt es nichts außer Schafen und Olivenbäumen, unendliche Armut, keine Perspektiven. Und Om Choucha ist kein Einzelfall. Im letzten Jahr haben fast 8.000 Junge ihr Land verlassen, illegal. Im Jahr davor haben sich 1.000 auf die gefährliche Reise gemacht.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 50 Prozent. Besonders viele Akademiker sind ohne Job. Das tunesische System bildet am tatsächlichen Bedarf vorbei aus. Nur wer einen Universitätsabschluss hat, zählt. Alle anderen gelten als "Versager." Die Hoffnungen, die die jungen Tunesier in die Revolution 2011 gesetzt haben, haben sich nicht erfüllt. Der Soziologe Foued Ghorbeli spricht sogar von einer "verlorenen Generation". Eine Generation, deren großer gemeinsamer Traum sich nicht erfüllt hat, der entzaubert wurde, der einer allgemeinen Enttäuschung gewichen ist.

Deutsche Firmen investieren

Die Deutschen haben einen guten Ruf in Tunesien. Keine deutsche Firma hat das Land verlassen - auch nicht in den unruhigen Tagen nach der Revolution. Darauf ist Dr. Martin Henkelmann, der Geschäftsführer der AHK Tunis stolz: "Die deutsche Industrie hat in den letzten Jahren viel investiert. Inzwischen gibt es 55.000 Arbeitsplätze bei den 260 deutschen Unternehmen. Und es wird weiter investiert. Jeder Arbeitsplatz, der geschaffen wird, hilft, das Land zu stabilisieren."

Seit März 2017 gibt es in Tunis das "deutsch-tunesische Zentrum für Jobs, Migration und Reintegration". Ein Projekt der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ und der tunesischen Arbeitsagentur. Hauptaufgabe: die Ausreiseträume vieler Tunesier geradezurücken. Das fängt schon mit Kleinigkeiten an, zum Beispiel mit Sprachkenntnissen. Aylin Türer-Strzelczyk von der GIZ: "Der größte Teil der Tunesier, die zu uns kommen, haben natürlich keine Chance, nach Deutschland zu kommen. Die größte Hürde ist die Sprache." In Beratungsgesprächen sollen Alternativen im Land aufgezeigt werden. Manchmal reicht schon praktische Hilfe: Wie bewerbe ich mich, wie lese ich ein Stellenangebot, wie schreibe ich einen Lebenslauf? Das wird in Seminaren gelehrt. Die GIZ hat seit 2012 insgesamt 30 Pilotprojekte in Tunesien auf den Weg gebracht. Das Budget: 13 Millionen Euro.

Perspektiven im Land schaffen

Ein Vorzeigeprojekt ist sicherlich das Ausbildungszentrum des Textilunternehmens Sartex in Ksar Hallel. Seit 2012 wurden hier 500 Jugendliche ausgebildet - zu Näherinnen, Textilfacharbeitern. Das kommt einer Jobgarantie gleich, mit - für tunesische Verhältnisse - guter Bezahlung: 14 Monatsgehälter à 600 Dinar, etwa 200 Euro monatlich. Sartex produziert 100 Prozent für den Export, Hosen für europäische und amerikanische Luxuslabels. Und der Besitzer finanziert zu zwei Dritteln selbst das Ausbildungszentrum. Er will den Jugendlichen aus der Gegend eine Perspektive bieten, damit sie im Land bleiben. Manchmal klappt das auch. Der 17-jährige Montassar macht seit acht Monaten eine Lehre bei Sartex. Eigentlich war er fest entschlossen, illegal nach Italien zu fliehen. Seinem Vater war es schließlich gelungen, ihn davon zu überzeugen, sich nicht auf die lebensgefährliche Reise zu machen - zumal all seine Freunde in Italien festgenommen wurden.

unesDoch viele schreckt die Gefahr nicht: Kamel und Mohammed aus Sidi Mourad wurden schon zwei Mal aus Italien abgeschoben. Dennoch werden und wollen sie es noch einmal wagen. Mohammed sagt, "Ich weiß nicht, was passieren wird, das Meer und Allah entscheiden. Ich akzeptiere mein Schicksal. Das Wichtigste ist, daß ich mein Land verlasse, auch wenn ich dabei sterbe."

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