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Tunesier wählen Präsidenten - Armut und enttäuschte Hoffnungen

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Die Tunesier wählen einen neuen Präsidenten. Freiheit und Demokratie sind Alltag geworden - Armut und Perspektivlosigkeit auch. Viele sind frustriert, die Wahl ist ihnen egal.

In Tunesien sind rund sieben Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Tunesien gilt als Musterbeispiel für eine Demokratie in der arabischen Welt.

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Es sind nicht viele Leute unterwegs auf dem Markt in Tunis an diesem Wochenende. Das mag daran liegen, dass alles viel teurer geworden ist, vor allem die Lebensmittel. Das Angebot ist reichhaltig: Fisch, Obst, Gemüse - doch wer kann sich das noch leisten? "Schauen Sie nur, kein Mensch kann sich mehr Sardinen leisten - und dabei ist das doch der billigste Fisch", sagt eine alte Frau im Vorbeigehen. "Der Staat ist bis zum Hals verschuldet, wir können kaum noch atmen."

Steigende Preise und Arbeitslosigkeit

Steigende Preise, der Dinar, der deutlich an Wert verloren hat, die Arbeitslosigkeit - das sind die Hauptsorgen, die die Tunesier umtreiben. Und das spielt eine große Rolle bei den Präsidentschaftswahlen.

Radfahrer vor einem Wahlbüro in Tunis am 15. September 2019
Rund sieben Millionen Tunesier sind an diesem Sonntag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen.

Es sind freie, direkte Wahlen, doch das ist schon fast in den Hintergrund getreten angesichts der wirtschaftlichen Probleme. Tunesien ist das einzige Land des "Arabischen Frühlings", das den Übergang von der Diktatur zur Demokratie geschafft hat - einer Demokratie, die sich in den letzten acht Jahren trotz Terroranschlägen bewährt hat.

Es ist den Tunesiern sogar gelungen, Islamisten an die Macht zu wählen und friedlich wieder abzuwählen. Die Demokratie scheint gefestigt. Doch die diversen Regierungen haben es nicht geschafft, die Wirtschaft so zu stärken, dass genügend Arbeitsplätze entstehen. So leidet das Land bis heute unter einer hohen Arbeitslosigkeit. Bei den Jugendlichen haben 34,8 Prozent keinen Job. Und kaum eine Perspektive.

Premiere: Kandidaten-Debatte im Fernsehen

Für Tunesien ist das eine mittlere Katastrophe, auch weil die Kluft zwischen Stadt und Land immer noch immens ist. "Wir erleben eine schlechte Phase", sagt der Soziologe Abdessattar Sahbani. "Die Enttäuschung ist groß, und das liegt daran, dass die Politik die Erwartungen der Menschen nicht erfüllen konnte."

Passanten vor einem Souvenirladen in der Altstadt von Tunis
Die Wirtschaft ist am Boden, viele Tunesier sehen keine Perspektive für sich (Bild: Altstadt von Tunis).
Quelle: Reuters

Ein Straßencafé in Tunis: Vor einer Großleinwand sitzen Dutzende, meist junge Menschen und schauen gebannt auf die Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten, die auf allen Sendern gezeigt wird. Es ist eine Premiere - so etwas gab es noch nie in der arabischen Welt. Ein Drittel der Bevölkerung hat sich die Sendung angeschaut - und kommentiert. Imen Mrad "Für mich sieht der ideale Präsident so aus: Er verteidigt unsere Freiheiten, er hat ein klares Programm, und er ist kein Populist, der den Menschen haltlose Versprechungen macht."

Chancen für "tunesischen Berlusconi"

26 Kandidaten stellen sich der Wahl - Vertreter von rechts, links, Islamisten, unabhängige, sogar Anhänger des ehemaligen Diktators Ben Ali. Sie alle tourten durchs Land, warben für sich und ihre Programme. Nur einer war nicht dabei: Nabil Karoui - eine Art tunesischer Berlusconi: Multimillionär, Medienmogul und zudem noch Wohltäter der Armen.

Ein tunesischer Junge steht am Eingang zu einer Hütte
Auf dem Land ist die Lage vieler Menschen besonders desolat.
Quelle: Reuters

Vor drei Wochen wurde er an einer Autobahnmautstation zur Überraschung aller verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Ihm wird Geldwäsche vorgeworfen. Deswegen organisierte er seinen Wahlkampf aus dem Gefängnis - mit Erfolg. Seit seiner Festnahme ist seine Beliebtheit sprunghaft angestiegen. Sollte er nicht verurteilt werden, könnte es durchaus sein, dass er in die Stichwahl kommt. Auch das wäre eine Premiere.

"Es geht um die Jungen, die keine Arbeit finden"

Die Programme der anderen Kandidaten bieten nicht viel Neues - die Stärkung der Wirtschaft steht an erster Stelle. Umstrittene Themen wie Gleichberechtigung der Frauen, Umweltschutz spielen in diesem Wahlkampf keine Rolle. "Heute geht es nicht um religiöse Fragen, wir müssen nicht mehr um unsere Freiheiten fürchten. Es geht um Kaufkraft und um die Jungen, die keine Arbeit finden", sagt Abdelfattah Mourou, Kandidat der islamistischen Ennahda-Partei.

Karte Tunesien - Tunis
Quelle: ZDF

Mourou wirkt wie ein freundlicher Großvater, tritt in traditioneller Kleidung auf und bezeichnet sich als einen gemäßigten Islamisten. Am Rande seiner Wahlkampfkundgebung in einem Vorort von Tunis treffen wir Latifa. "Mourou ist in allen Bereichen sehr gebildet, er kann alle Tunesier vereinen. Ich fühle mich durch ihn gut repräsentiert." Da ist sie nicht alleine - nach den letzten Umfragen kommt der Islamist in die Stichwahl.

Ernüchterung bei vielen Tunesiern

Jendouba liegt 200 Kilometer westlich von Tunis. Sie gilt als zweitärmste Stadt des Landes. Die Cafés an den staubigen Straßen sind voll. Junge Männer räkeln sich in den Stühlen. "Hier kümmert sich keiner um uns , so viele haben keinen Job, wir sitzen alle nur im Café rum", sagt Mohammed. Es gibt keine Industrie, nur Landwirtschaft in Jendouba und vor allem keine Arbeitsplätze.

Ernüchterung hat sich in Tunesien breit gemacht, die Wahlbeteiligung wird wohl bei nur 30 Prozent liegen, dramatisch sind die Zahlen auch bei den Jungwählern: Nur jeder Dritte will seine Stimme abgeben.

"Was haben die Politiker schon für mich getan?!"

Auch Hadhba Ghazouani, die schon seit dem frühen Morgen auf den Feldern arbeitet, will diesmal nicht wählen gehen. "Was haben die Politiker schon für mich getan? Nichts! Sie kommen zwei Tage vor der Wahl und versprechen uns alles Mögliche, doch danach sind wir vergessen", sagt die 42-Jährige.

Es ist glühend heiß in Jendouba. Seit Stunden läuft in Endlosschleife ein Song in voller Lautstärke: "Bella Ciao", umgetextet auf den bisherigen Premier Chahed. Seine Anhänger haben am Straßenrand einen Bereich abgesperrt für den Kandidaten. Auf einer Großbildleinwand läuft ein Werbevideo in amerikanischem Stil. Plötzlich werden alle unruhig. Und da kommt eine große, dunkle Limousine herangerollt, umgeben von Leibwächtern im Dauerlauf. Heraus steigt Youssef Chahed, in Jeans und Hemdsärmeln.

"Jendouba, ich bin so froh, Bei Euch zu sei", ruft er der Menge zu. Und spult sein Programm ab: Investitionen, Arbeitsplätze, Stärkung der Wirtschaft. Nach fünf Minuten ist der Auftritt vorbei. Auch er macht sich Hoffnungen auf die Stichwahl.

Vertrauen in die Politik hat große Risse

Tunesien wählt einen Präsidenten. In einer schwierigen Situation. Freiheit und Demokratie sind Alltag geworden. Aber Armut, soziale Ungleichheit und Arbeitslosigkeit sind geblieben. Und das Vertrauen in die Politik hat große Risse bekommen.

"Vielleicht werden die Politiker abgestraft. Wenn die Tunesier nicht zur Wahl gehen, dann ist das eine ganz bewusste Entscheidung, weil ihre Erwartungen von der Politik nicht erfüllt wurden", resümiert der Soziologe Abdessattar Sahbani. "Eine soziale Revolte wird es aber nicht geben", sagt er, "denn eine Revolution macht man nur einmal im Leben".

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