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DGB-Chef Reiner Hoffmann - Unbezahlte Überstunden: "Besonderer Skandal"

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Länger arbeiten, teils unbezahlt: Beschäftigte in Deutschland leisten immer mehr Überstunden. DGB-Chef Hoffmann nennt den Zustand inakzeptabel und spricht von "Lohndiebstahl".

Archiv: Überstunden
Beschäftigte machen Überstunden (Symbolbild)
Quelle: dpa

heute.de: Immer länger, immer mehr - über zwei Milliarden Überstunden haben die Beschäftigten im vergangenen Jahr gemacht. Was sagen Sie zu dieser Zahl?

Reiner Hoffmann: Es ist unerträglich, dass die Überstunden in dem Maße zugenommen haben. Zumal wir wissen, dass überlange Arbeitszeiten ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Beschäftigten bergen.

Die Zahlen sind seit Jahren auf einem viel zu hohen Niveau. Das ist ein Hinweis auf schlechte Personalplanung und schlechte Arbeitsorganisation. Die Unternehmen müssen da endlich klare Verhältnisse schaffen. Würde man das Volumen der Überstunden mit einer tariflich vereinbarten Arbeitszeit verrechnen, wären das 1,2 Millionen Vollzeitarbeitsplätze.

heute.de: In nur einem Jahr ist die Zahl der Überstunden deutlich gestiegen, um fast 13 Prozent. Wie lässt sich das erklären?

Hoffmann: Die Arbeitgeber sind offensichtlich nicht bereit, für den Mehrbedarf, den es seit vielen Jahren gibt, ausreichend Arbeitskräfte einzustellen - sie brechen eher Arbeitszeitregelungen. Für einen besonderen Skandal halte ich, dass die Hälfte der Überstunden nicht bezahlt wird. Damit betreiben die Arbeitgeber nichts anderes als Lohndiebstahl. Das geht gar nicht.

heute.de: Wie ist es möglich, dass ein großer Teil der Mehrarbeit nicht bezahlt wird?

Hoffmann: Man muss sich die einzelnen Bereiche anschauen, in denen das stattfindet: Häufig im Dienstleistungsbereich, im Einzelhandel, in der Gastronomie, der Logistik, im Hotel- und Baugewerbe, den Medien - überall da, wo Menschen oft keinen Tarifvertrag haben und keinen Betriebsrat, an den sie sich wenden können. Sie sind auf sich alleine gestellt. Es sind Bereiche, in denen Arbeitnehmern, wenn sie auch nur den zarten Ansatz unternehmen, ihre Rechte einzuklagen, schlicht und ergreifend mit Entlassung gedroht wird.

Infografik: Überstunden nach Wirtschaftszweigen
So verteilen sich die Überstunden auf die verschiedenen Arbeitsbereiche.
Quelle: ZDF/IAB-Arbeitszeitrechnung

heute.de: Spielt also auch Angst eine Rolle?

Hoffmann: Ja, häufig ist das so - die Menschen haben schlich Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

heute.de: Werden Überstunden womöglich auch verschwiegen?

Hoffmann: Eine Dunkelziffer kommt mit Sicherheit hinzu. Man kann davon ausgehen, dass viele Menschen sich nicht trauen zuzugeben, dass sie Überstunden leisten.

heute.de: Wie kommt es zu der hohen Zahl an Überstunden?

Hoffmann: Personalkürzung und die mangelnde Bereitschaft, das notwendige Personal einzustellen. Die Arbeitgeber klagen über zu wenig Flexibilität. Das kann ich überhaupt nicht sehen. Wir haben im deutschen Arbeitsrecht viele Möglichkeiten auf Mehrbedarf zu reagieren, beispielsweise durch befristete Arbeitsverträge oder den Einsatz von Leiharbeitnehmern. Wir wissen aber auch, dass diese Instrumente häufig missbraucht werden. Daher wird es Zeit, dass - wie im Koalitionsvertrag vorgesehen - sachgrundlose Befristungen abgeschafft werden.

heute.de: Viele Arbeitnehmer sagen, dass sie Überstunden machen, weil sie sonst die Arbeit nicht schaffen ...

Hoffmann: Wenn die Arbeit nicht mehr geschafft wird, ist das ein Versagen der Unternehmen. Wir erleben seit Jahren eine enorme Arbeitsverdichtung. Das ist auf Dauer kein erfolgreiches Geschäftsmodell, damit einhergehende schlechte Arbeitsbedingungen schaden nicht nur der Gesundheit der Beschäftigten. Auch die Arbeitsqualität kommt damit unter die Räder.

heute.de: Sie sprechen die Gesundheit an. Welche Folgen können Überstunden für die Beschäftigten haben?

Hoffmann: Wir wissen, dass die Zahl der krankheitsbedingten Fehlzeiten zugenommen hat - auch das ist Ausdruck von Arbeitsverdichtung oder eben überlangen Arbeitszeiten. Und wir wissen: Die Häufigkeit von Arbeitsunfällen nimmt bei überlangen Arbeitszeiten zu. Darüber hinaus ist der Anteil der Beschäftigten viel zu groß, die es nicht gesund bis zur Rente schaffen.

heute.de: Entlastung im Arbeitsleben hatte man sich auch von der Digitalisierung erhofft. Ist die eingetreten?

Hoffmann: Nein, wir erleben, dass es zu einer erheblichen Arbeitsverdichtung kommt, dass Menschen in immer weniger Zeit immer mehr Leistung erbringen müssen. Und wir sehen, dass die neue Mobilität, etwa durch Heimarbeit, immer auch eine Falle sein kann; dass Leute dann systematisch mehr arbeiten als arbeitsvertraglich vorgesehen ist.

heute.de: Was müsste sich da ändern?

Hoffmann: Da gibt es zahlreiche Stellschrauben. Wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen in Unternehmen deutlich besser sind, in denen Tarifverträge gelten und es betriebliche Interessenvertretungen - also Betriebs- und Personalräte - gibt. Aber nur die Hälfte der Beschäftigten ist in Deutschland durch Tarifverträge geschützt. Die Tarifbindung muss also deutlich erhöht werden. Auch gibt es viel zu wenig Unternehmen, die einen Betriebsrat haben. Daher fordern wir, dass die Wahl von Betriebsräten gerade in kleineren Betrieben erleichtert wird. Außerdem brauchen wir eine bessere Kontrolle der Arbeitszeiten durch die Gewerbeaufsicht. Und Verstöße gegen gesetzliche und tarifvertragliche Arbeitszeiten müssen wirksam sanktioniert werden.

heute.de: Was können Beschäftigte selbst tun?

Hoffmann: Arbeitnehmer sollten selbstbewusst ihre Rechte wahrnehmen, gucken, ob es einen Tarifvertrag gibt und was darin geregelt ist, und ihre Rechte einfordern. Wenn es keinen Tarifvertrag gibt, kann ich die Menschen nur ermuntern, sich an eine Gewerkschaft zu wenden und sich zu organisieren.

heute.de: Und was fordern Sie von der Politik?

Hoffmann: Die Mitbestimmungs- und Beteiligungsrechte der Menschen müssen deutlich verbessert werden. Es kann nicht sein, dass sich durch die Digitalisierung die Arbeitswelt rasant verändert, nur bei der Mitbestimmung soll alles beim Alten bleiben.

Auch der Arbeits- und Gesundheitsschutz muss dringend modernisiert und an die die digitale Arbeitswelt angepasst werden. Wir müssen den Beschäftigten aber auch Möglichkeiten einräumen, die Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, zu nutzen. Beispielsweise, indem ihnen mehr Souveränität bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit eingeräumt wird. Ab dem kommenden Jahr haben die Beschäftigten ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit. Das ist ein erster Erfolg, der leider nur für Betriebe mit mehr als 45 Arbeitnehmern gilt. Das ist ein positives Beispiel. Davon brauchen wir mehr.

Das Interview führte Nora Liebmann.

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