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Krieg in der Ost-Ukraine - Da hinten ist immer noch der Feind

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Seit Jahren tobt der Krieg in der Ost-Ukraine. Nun soll wieder über Frieden verhandelt werden. Doch wie soll der aussehen? Schwer vorstellbar für die Menschen vor Ort.

"Da hinten ist noch immer der Feind", sagt ein Soldat der ukrainischen Armee. Es ist der letzte Checkpoint vor der Frontlinie in der Region Petriwske in der Ost-Ukraine. Als letzter von insgesamt drei Orten haben hier beide Konfliktparteien ihre Stellungen abgebaut und jeweils einen Kilometer nach hinten versetzt. Truppenentflechtung nennt sich das, und das war eine der Bedingungen, dass überhaupt neue Friedensgespräche stattfinden können. Warum gerade hier und was es wirklich bringen soll, das wissen die ukrainischen Soldaten auch nicht so genau. Das sei Sache der Politik, heißt es. Und Befehl sei Befehl.

Es ist jetzt ruhig hier, kein Beschuss mehr seit der Entflechtung. Im Hintergrund dann plötzlich eine Explosion. "Das waren die Minenräumer", meint der Soldat. Der Presseoffizier der ukrainischen Armee, Bohdan Petrik, sagt: "Ich verstehe die Leute gut, wenn sie sagen, dass sie Frieden wollen. Viele wollen Frieden. Um das zu bewerten, was jetzt passiert ist, brauchen wir Zeit. Ich kann das noch nicht abschätzen."

Schlaglöcher und Schotterpisten

Die Straßen sind schlecht hier. Wer von A nach B muss, holpert stundenlang über Schlaglöcher und Schotterpisten, fährt durch verlassene Dörfer und muss anhalten an einem der unzähligen Checkpoints. Vermummte Soldaten wollen wissen, wer im Auto sitzt und wo man hinwill. Rund 450 Kilometer ist die Frontlinie lang, und die eigentlich geltende Waffenruhe wird immer wieder gebrochen. Mehr als 1.000 Zwischenfälle registriert die Beobachtermission der OSZE hier fast jeden Tag. Immer wieder gibt es Verletzte oder Tote. 13.000 Opfer seit Beginn des Konflikts.

Der Krieg mitten in Europa tobt seit fünf Jahren - und war in der Zwischenzeit fast in Vergessenheit geraten. Erst mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kam wieder Bewegung in den eingefrorenen Konflikt. Er trat mit dem Ziel an, den Krieg und das Sterben im Donbas zu beenden. Es gab Telefonate mit dem russischen Präsidenten Putin, Unterhändler trafen sich immer wieder im weißrussischen Minsk. Und nach langer Vorbereitung steht nun auch der Termin für die nächsten Friedensgespräche im so genannten Normandie-Format - dazu gehören die Ukraine, Russland sowie Deutschland und Frankreich als Vermittler. Noch in diesem Jahr, am 9. Dezember wollen sich Emanuel Macron und Angela Merkel zusammen mit Wolodymyr Selenskyj und Wladimir Putin in Paris treffen.

Kriegsmüde Bewohner

Es wird das erste Mal sein, dass sich Selenskyi und Putin persönlich begegnen. Vor allem in der Ukraine dürfte das ganz genau beobachtet werden. Denn jedes Zugeständnis oder Zeichen von Schwäche gegenüber Russland bringt in der Ukraine die Menschen auf die Barrikaden. Groß ist die Sorge, dass Selenskyj zu sehr auf Moskau zugeht und der russische Einfluss in der Ukraine größer wird. Bei Großdemonstrationen gegen Selenskyjs Politik im Oktober in Kiew hatte der eigentlich beliebte ukrainische Präsident schon einen Vorgeschmack bekommen, wie der Gegenwind aussieht. Zehntausende waren auf der Straße. Und das waren nicht nur Nationalisten.

An der Front indes ist der Krieg nach all den Jahren irgendwie zum Alltag geworden. An einer Tankstelle ziehen sich drei Soldaten einen Kaffee, mit dem Maschinengewehr über der Schulter vor der Hotdog-Theke. Hranitne ist ein Ort auf der ukrainischen Seite, direkt an der Frontlinie. Rund 4.000 Menschen haben hier mal gelebt. Doch als der Krieg begann, flüchteten viele in andere Städte der Ukraine. Heute leben hier noch rund 2.500. Auf der anderen Seite des Flusses sind die prorussischen Separatisten.

Alltag im Dorfladen trotz Krieg
Sozialer Treffpunkt: Dorfladen in Hranitne
Quelle: Christian Semm, ZDF

"Wir hoffen, dass sich etwas ändert"

Auf neue Friedensverhandlungen setzten sie hier keine großen Hoffnungen, sagt Vasylyna Nikolayeva vom Dorfrat in Hranitne. "Es gibt keine wirkliche Idee, wie man den Konflikt beenden kann. Wenn wir wüssten, dass der Krieg in einer Woche vorbei wäre, dann OK. Aber wir haben diese Zuversicht nicht." Die Auswirkungen des Krieges hier sind: Versorgungsengpässe, keine Arbeit, keine Perspektive. Der Dorfladen ist der soziale Treffpunkt des Ortes. Nicht groß, aber hier kriegt man Vieles, was man im Alltag braucht. Dazu ein Schwätzchen mit Nachbarn und Verkäufern. Soldaten liegen in Schützengräben am Dorfrand und bewachen die Frontlinie. Immer wieder gebe es Beschuss von Seiten der Separatisten, berichten sie. Der Ort ist umgeben von Minenfeldern, nachts sind Schüsse zu hören.

Weniger als drei Kilometer sind es von der Frontlinie bis zur Dorfmitte. Dort geht es auch um Angriff und Verteidigung - aber nur beim Fußball. Ein paar Jungs spielen auf dem Bolzplatz. Das hätten sie immer schon gemacht, erzählen sie, Krieg hin oder her. Anton ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und studiert jetzt in Mariupol, rund drei Autostunden entfernt. Er kommt aber immer wieder in seine Heimat. Seine Familie lebt noch im Dorf, der Oma geht es nicht gut. "Meine Großmutter kann ganz schlecht laufen, sich kaum bewegen, also bleiben wir hier", sagt Anton. "Wir hoffen natürlich, dass sich vielleicht etwas ändert im Land und wir zurückkommen zu unserem friedvollen Leben, das wir früher hatten."

Präsident Selenskyj hat durch seine Politik Hoffnung geweckt, auf ein Ende des Krieges. In Hranitne ist die Zeit der schweren Beschüsse zwar vorbei. Aber Frieden herrscht hier trotzdem noch lange nicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels ist ein Bild von einem Angriff auf eine libysche Fabrik zu sehen gewesen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, das Versehen zu entschuldigen.

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