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Politik-Expertin Guérot - "Macron erhält Preise, aber keine Zustimmung"

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Der Karlspreis für Frankreichs Präsident Macron - ein Appell, Europa wieder anders zu denken, sagt die Politologin Ulrike Guérot. Gleichwohl fehle ihm Rückhalt.

heute.de: Nach nur einem Jahr im Amt bekommt Emmanuel Macron den Karlspreis. Sind das Vorschusslorbeeren wie im Fall von Barack Obama?

Ulrike Guérot: Barack Obama war auch meine erste Assoziation. Obama wurde, ähnlich wie Macron, für eine Ambition gekrönt. Ein Versprechen, das er leider nicht einlösen konnte. Macron ist der einzige, der für die Europäische Union derzeit klare Pläne formuliert. Dafür bekommt er den Karlspreis - für den Mut zu thematisieren, was getan werden müsste. Gleichzeitig fehlt ihm der Zuspruch, auch von Deutschland. Er ist jemand, der mit forschen Europa-Plänen besticht, die er aber wahrscheinlich nicht umsetzen kann.

heute.de: Macron will seit seinem Amtsantritt mehr Europa, Angela Merkel dagegen bremst. Wie bewerten Sie die Überreichung des Preises in diesem Spannungsfeld? 

Guérot: Dieses Spannungsfeld ist tatsächlich problematisch. Denn Frau Merkel ist nicht die einzige, die bremst. Letztlich stehen alle deutschen Parteien unter dem Druck der AfD. Das ist der Grund, warum man sich in Deutschland nur zögerlich zu Europa bekennt. Erschwerend kommt hinzu: Es sind nicht nur die Deutschen, die Macron nicht antworten, sondern auch die Polen, Griechen und Spanier. Macron ist der einsame Rufer in der Wüste. Er kriegt vielleicht Preise, aber keine Zustimmung.

heute.de: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich verändert, seitdem Macron im Amt ist?

Guérot: Das Verhältnis hat sich deutlich verändert, weil Macron wieder einen Macht- und Gestaltungsanspruch für Frankreich erhebt. Das ist Deutschland nicht mehr gewohnt. Macrons Vorgänger, Sarkozy und Hollande, ließen Frau Merkel letztlich allein entscheiden. Deswegen irritiert jetzt Macrons selbstbewusste Haltung.

heute.de: Besteht zwischen Macron und Merkel eine Rivalität?

Guérot: Ja. Das sieht man auch an der Konkurrenz zwischen Frankreich und Deutschland in Washington. Wir verhandeln eine Neubestimmung des deutsch-französischen Verhältnisses.

heute.de: Der Karlspreis ist nach Karl dem Großen benannt, dessen Frankenreich das heutige Deutschland und Frankreich einschließt. Was bedeutet eine Vergabe dieses Preises an Macron heute?

Guérot: Bevor wir angefangen haben, in Nationalstaaten einzuteilen, gab es andere Möglichkeiten, Europa zu denken. Die Vergabe des Karlspreises an Macron ist ein Appell, Europa wieder anders zu denken, jenseits von Nationalstaaten. Es ist dringend geboten, uns an diese Ideen zu erinnern.

heute.de: Was bedeutet der Schulterschluss Macrons mit Donald Trump?

Guérot: Deutschland orientiert sich stark am Osten, so dass Macron sich fragen darf, wo Frankreich eigentlich bleibt. Auf Deutschland kann er sich nicht verlassen. Denn wir geben ihm keinen Handschlag zu Europa. Die Briten sind weg aus der Europäischen Union, mit Russland will er nicht. Natürlich sucht er sich dann Allianzen in den USA.

heute.de: Und was macht Deutschland?

Guérot: Momentan verschiebt sich, was der Westen eigentlich ist. Die Gazprom-Connection ist nur ein Indiz dafür, dass Deutschland sich wieder stärker gen Osten orientiert. Und der Osten geht diesmal bis Peking. Für alle europäischen Staaten ist Deutschland der wichtigste europäische Handelspartner und für Deutschland ist es China. Wir sind von China abhängig und in Europa sind alle von uns abhängig. Europa kommt als eigenständige strategische Größe nicht vor.

Das Interview führte Madeleine Nissen.

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