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Die Türkei vor der Wahl - "Erdogan ist ein starker Anführer"

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Unter Türken in Deutschland genießt der türkische Präsident große Unterstützung. Auch, weil er sie intuitiv stärkt. heute.de hat mit Erdogan-Anhängern in Mainz gesprochen.

Archiv: Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan warten am 31.07.2016 in Köln
Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan in Köln
Quelle: dpa

"Unser Präsident hat mehr für die Türkei getan als jeder andere Mensch – und ihr in Deutschland macht ihn die ganze Zeit schlecht." Der Mann, der das sagt und dabei den Kopf schüttelt, ist Mitte 40, in Deutschland geboren und aufgewachsen; er spricht im rheinhessischen Dialekt. Ahmet lebt mit seiner Familie in Mainz – und obwohl das nie anders war und er in die Türkei nur in den Ferien reist, bezeichnet er das Herkunftsland seiner Familie als Heimat. Ahmet hat einen türkischen Pass und wen er bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in der Türkei unterstützt, steht für ihn außer Frage.

Erdogan ein "echter Macher"

"Erdogan muss vollenden, was er angefangen hat aufzubauen", sagt Ahmet, der sich nach dem Gebet mit einigen Bekannten vor einer Moschee versammelt hat. Einige Beispiele für Erdogans Verdienste aus Sicht der Runde: "Erdogan hat die Wirtschaft vorangebracht. Er hat die Armut bekämpft. Er hat Straßen, U-Bahnen, Schulen und Krankenhäuser gebaut. Er hat das ganze Land modernisiert." Die Männer sehen in Recep Tayyip Erdogan einen "echten Macher", wie einer von ihnen sagt.

Ein anderer Mann verschränkt die Arme vor der breiten Brust und meint: "Erdogan ist ein starker Anführer, von dem ihr hier in Deutschland nur träumen könnt! In der Türkei lieben ihn die Menschen, nur wollt ihr das nicht sehen und macht lieber einen Medienputsch gegen ihn." Was deutsche "Mainstream-Medien" über die Politik des türkischen Präsidenten berichteten, sei voller Unwissen, gar Lügen, ist sich der Mann sicher. Seinen Namen will er nicht nennen: "Tut nichts zur Sache."

"Undankbare Idioten!“

Auf die türkische Opposition angesprochen, wischt er einmal mit der Hand durch die Luft und zischt laut "pffff". Das seien alles "undankbare Idioten". Die Lebensqualität der Menschen in der Türkei sei heute besser als in Deutschland. Die Männer ziehen im Gespräch fortwährend Vergleiche. Beispiel medizinische Versorgung: In der Türkei vermeintlich umstandslos, erstklassig und gratis.

Und in Deutschland? Jeder kann da eine Geschichte erzählen, wie er länger auf einen Arzttermin warten musste oder dass Mediziner ihre Beschwerden nicht ernstgenommen hätten. "Das kann doch nicht sein", sagt Ahmet, "da siehst du, wie sie uns hier schlecht behandeln." Er meint das auch im übertragenen Sinn und zählt einige Beispiele auf, wie Türken sich im Alltag in Deutschland diskriminiert fühlten, in Behörden etwa oder bei der Wohnungssuche.

Es ist eine wortreiche Debatte, die Männer sind spürbar aufgewühlt. Es bricht etwas aus ihnen heraus, das einer so auf den Punkt bringt: "In Deutschland bleibst du immer der Türke.“ Stummes Nicken in der Gruppe, dann fügt Ahmet aber noch lächelnd hinzu: "Und in der Türkei bin ich immer der Deutsche, Alman."

Es ist ein Zwischen-allen-Stühlen-Stehen, nirgendwo richtig daheim und zuhause. Die Türkei, das Sehnsuchtsland, in dem alles besser erscheint als im deutschen Alltag. Dieser besondere Blick hat handfeste Ursachen, sagt die Politologin Gülistan Gürbey im heute.de-Gespräch: "Erdogan-Anhänger in Deutschland beziehen ihre Informationen fast ausschließlich von regierungsnahen Medien in der Türkei." Erdogan "stärkt intuitiv das Selbstbewusstsein" vieler Türken in Deutschland.

Erdogan "stärkt intuitiv Selbstbewusstsein"

Die staatliche Kontrolle der Medien habe eine einseitige Berichterstattung zur Folge: "Sie zeichnet nur ein positives Bild, negative Entwicklungen werden bewusst ausgeblendet, sodass ein verzerrtes Bild der realen Verhältnisse dominiert", so Gürbey. Nachvollziehbar sei aber auch, wie eine lange Phase wirtschaftlichen Aufschwungs, die damit gestiegene Lebensqualität, Verbesserungen im Gesundheitssystem und der massive Ausbau der öffentlichen Infrastruktur zum Erfolg von Erdogan beigetragen haben. "Dass es inzwischen längst nicht mehr so rosig bestellt ist um die türkische Wirtschaft, wird von Erdogans Anhängern in Deutschland jedoch völlig ausgeblendet", sagt Gürbey.

Stattdessen fokussierten sich viele Türken in Deutschland auf Erdogan als Charismatiker. Seine Tiraden etwa gegen deutsche Politikern seien wohldurchdacht gewesen. Gürbey erklärt es so: "Er trägt Stärke harsch zur Schau und viele Türken, die sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse fühlen, sehen in Erdogan einen Mann, der ihnen eine Stimme gibt, mit dem sie sich identifizieren können. Da gibt es einen psychologischen Effekt: Er stärkt intuitiv das Selbstbewusstsein dieser Menschen."

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