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Umweg über Togo - Europas Altkleider sind in Paris begehrt

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Amah verkauft in Paris Altkleider, die er in Togo aufgestöbert hat. Viele stammen aus Kleidersammlungen in Europa. Und sind nun gefragte Mode - Second-Second-Hand, quasi.

Ein Pariser Designer kauft Altkleiderspenden in Afrika auf, um sie in Europa wieder teuer zu verkaufen. Klingt absurd - gibt es aber und nennt sich "Second Second Hand".

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Der graue Arbeitskittel hat es ihm angetan. "Der passt doch wunderbar zu meinem Stil, ich mag gerne weite Klamotten", meint der junge Mann, der sich in einem kleinen Modeladen im Pariser Stadtviertel Marais prüfend im Spiegel anschaut. "Es stört mich überhaupt nicht, dass den schon mal jemand getragen hat. Wenn mir etwas gefällt, dann ziehe ich es an und frage mich nicht, wo es herkommt", erklärt er. Dabei wäre die Antwort in diesem Fall besonders interessant.

Skurrile Reise der Fundstücke

Amah Ayivi, ein Pariser Modehändler mit afrikanischen Wurzeln, bietet in dem kleinen Laden Vintage-Klamotten, die eine skurrile Reise hinter sich haben: Sie stammen zum großen Teil aus europäischen Altkleidersammlungen, die nach Afrika verkauft wurden. Ayivi hat sie auf einem Markt in Lomé, der Hauptstadt Togos, aufgestöbert und zurück nach Paris geschickt. Und dort verkauft er sie nun für ein Vielfaches des Preises.

Amah Ayivi auf einem seiner Streifzüge auf dem Altkleidermarkt in Lomé.
Amah Ayivi auf einem seiner Streifzüge auf dem Altkleidermarkt in Lomé.
Quelle: ZDF/Andrew Esiebo

"Hier werden die Kleider aussortiert und weggeschickt - und ich hole sie dann als echte Fundstücke wieder zurück", erklärt er lächelnd. "Das ist echtes Recycling." Stolz führt er seine weitgereiste Kollektion vor. "Das ist hier ist doch toll", meint er und holt einen schwarzen Polyester-Hausmantel mit bunten Blumen von der Stange. "Dazu kann man Clogs oder Cowboystiefel anziehen, das lässt sich wunderbar kombinieren." Ein paar Bügel weiter hängt ein hellblau und beige gemustertes Kunstfaserkleid mit Spitzkragen. Auch ein Lodenmantel mit einem Etikett "Made in Austria" ist zu finden.

Altkleiderspenden zerstören afrikanischen Markt

Dass Altkleiderspenden in großen Teilen auf afrikanischen Märkten verkauft werden und dort die einheimische Produktion zerstören, ist ein altes Problem. Nigeria und andere afrikanische Länder haben den Import bereits verboten, Ruanda hat hohe Zölle erhoben. Doch das Geschäft hat sich einfach an Orte verlagert, in denen die Bestimmungen weniger streng sind, etwa in die Hafenstadt Lomé.

Amah Ayivi ist in Togo aufgewachsen und kam als 12-Jähriger nach Frankreich. Später arbeitete er als Model und Stylist, dann träumte er davon, seinen eigenen Laden zu eröffnen. "Ich wusste, dass es in Lomé einen großen Altkleidermarkt gab, weil ich dort schon ein paar Sachen gekauft hatte. Deswegen bin ich mal hingefahren, um mich umzuschauen – und ich bin direkt mit 500 Kilo zurückgekommen", erzählt er.

Selbst Designer kaufen bei Ayivi

Mittlerweile hat er mehrere Mitarbeiter in Lomé, denen er vermittelt hat, was Europäern gefällt. Ayivi lässt die Sachen in Togo waschen und ausbessern, bevor sie nach Paris geschickt werden. Dort verkauft er sie in Showrooms und Pop-up-Stores, kleinen Läden, die zum Beispiel während der Pariser Fashion Week geöffnet haben.

Amah Ayivi lässt die Kleidungsstücke gleich vor Ort waschen und ausbessern
Amah Ayivi lässt die Kleidungsstücke gleich vor Ort waschen und ausbessern.
Quelle: ZDF/Andrew Esiebo

"Hier habe ich ein paar Trenchcoats, die ich in Lomé gefunden habe", sagt er und zeigt auf einen Kleiderständer mit wadenlangen Mänteln in Beige-Tönen, die ziemlich altbacken wirken. "Dieser hier gefällt mir, er ist doppelt geknöpft. Oder der dort, mit diesem Schlitz im Rücken. Bei mir kaufen auch oft Designer, die sich Details inspirieren lassen", sagt Ayivi.

Vintage ist wieder gefragt

Besonders gefragt sei derzeit alte Arbeitskleidung, Blaumänner und Latzhosen etwa. Einige von seinen Stücken sehen so aus, als seien sie schon in ostdeutschen Kombinaten getragen worden. "Ich mag Vintage, weil es Einzelstücke sind. Das findet man nicht überall. Und man kann seinen persönlichen Touch hinzufügen, durch Schmuckstücke zum Beispiel", sagt Clarck Ayessa, der sich eine abgewetzte Latzhose vor den Bauch hält und prüfend in den Spiegel schaut.

Kunde Clarck Ayessa interessiert sich vor allem für alte Arbeitskleidung.
Kunde Clarck Ayessa interessiert sich vor allem für alte Arbeitskleidung.
Quelle: ZDF/Ulrike Koltermann

Es ist eine moderne Version des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern – während in der alten Geschichte der Kaiser sich am Ende unbekleidet zeigt, so kaufen sich manche modebewussten Europäer heute wieder Kleidung, die vor nicht allzu langer Zeit achtlos in Altkleiderbeutel gestopft wurden. "Ich fände es lustig, wenn eines Tages mal jemand in meinen Laden kommt und sagt: Ach, das habe ich ja früher selber mal getragen", sagt Ayivi und lacht.

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