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Weichenstellung für die Zukunft - Was Umweltschützer von der Klimakonferenz erwarten

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Worauf kommt es bei der Klimakonferenz an, die am Montag in Madrid beginnt? Ein Umweltschützer, der als Beobachter dabei ist, über die aktuelle Lage und seine Erwartungen.

Vertrocknetes Weizenfeld
Extremwetter und Ernteausfälle - der Klimawandel stellt auch die Landwirtschaft vor Herausforderungen.
Quelle: obs/energy2market gmbh

heute.de: Der UN-Sonder-Klimagipfel im September endete recht ergebnislos. Was erwarten Sie von der 25. Weltklimakonferenz (COP25), die am Montag in Madrid beginnt?

Christoph Bals: Die COP25 kommt zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt. Ein Jahr später wird dann das Pariser Klimaabkommen in Kraft treten, und bis dann wurden alle Länder aufgefordert, ihre Ziele nochmal zu überprüfen, ob sie die nicht nachschärfen können. Denn das zentrale Ziel ist es, die Temperatur nicht mehr als 1,5 Grad Celsius und notfalls 2 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit ansteigen zu lassen.

Es geht jetzt massiv darum, dass die G20-Länder ankündigen, bis nächstes Jahr ihre Ziele zu verschärfen, um diese Lücke zu den Temperaturzielen des Pariser Abkommens zu verringern. Das wird sehr umstritten sein, aber das ist ein zentrales Ziel der COP25.

heute.de: Die Klimaverhandlungen der letzten großen UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz im Dezember 2018 sind teilweise gescheitert - und zwar daran, dass man sich bei der umstrittenen Doppelzählung von Klimaschutzaktivitäten zweier Länder nicht einigen konnte. Haben Sie Beispiele dafür?

Bals: Vor allem Brasilien wollte erreichen, dass sich bei einer Klimaschutzkooperation beide Länder den Beitrag anrechnen lassen dürfen. Die Länder, die das bezahlen, sagen: Okay, wir müssen dann weniger Klimaschutz zuhause, beispielsweise in Deutschland, machen. Und gleichzeitig könnte dann zum Beispiel Brasilien sagen: Da sind in unserem Land Wälder geschützt worden, da haben wir unser Ziel jetzt damit erreicht. Damit ist dem Klima in Wirklichkeit nur einmal geholfen, auf dem Papier aber zweimal: ein Taschenspielertrick.

heute.de: CO2-Zertifikate sollen Investitionen im Ausland regeln. Ist es nicht sinnvoller, den Klimaschutz im Inland zu verstärken?

Es kann sinnvoll sein, statt die letzten Prozentpunkte sehr teuer extrem schnell hier zu erreichen, dass Doppelte an Klimaschutz in einem Schwellen- oder Entwicklungsland zu finanzieren.
Christoph Bals, Germanwatch-Geschäftsführer

Bals: Alle Länder müssen 2050 treibhausgasneutral sein, die Industrieländer schon vorher. An dem massiven Klimaschutz zuhause führt kein Weg vorbei. Aber um die Klimaziele zu erreichen, wäre es sinnvoll, in den Industrieländern schon bis 2030 oder 2035 treibhausgasneutral zu sein. Dies scheint, bis dann, schwer zu 100 Prozent erreichbar. Es kann sinnvoll sein, statt die letzten Prozentpunkte sehr teuer extrem schnell hier zu erreichen, dass Doppelte an Klimaschutz in einem Schwellen- oder Entwicklungsland zu finanzieren. Dies kann helfen, diese Länder von vornherein auf eine Zukunft einzustellen, die nicht auf Kohle, Öl und Gas basiert. Dafür können solche finanziellen Anreize und Investitionen sinnvoll sein.

heute.de: Die Klimaschäden nehmen weltweit zu. Die Kosten für die betroffenen Länder sind hoch. Verursacht haben die Schäden aber meist andere Länder. Findet dieses Thema auch Beachtung auf der COP25?

Bals: Für diese Schäden, die massiv zunehmen, hat man einen Mechanismus im Pariser Abkommen namens "Loss and Damage" ("Schäden und Verluste") geschaffen. Die Industrieländer haben für diesen Mechanismus noch keinen Cent eingezahlt. Sie haben Angst, dass vielleicht Haftungsfragen daraus entstehen könnten, weswegen sie das Thema mit ganz spitzen Fingern anfassen. In den Verhandlungen ist jetzt ein so genanntes Review, eine Überprüfung dieses bisher wirkungslosen Mechanismus, vorgesehen. Und das wird ein drittes ganz großes Thema werden.

heute.de: In welcher Größenordnung wären Investitionen für "Loss and Damage" notwendig?

Wichtig wäre auch, dass man endlich mal ein Frühwarnsystem für die großen Kipppunkte des Klimasystems auf den Weg bringt.
Christoph Bals, Germanwatch-Geschäftsführer

Bals: Ich glaube, es ist erstmal wichtig, dass jetzt erst einmal die Bereitschaft da ist, überhaupt etwas einzuzahlen. Damit diese Blockade aufgelöst wird. Ein pragmatisches Vorgehen wäre, sich drei oder fünf große Probleme, die in verschiedenen Teilen in Afrika, Lateinamerika, Asien entstanden sind, rauszusuchen und zu sagen: Da suchen wir jetzt mal eine konkrete Lösung für. Was ist notwendig um wirkungsvoll zu helfen? Das führt vielleicht weiter, als abstrakt über die Notwendigkeit von Unterstützung zu diskutieren. Und wenn man keinen Konsens mit allen findet, können Vorreiter die Lösung umsetzen. Wichtig wäre auch, dass man endlich mal ein Frühwarnsystem für die großen Kipppunkte des Klimasystems auf den Weg bringt.

heute.de: Ausgewählte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben einen Beobachterstatus auf der COP25. Welche Möglichkeiten haben sie, dort Einfluss zu nehmen?

Bals: Das ist ganz verblüffend, wie stark der Einfluss der NGOs ist. Die Verhandler können immer nur direkt mit den anderen Ländern kommunizieren. Und wir als NGOs haben täglich enge Kontakte zu NGOs und Verhandlern aus aller Welt. Wir setzen uns abends und morgens zusammen, um das Puzzlebild zusammenzufügen, sodass man aus sehr vielen Ländern Informationen hat. Dann können wir sehr genau überlegen, wie wir strategisch vorgehen.

Wir haben die Möglichkeit, in einer sehr konstruktiven Weise die Dinge mit voranzubringen, und die nutzen wir.
Christoph Bals, Germanwatch-Geschäftsführer

Und jeden Morgen, wenn die Delegierten auf ihren Platz kommen, ist über Nacht schon eine Zeitung entstanden, wo die wichtigsten Vorschläge für den nächsten Tag schon gemacht sind. Das bedeutet, wir haben die Möglichkeit, in einer sehr konstruktiven Weise die Dinge mit voranzubringen, und die nutzen wir.

heute.de: Deutschland sieht sich in einer Vorreiterrolle. Wie kommt das Klimapaket der Bundesregierung international an?

Bals: Eine Vorreiterrolle, die hatte Deutschland noch vor zehn Jahren ungefähr. Sie ist jetzt noch punktuell da. Zum einen steht Deutschland bei der Klimafinanzierung und zum anderen bei den erneuerbaren Energien im Stromsektor gut da. Das sind die zwei Bereiche, wo Deutschland noch ernst genommen wird, als ein Vorreiter in der Debatte.

Wir bewerten die 60 größten Staaten jährlich in einem Klimaschutzindex. Bis vor sieben bis acht Jahren war Deutschland noch in der Spitzengruppe mit dabei. Letztes Jahr war es Platz 27 und ich rechne nicht damit, dass Deutschland dieses Jahr deutlich besser abschneiden wird. Dabei spielt auch das Klimapaket eine große Rolle.

Viele hatten gehofft, nachdem die Klimaziele für 2020 krachend verfehlt worden sind, dass jetzt ein Paket auf den Weg gebracht wird, womit die Ziele für 2030 wirklich erreicht werden können. Das was dort vorgelegt wurde, reicht dafür sicherlich nicht aus. Es muss massiv nachgebessert werden.

Das Interview führte Thomas Gentsch, ZDF-Umweltredaktion.

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