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In der Zelle verbrannt - Oury Jalloh: Nach 13 Jahren Mord-Anzeige

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Oury Jalloh starb bei einem Brand in einer Dessauer Haftzelle. Seit 13 Jahren ist unklar, wie es dazu kam. Jetzt hat eine Initiative Anzeige wegen Mordes erstattet.

Seit Jahren finden am Todestag Oury Jallohs in Dessau Demonstrationen statt.
Seit Jahren finden am Todestag Oury Jallohs in Dessau Demonstrationen statt. Quelle: dpa

Es ist der Morgen des 7. Januars 2005: Oury Jalloh wird von der Polizei festgenommen. Weil er sich gegen die Beamten wehrt, fesseln sie den stark betrunkenen Mann, der auch Drogen genommen hat, an Händen und Füßen auf eine Matratze. Wenige Stunden später bricht in der Zelle ein Feuer aus. Der Flüchtling aus Sierra Leone stirbt in den Flammen - seine Leiche: bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Fahrlässige Tötung, Selbstmord, Mord?

Schnell werden Vorwürfe gegen drei Polizisten laut, unter ihnen auch der damalige Dienstgruppenleiter. Im Mai 2005 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Beamte - wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung mit Todesfolge. Eine Rettung sei möglich gewesen, wenn die Polizisten rechtzeitig und richtig reagiert hätten. Von vorsätzlichem Mord gehen die Ermittler allerdings nicht aus.

Oury Jalloh habe die Matratze mit seinem Feuerzeug in Brand gesteckt, um auf sich aufmerksam zu machen, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft. Am Ende mehrerer jahrelanger Prozesse wird einer der Angeklagten Ende 2012 zu einer Geldstrafe verurteilt - fast acht Jahre nach dem Tod von Oury Jalloh.

Zum 13. Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh haben in Dessau etwas zweitausend Menschen demonstriert. Jalloh war in einer Zelle der Dessauer Polizei bei einem Brand ums Leben gekommen.

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Doch Zweifel bleiben. Der Brand wird mehrere Male nachgestellt. Auch von der "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh", die davon überzeugt ist: "Das war Mord!" Mehrere Gutachter werden hinzugezogen - ein eindeutiges Meinungsbild gibt es nicht, aber: Es bleiben viele Fragen. Und: Die Zweifel mehren sich. So gab es beispielsweise kaum Rußpartikel in der Lunge von Jalloh. Gutachter meinen: Hätte er beim Ausbruch des Feuers noch geatmet, hätten diese Partikel vorhanden sein müssen. Auch Jallohs Adrenalinpegel war normal. Auch das spräche klar dagegen, dass der Flüchtling aus Sierra Leone das Feuer bewusst erlebt habe.

"Kein hinreichender Tatverdacht"

Im Sommer 2016 wird der Fall Oury Jalloh von der bislang zuständigen Staatsanwaltschaft Dessau abgezogen - Halle übernimmt, mittlerweile sind es mehrere Umzugskartons voller Akten, Gerichtsurteile, Gutachten. Im Oktober 2017 schließlich stellt die Behörde die Ermittlungen endgültig ein. Das Verfahren habe "keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung" ergeben, befindet Oberstaatsanwältin Heike Geyer.

Aktenvermerk mit Sprengkraft

Doch kurz darauf gelangen brisante Unterlagen an die Öffentlichkeit, die der Mordthese neues Futter geben. Ein neunseitiges internes Papier, verfasst ausgerechnet vom ursprünglichen Chefermittler in Dessau, Oberstaatsanwalt Folker Bittmann. Jahrelang ging auch er davon aus, Jalloh habe sich selbst getötet.

Der detailreiche Aktenvermerk vom 4. April 2017 (liegt dem ZDF vor) markiert eine 180-Grad-Kehrtwende: Nach dem letzten Brandversuch geht Bittmann jetzt von Mord aus. Nach Analysen beauftragter Mediziner, so fasst Bittmann zusammen, könne "Oury Jalloh nicht mehr über die Handlungsfähigkeit verfügt haben, die es ihm erlaubt hätte, das Feuer selbst zu entzünden". Bittmann hält folgendes Szenario für am wahrscheinlichsten: "Oury Jalloh befand sich bereits in einem Zustand der Agonie, als er mit einer geringen Menge von Brandbeschleuniger bespritzt wurde und verstarb spätestens unmittelbar nach Ausbruch des Feuers."

Versuch, "mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen"?

Mögliche Gründe für eine solche Tat finden sich ebenfalls in Bittmanns brisantem Vermerk. Bei der Obduktion Jallohs wurde ein Nasenbeinbruch festgestellt, den sich der Betrunkene laut Polizeiaussage während der Vernehmung selbst zugefügt haben soll. Der Oberstaatsanwalt hält es für plausibel, dass die Beamten aus Angst vor internen Ermittlungen versucht hätten, "mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen, die den Vorwurf unterlassener Hilfeleistung gegen die diensthabenden Polizeibeamten begründen könnten". Ein Vertuschungsmord also.

Die Reaktionswellen darauf schlagen hoch: Die Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) wird von den Linken zum Rücktritt aufgefordert - sie habe den Landtag falsch informiert. Einen Rücktritt schließt Keding aus - beauftragt allerdings im Dezember die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg mit einer neuen Bewertung des Falls. Mit schnellen Ergebnissen ist nicht zu rechnen. Mittlerweile hat die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" Mordanzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe erstattet. Ob der die Ermittlungen an sich ziehen wird, ist offen.

Mordthese beweisbar?

An diesem Sonntag ist es genau 13 Jahre her, dass Oury Jalloh ums Leben kam. In Dessau wird anlässlich seines Todestages demonstriert - wie in jedem Jahr. Der Tenor wird an diesem 7. Januar wohl besonders deutlich sein: "Oury Jalloh - das war Mord!"

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