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Krise in Tschadsee-Region - "Wir müssen diese Menschen schnell erreichen"

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Sie ist Schauplatz einer der größten humanitären Krisen Afrikas. Die Tschadsee-Region leidet unter Klimawandel und Terror. Nun beginnt in Berlin eine Geberkonferenz für die Region.

Frau im Tschad
Die heute völlig verarmte Tschadsee-Region war früher ein wichtiges Scharnier zwischen der Sahara und dem südlicheren Afrika. (Archivbild) Quelle: ap

Der Chef des UN-Entwicklungsprogrammes UNDP, Achim Steiner, warnt vor einer Fluchtwelle aus der stark vom Klimawandel betroffenen Tschadsee-Region, falls die Staatengemeinschaft den Menschen dort nicht langfristig Lebensperspektiven verschafft. "Diese Region am Tschadsee, aber auch der gesamte Sahel, ist ein Gebiet, wo Millionen von Menschen an dem Punkt sind, dass sie zum Teil einfach nicht mehr an eine Zukunft glauben", sagte Steiner vor Beginn einer internationalen Tschadsee-Konferenz am Montag in Berlin in einem Reuters-Interview.

"Diese Menschen müssen wir schnell erreichen. Denn sie wollen ja gar nicht ihr Land verlassen, aber die Umstände zwingen sie immer mehr dazu." Die Tschadsee-Region, wo knapp sechs Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind, ist Schauplatz einer der größten humanitären Krisen Afrikas.

Maas: "Wir können uns nicht erlauben, wegzuschauen"

"Wir sollten uns daran erinnern, dass wir bereits einmal vor knapp acht Jahren einen großen Fehler gemacht haben, als die Syrien-Krise begann und viele Menschen flüchten mussten", mahnte Steiner. Damals hätten die Vereinten Nationen vergeblich um Hilfszusagen gebeten und daraufhin Krankenstationen und Schulen in Flüchtlingslagern schließen und die Essensrationen halbieren müssen.

"Wir dürfen nicht überrascht sein, wenn Menschen wie Sie und ich mit unseren Kindern in so einem Lager sind, wo es keine Gesundheitsversorgung gibt, keine Bildung und Sie nicht mal mehr genug zu essen haben: Was würden Sie machen? Aufbrechen, fliehen anderswohin", sagte Steiner. "Diese Tschadsee-Konferenz ist letztlich ein Appell an die Welt, auf die Realität zu schauen und sich nicht mit Debatten darüber aufzuhalten: Sollten wir Hilfe an Afrika geben oder nicht?"

Vor der Konferenz in Berlin beklagte auch Bundesaußenminister Heiko Maas die Lage in der afrikanischen Region. Dort spiele sich seit Jahren nicht nur "eines der größten humanitären Dramen unserer Zeit ab", sagte Maas der Funke Mediengruppe einem Vorabbericht zufolge. "Die Region ist auch zum Tummelplatz für Gruppen wie Boko Haram und ISIS geworden, die auch für unsere Sicherheit in Europa eine Bedrohung sind. Wir können uns nicht erlauben, wegzuschauen, wenn die Nachbarn unserer Nachbarn destabilisiert werden."

Steiner: Industrieländer haben sich zu sehr auf Städte konzentriert

UNDP-Chef Steiner begrüßte, dass Deutschland den Entwicklungsetat in den vergangenen Jahren erhöht habe und zunehmend den Blick auf Afrika richte. "Aber vor dem Hintergrund der Komplexität und der Größenordnung der Probleme im Sahel glaube ich, haben die Industrieländer insgesamt in den letzten Jahrzehnten nicht weitsichtig genug gehandelt", bemängelte er.

Karte vom Tschad mit dem Tschadsee und angrenzend Niger, Nigeria und Kamerun
In der Tschadsee-Region, in der die Grenzen der Länder Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun zusammenlaufen, spielt sich eine der größten humanitären Krisen der Welt ab. Quelle: ZDF

Sie hätten zwar bei Hungersnöten eingegriffen und Nothilfe geleistet. "Das läuft ein, zwei, drei Jahre, damit retten wir Millionen von Menschen, aber wir lösen letztlich nicht die Grundprobleme, die die Region hat." Diese seien eine mangelnde Entwicklung und ökologische Krisen verbunden mit dem Klimawandel, was sich wegen der wachsenden Bevölkerung noch verschärfe. Die Industrieländer hätten ihre Hilfe auch zu sehr auf Städte und Infrastruktur konzentriert und dabei vernachlässigt, dass ein Großteil der Menschen gerade in der Tschadsee-Region und dem Sahel in sehr isolierten ländlichen Gebieten lebe.

Finanzierung langfristiger Projekte ist Thema bei Konferenz in Berlin

"Mittel- und langfristig gedacht - und das ist ja das Thema dieser Konferenz - geht es nicht nur um humanitäre oder Nothilfe, sondern um den langfristigen Aufbau dieser Volkswirtschaften, die es den Menschen dort ermöglichen, ihre Lebensgrundlagen zu erhalten und zu entwickeln", erklärte Steiner. Dies sei in Deutschlands ureigenstem Interesse, nicht nur wegen Flüchtlingen und Migration, sondern weil eine stabile Tschadsee-Region künftig auch Absatzmärkte bieten und Partner in der globalen Wirtschaft werden könne.

Das Berliner Treffen wird nach den Worten Steiners ein Zwischenstopp nach der Vorgängerkonferenz 2017 in Oslo sein. Man werde schauen: "Was haben wir von dem, was wir versprochen haben, schon umgesetzt? Wo kommen wir weiter? Wo stecken wir fest?". Die Zusagen für humanitäre Hilfe hätten zwar zugenommen, reichten aber immer noch nicht aus. 2017 hätten sie nur 45 Prozent des Bedarfs gedeckt. In Berlin müsse zudem verstärkt über die Finanzierung der langfristigen Entwicklung gesprochen werden.

Tschadsee ist nur noch ein Schatten seiner selbst

Die heute völlig verarmte Tschadsee-Region war früher ein wichtiges Scharnier zwischen der Sahara und dem südlicheren Afrika. Die schätzungsweise rund 50 Millionen Menschen dort leiden inzwischen aber immer stärker unter dem Klimawandel und den Angriffen der Extremistenorganisation Boko Haram. Seit 1963 ist der Tschadsee auf ein Zwanzigstel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft, viele Nomaden finden kein Futter mehr für ihre Tiere.

Die zweitägige Konferenz in Berlin, die von Außenminister Heiko Maas eröffnet wird und zu der über 50 Delegationen erwartet werden, will die Aufmerksamkeit auf die Krisenregion lenken, Hilfszusagen einwerben und nach Möglichkeiten suchen, wie die Gegend, die Teile Nigerias, Nigers, Kameruns und des Tschad umfasst, langfristig eine Entwicklungsperspektive bekommen kann.

Knapp elf Millionen Menschen in dem Gebiet sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Etwa 17 Millionen Menschen wohnen in Gegenden, die stark von den Angriffen und Anschlägen von Boko Haram betroffen sind. Etwa 2,4 Millionen Menschen leben als Binnenflüchtlinge im eigenen Land.

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