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Nach Angriff in Halle - Juden fordern mehr Zivilcourage

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Unter Juden in Deutschland ist die Betroffenheit nach dem Angriff in Halle groß. Sie fordern mehr Zivilcourage. "Letztlich kann es jeden Juden treffen", so eine jüdische Studentin.

Eingang der Synagoge am 10.10.2019 in Halle
Synagoge in Halle
Quelle: Reuters

Für Lena Prytula ist der jüdische Feiertag Jom Kippur sehr heilig. Doch die 19-jährige jüdische Studentin war am Mittwoch auf dem Rückweg von einer Studienreise in Spanien. "Deswegen konnte ich nicht in die Synagoge", sagt die Spanisch-Studentin. "Ich habe den restlichen Tag damit verbracht, die Nachrichten zu lesen. Wir sind alle schockiert. Ich wusste gar nicht mehr wohin mit meinen Gedanken."

Jom Kippur – höchster jüdischer Feiertag

Prytula ist im Austausch mit drei Juden, die zur Tatzeit in der Synagoge in Halle waren. "Ich kenne sie von Seminaren in Berlin. Das hat mich richtig fertig gemacht. Aber letztlich kann es jeden Juden treffen." Perfide sei, dass sich der Täter den höchsten jüdischen Feiertag für sein Verbrechen ausgesucht habe. "Am Versöhnungstag Jom Kippur entscheidet sich, ob man in das Buch des Lebens eingeschrieben wird", erklärt das Vorstandsmitglied des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern. "Als Jude hofft man, dass Gott an diesem Tag einem die Sünden verzeiht."

Deswegen fasten auch viele Juden an Jom Kippur - genauer gesagt vom Sonnenuntergang des Vorabends bis zum Sonnenuntergang des Jom Kippur. Nichts zu essen und nichts zu trinken seien "nur die äußeren Zeichen für die innere Umkehr an diesem Versöhnungstag", sagt Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte an der LMU München. Es gehe darum, "alles, was man im vergangenen Jahr getan hat, Revue passieren zu lassen und seine Sünden zu überdenken und zu bereuen".

Aufklärung "ein Tropfen auf dem heißen Stein"

Für Brenner ist das Datum des Angriffs kein Zufall, "da an diesem Tag die Synagogen am meisten gefüllt sind. Es war im Übrigen auch an Jom Kippur, als 1973 die ägyptische Armee den Staat Israel mit einem militärischen Angriff überraschte, dem sogenannten Jom-Kippur-Krieg." Um Antisemitismus vorzubeugen, arbeitet Brenner intensiv mit Schulen und Bildungsbehörden zusammen. Ob er damit aber auch Rechtsextremismus vorbeugen kann, wisse er nicht.

Der Täter wollte in der Synagoge in Halle ein Blutbad anrichten. Seinen Amoklauf stellte er live ins Internet.

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"Aufklärungsarbeit ist immer ein Tropfen auf den heißen Stein. Man erreicht zunächst nur die wirklich Interessierten, doch diese sind oft Multiplikatoren, die ihr Wissen weitergeben", sagt Brenner. "Man weiß ja nie, wen man wirklich erreichen konnte. Man sieht immer nur, wen man nicht erreichen kann." Besonders für die wenigen noch lebenden Holocaust-Überlebenden sei die Tat in Halle "ein Schlag ins Gesicht", findet Brenner. "Und dennoch wissen gerade sie, dass man nie aufgeben darf, nie dem Unrecht kampflos gegenüberstehen kann."

"Ich bin stolz, eine Jüdin zu sein"

Die Behörden in Halle stehen unter Druck, weil vor dem Gottesdienst keine Polizeikräfte stationiert waren. Polizeischutz sei "in vielen jüdischen Gemeinden die traurige Realität", sagt Brenner. "Es ist traurig, dass man heute in Deutschland eine jüdische Einrichtung nicht am Davidstern, sondern am Polizeiwagen davor erkennen kann."

Einen Davidstern trägt auch die Studentin Prytula um den Hals. "Dazu stehe ich. Ich bin stolz, eine Jüdin zu sein." Auch wenn sie dafür öfter "seltsame Blicke in der U-Bahn" erhalte. "Ich hole gleich meinen Bruder von der Schule ab. Das ist nicht gerade im besten Viertel. Da habe ich schon ein mulmiges Gefühl", sagt Prytula. In der Grundschule sei sie öfter als "Judensau" beschimpft worden – ohne, dass die Lehrer eingegriffen hätten. Die Lehramtsstudentin will später als Lehrerin schneller eingreifen.

Was sich die jüdische Studentin nun wünscht? "Mehr Zivilcourage", sagt Prytula. "Der Anschlag ist eine Tragödie für die deutsche Demokratie." Die ganze Gesellschaft sei gefordert, den Mund aufzumachen, wenn sie Zeuge von Antisemitismus, Rassismus oder Hass werde.

"Strukturelle Hassunterwanderung"

Mehr Zivilcourage – das fordert auch der jüdische Publizist Michel Friedman im ZDF. Es gehe darum, Gesicht zu zeigen – egal ob "im Beruf, im Verein, in der Familie". Friedman erinnert an den jüdischen Theatermann George Tabori, von dem die Worte stammen: "Jeder ist jemand." Radikale Kräfte versuchten zu beweisen, dass "einige niemand" seien. "Darauf zu reagieren, ist unverzichtbar", sagt Friedman.

Es sei nicht akzeptabel, dass jeden Samstag auf Fußballplätzen gegnerische Mannschaften als Juden beschimpft würden. "Der Alltag vergiftet das Klima einer Gesellschaft, wenn Hass von einigen propagiert wird und die meisten einfach schweigen." Was Friedman nicht mehr hören könne, sind bloße Solidaritätsbekundungen. Man dürfe die "Ernsthaftigkeit der strukturellen Hassunterwanderung" nicht übersehen.

Die AfD habe zu einer Vergiftung des Klimas beigetragen. "Die AfD ist eine Partei der geistigen Brandstiftung", sagt Friedman. Die AfD nenne den Holocaust einen "Vogelschiss der Geschichte". Es brauche nicht mehr viel, damit "einen radikalen Holocaustleugner" zu motivieren.

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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